Polizei jetzt schuss- und stichfest

Jena  Die neuen Sicherheitswesten verändern das Erscheinungsbild  auch der Jenaer Beamten.

Die Jenaer Kontaktbereichsbeamten Olaf Maisch (links) und Mario Bergner mit den neuen Schutzwesten der Thüringer Polizei.

Foto: Th. Büker

Dass Jenas Polizisten künftig etwas martialischer aussehen, ist keine Folge der Gewaltexzesse in Hamburg. Schon im Dezember wurde damit begonnen, die Beamten in Thüringen mit neuen Schutzwesten auszustatten. Dass diese über der Uniform getragen werden, wird das Bild der Polizei in der Öffentlichkeit verändern.

Schutzwesten gehörten schon immer zur Ausstattung. Doch weil die alten Westen unter den Hemden getragen wurden, waren sie für manchen Polizisten eine Last. Vor allem im Sommer. „Die Kollegen sollen den bestmöglichen Schutz erhalten“, sagte der Leiter des Inspektionsdienstes, Thomas Wehling.

Innenleben der Weste für Schutz entscheidend

Die neuen Westen haben unterschiedliche Taschen, die mit Klettverschlüssen individuell positioniert werden können. So tragen die Kontaktbereichsbeamten für Jena-Nord und Winzerla, Olaf Maisch und Mario Bergner, Pistole mit einem Ersatzmagazin, Handschellen, Schlagstock, Handschuhe und Pfefferspray am Koppel, während zum Beispiel das Funkgerät an der Weste haftet. Auf Höhe des Schlüsselbeins wird das Handsprechgerät angebracht. Für den Schutz der Beamten ist jedoch das Innenleben der Weste entscheidend. Darin befinden sich sowohl eine ballistische Weste, die vor Geschossen schützen soll, sowie die neuen Stichschutzwesten, die wie Kettenhemden aufgebaut sind. Sie sollen die Beamten beispielsweise vor Messerattacken oder Angriffen mit zerbrochenen Flaschen schützen.

Westen werden personalisiert

Etwa 1000 Euro kostet jede Weste, wobei das Spezialmaterial den Preis in die Höhe schraubt: Polyethylen- und Aramidfaser. Im Fachjargon bedeutet das: Die Schutzklasse beinhaltet den durchschusshemmenden Schutz gegen Weichkern- und Polizeigeschosse aus Kurzwaffen (einschließlich Maschinenpistolen) im Kaliber 9 x 19 mm und gegen Geschosse mit erhöhter Geschossenergie aus den Kurzwaffen Makarov, Tokarev oder Magnum.

Jeder Beamte erhält dabei seine persönliche, genau passende Weste. Die ersten 200 Schutzwesten wurden diese Woche der Jenaer Polizei übergeben. Weitere 500 Westen werden noch folgen. Anfang Dezember hat sich die Thüringer Polizei bei einem Beschuss vorführen lassen, dass die Schutzausrüstung hält, was versprochen wird.

Thomas Wehling verhehlt nicht, dass dieser Schutz notwendig sei. Zwar sei die Zahl der Gewaltdelikte gegenüber Polizisten konstant, die Qualität dieser Gewalt habe sich jedoch dramatisch verändert. Etwa 1000 Polizisten im Jahr werden im Freistaat jährlich angegriffen, für Jena liegt die Zahl bei 150. „Aber neu ist, dass mit Holzlatten zugeschlagen und mit Schraubenziehern zugestochen wird. Zum Beispiel. Und wenn ein Beamter am Boden liegt, tritt man auch mal nach“, erläuterte der Inspektionsleiter. Wehling beklagt eine Erosion des Respekts gegenüber staatlichen Institutionen und spricht ganz allgemein von einer Verrohung der Gesellschaft, in der Normen und Werte nicht mehr akzeptiert werden. Und das sei nicht allein auf Demonstrationen zu erkennen, sondern in allen Bereichen, in denen die Polizei tätig ist.

Situation kann schnell eskalieren

Eine harmlose Verkehrskontrolle könne plötzlich aus dem Ruder laufen. Oder ein Ehekrach eskaliere derart, dass die Beamten plötzlich mit dem Rücken an der Wand stehen. Für derartige Einsätze würden die Beamten extra geschult. Schützen und helfen: Darum geht es bei Einsätzen, wenn Männer ihre Frauen schlagen. Und doch schlägt in den eigenen vier Wänden häufig die Stimmung um, solidarisieren sich Opfer und Täter, wobei die Wut sich plötzlich gegen die Polizei richtet. In den eigenen vier Wänden fühle man sich sicher, weshalb immer mit einer Eigengefährdung zu rechnen sei.

Das Grundgesetz sagt, die Wohnung sei unverletzlich. Wenn die Polizei, zum Schutz vor häuslicher Gewalt unmittelbar eine Wohnungsverweisung und ein Rückkehrverbot für bis zu zehn Tage ausspreche, könne diese auch zu Kurzschlussreaktionen führen.

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