Philosophischer Feingeist und radikaler Antisemit

Jena  Stumme Zeugen (18): Denkmal am Fürstengraben erinnert an Jakob Friedrich Fries (1773-1843)

Das Denkmal am Fürstengraben ist kaum zu übersehen.

Das Denkmal am Fürstengraben ist kaum zu übersehen.

Foto: Immanuel Voigt

Der Gedenkstein, mit dem sich unser 18. Teil der Denkmalserie beschäftigt, ist ziemlich leicht zu finden, steht er doch an der Jenenser „via triumphalis“. So wurde einstmals der Fürstengraben aufgrund seiner hohen Denkmaldichte bezeichnet. Man könnte auch sagen, hier zeigt sich eine kleine Auswahl der bekanntesten Köpfe der Jenaer Universität, vor allem aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Einer unter ihnen war Jakob Friedrich Fries. Sein Denkmal findet sich an zweiter Stelle, wenn man von der Weigelstraße kommend den Fürstengraben in Richtung Pulverturm begeht.

Wer war der Mann, an den hier erinnert wird? Fries kam am 23. August 1773 in Barby an der Elbe als Sohn des Pfarrers Peter Fries und dessen Frau Christiane Sofie zur Welt. Nachdem sein Vater in die Herrnhuter Brüdergemeinde eingetreten war, wurde der junge Fries ab 1778 in den Herrnhuter Lehranstalten in Niesky erzogen, da sich sein Vater wegen vieler Reisen nicht um ihn kümmern konnte. Der Junge war als Kind häufig krank und musste daher viel Zeit allein in den Krankenzimmern verbringen. Ein einschneidendes Erlebnis.

Vorlesungen Fichtes in Jena besucht

Mit der Herrnhuter Religionsauslegung konnte sich Fries nicht anfreunden, dennoch lehnte er die Existenz eines Gottes nie ab. Ab 1795 studierte er in Leipzig deshalb nicht Theologie, sondern Jura und Philosophie, zwei Jahre später kam er nach Jena. Hier besuchte er unter anderem die Vorlesungen Johann Gottlieb Fichtes und richtete sein Studium stärker naturwissenschaftlich aus. Nach einer zweijährigen Tätigkeit als Hauslehrer in der Schweiz promovierte Fries 1801 in Jena und habilitierte sich noch im selben Jahr. 1805 wurde er zum außerordentlichen Professor ernannt, wechselte dann aber noch im selben Jahr auf eine ordentliche Professur für Philosophie und Mathematik (später kam Physik hinzu) an die Universität nach Heidelberg. Hier blieb Fries elf Jahre lang Hochschullehrer und verfasste in dieser Zeit seine grundlegenden Werke.

Während der Befreiungskriege gegen Napoleon Bonaparte hatte sich Fries verstärkt politischen Themen zugewandt, die sich in Reden und Flugschriften niederschlugen. Er war ebenfalls ein Unterstützer der Burschenschaft. 1816 kehrte er durch einen Ruf des Großherzogs Carl August nach Jena zurück. Ein Jahr später nahm der Philosophieprofessor am Wartburgfest teil, was ihm später zum Verhängnis werden sollte. Nachdem der Jenaer Student Karl Ludwig Sand das Attentat an August von Kotzebue verübt hatte, kam die Zeit der Demagogenverfolgung. Jakob Friedrich Fries geriet in das Visier der Behörden, als man ihn nahe des Attentäters (Sand war ein Fries’scher Schüler) wähnte. 1819 wurde er zwangsemeritiert, allerdings zahlte der Großherzog sein Gehalt weiter. Erst 1824 erhielt er für Mathematik und Physik seine Rehabilitation. Es dauerte dann noch weitere 13 Jahre, ehe er wieder als Philosoph lehren durfte. Kurz vor seinem 70. Geburtstag starb er am 10. August 1843 in Jena.

Ein dunkler Fleck bleibt in seiner Biografie. In seiner 1816 erschienenen Polemik „Über die Gefährdung des Wohlstandes und Charakters der Deutschen durch die Juden“ äußerte er sich nicht nur antisemitisch, sondern empfahl, dass man Juden vom Rest der deutschen Bevölkerung trennen und zur Auswanderung drängen sollte.

Sein Denkmal am Fürstengraben verläuft in Abstufungen beginnend mit einem Fries aus Schmuckornamenten, gefolgt von einem Sockel und der darüber befindlichen Inschrift. Oberhalb befindet sich ein weiterer Schmuckfries und als Abschluss eine Büste aus Bronze, die das Konterfei Jakob Friedrich Fries zeigt. Die Büste wurde nach einem Entwurf des Weimaraner Bildhauers Robert Härtel (1831-1894) angefertigt. Das Denkmal selbst war zu Ehren des 100. Geburtstags des Philosophen am 23. August 1873 enthüllt worden. Die „Jenaische Zeitung“ brachte in den Tagen nach der Enthüllung etliche kurze Berichte dazu. Schon am 22. August hatten sich die „Friesianer“, also die Anhänger des Philosophen, in Jena eingefunden. Am Vormittag besuchten viele Festteilnehmer das Grab von Fries auf dem Johannisfriedhof. Am Enthüllungstag herrschte dann herrlichstes Sommerwetter. Pünktlich um 11 Uhr setzte sich der Festzug bestehend aus etwa 100 Personen von den Rosensälen in Richtung des Denkmals in Bewegung. Voran schritten die Burschenschafter, gefolgt von ehemaligen Fries’schen Schülern und Anhängern, Vertretern der Universität, Studenten und etlichen Bürgern der Stadt. Hofrat Schmid hielt eine kurze Rede und übergab daraufhin das Denkmal der Stadt, wofür sich der damalige Bürgermeister Blochmann bedankte. Es folgten weitere Reden und das anschließende Festmahl im „Deutschen Haus“. Den Abschluss fand die Feierlichkeit mit einem Ausflug in den Forst.

Kleiner Aufreger am Rande der Enthüllung

Einen kleinen Aufreger am Rande der Feier gab es auch. Gerade die Büste hatte bei manchem „Frisianer“ für Erstaunen bis hin zur Verärgerung gesorgt. In der „Jenaischen Zeitung“ heißt es in einem Beitrag, der offensichtlich von einem Anhänger des Philosophen verfasst wurde: „Die durch die Kunst dargestellten Züge [der Büste] kann man wohl eine ideale Verklärung von Fries Wesen nennen“. Für manchen hatte das Bildnis demnach wenig Ähnlichkeit mit der Realität. Einige Tage nach diesem Beitrag verteidigte Dr. Christian Grapengießer (ebenfalls ein Anhänger von Fries) den Künstler wiederum in der „Jenaischen Zeitung“ gegen die Kritik. Anschließend beruhigten sich die Wogen wieder.

Ursprünglich befand sich am Denkmal wohl nur an der Vorderseite eine Inschrift: „Jacob Friedrich Fries / 1773-1843 / Professor in Jena 1805 und 1816-1843 / Philosoph des klassisch deutschen Idealismus“.

Letztmalig wurde der Stein dann 1972, kurz vor dem 200. Geburtstag des Professors, restauriert, wie die Inschrift auf der Rückseite schildert. Zudem wird der Bildhauer Härtel erwähnt. Dem Zeitgeist der DDR sind dann die Inschriften an den beiden Seiten des Denkmals geschuldet. An der Westseite ließt man: „Befürwortete 1841 die Promotion von Karl Marx an der Universität Jena“, was logischerweise nichts mit dem Originalentwurf des Denkmals zu tun haben konnte. An der Ostseite steht: „Aus politischen Gründen 1819-1837 Lehrverbot für Philosophie“. Insgesamt befindet sich das Denkmal in einem guten Zustand und ist auf dem Fürstengraben kaum zu übersehen.

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