Rezepte für ein langes Leben von einem Saalfelder

Saalfeld/Rudolstadt  Der Saalfelder Mediziner Gerd Reuther hat nach seinem Bestseller „Der betrogene Patient“ ein neues Buch geschrieben: „Die Kunst, möglichst lange zu leben“.

Viel Bewegung an der frischen Luft, weniger ungesundes Essen – und nicht zu oft zum Arzt, das gehört zu Gerd Reuthers Rezept für ein längeres Leben.

Viel Bewegung an der frischen Luft, weniger ungesundes Essen – und nicht zu oft zum Arzt, das gehört zu Gerd Reuthers Rezept für ein längeres Leben.

Foto: Frank Rumpenhorst

Im Frühjahr 2017 landete der Saalfelder Mediziner und Publizist Gerd Reuther mit seinem Buch „Der betrogene Patient“ einen Sachbuch-Bestseller. Am Dienstag, dem 11. September, stellt der 59-Jährige erstmals sein neues Werk „Die Kunst, möglichst lange zu leben“ (Riva Verlag, 160 Seiten, 14,99 Euro) in der Stadtbibliothek Rudolstadt vor. Darin unternimmt er 222 Jahre nach dem Thüringer Arzt Christoph Wilhelm Hufeland („Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern“) den Versuch, „möglichst umfassend darzulegen, worauf es für ein langes Leben ankommt“. Wir sprachen vorab mit dem gebürtigen Franken.

Herr Reuther, Ihr Buchtitel beschreibt einen Wunsch, den wohl die meisten Menschen hegen. Was sind die wichtigsten Stellschrauben für ein langes Leben?

Es gibt, grob gesagt, drei Stellschrauben. Punkt eins: die Ernährung. Wir sind immer auch das und werden zu dem, was wir zu uns nehmen. Das Zweite sind Verhaltensregeln, um die Risiken zu minimieren, durch die man zu Schaden kommen könnte – sei es durch die Aufnahme von Giften oder etwa durch einen Mangel an Bewegung. Und das Dritte, was häufig vernachlässigt wird, ist der Gebrauch der Medizin, die in bestimmten Fällen nützt und lebensverlängernd ist, aber heute leider in mehr Fällen lebensverkürzend ist.

Auf die Mängel der heutigen Medizin haben Sie schon in Ihrem Buch „Der betrogene Patient“ hingewiesen.

Genau. Es gehört aber auch in dieses Buch mit rein. Was nützt es, wenn sich jemand biologisch-dynamisch extrem gesund ernährt und nebenbei fünf bis zehn Medikamente zu sich nimmt.

Zum Autor Gerd Reuther

  • Gerd Reuther wurde 1959 in der Nähe von Bayreuth geboren.
  • Er blickt auf 30 Berufsjahre zurück. So war er von 2007 bis 2014 Leitender Abteilungsarzt der Klinik für Diagnostische Radiologie und Interventionelle Radiologie der Thüringen-Kliniken Saalfeld.
  • Heute widmet sich er sich dem Schreiben und seiner Vortragstätigkeit.
  • Gerd Reuther lebt mit seiner Frau, der Autorin Renate Reuther, in Saalfeld.

Lassen Sie uns Ihre drei Punkte noch einmal aufdröseln. Wie sieht die perfekte Ernährung aus?

Das lässt sich auf vier Punkte reduzieren. Der erste Fehler: Es wird hierzulande grundsätzlich zu viel gegessen. Übergewicht ist ein Faktor, der viele Krankheiten provoziert und damit lebensverkürzend wirkt. Das Zweite ist, dass wir zu viele industrielle Fertigprodukte zu uns nehmen und zu wenige rohe und frisch verarbeitete Lebensmittel. Drittens: Es besteht ein Trend, dass zu wenig vielseitig gegessen wird, gerade wenn man die jüngere Generation betrachtet. Da nimmt der Pizza-, Döner- und Schnitzel-Konsum weiter zu. Dabei ist es sehr sinnvoll, immer wieder etwas Anderes zu essen, um die Mikrobenvielfalt in unserem Darm zu erhalten. Vierter Punkt: Es wird vielfach zu den falschen Zeiten gegessen. Man sollte jeden Tag einen längeren Zeitabschnitt von etwa 14 bis 16 Stunden haben, in dem man nichts zu sich nimmt, und die Nahrungsaufnahme auf die restlichen 8 bis 10 Stunden konzentrieren. Und vor dem Schlafengehen mindestens zwei Stunden nichts mehr essen. Dazu gibt es eine neue spanische Studie, die zeigt, dass sehr spätes Abendessen das Krebsrisiko erhöht.

Statistiken besagen aber auch, dass sehr schlanke Menschen eher sterben als leicht Übergewichtige.

Es stimmt, leichtes Übergewicht ist noch nicht lebensverkürzend. Der Grenzwert des BMI liegt hier bei 29. Der Vergleich mit den dünnen Menschen aber hinkt. Bei vielen Erkrankungen nehmen Menschen an Gewicht ab. Wenn man diese Kranken mit in die Gruppe der sehr dünnen Menschen einrechnet, dann werden diese statistisch gesehen auch früher sterben, aber nicht weil sie dünn sind, sondern weil sie bereits krank sind. Das sind Faktoren, die bei vielen Ernährungsstudien nicht beachtet werden.

Sie sprachen vorhin Verhaltensregeln an, die das Leben verlängern könnten.

Das lässt sich auf fünf Regeln herunterbrechen. Regel eins hat schon Hufeland empfohlen: Man sollte sich möglichst viel im Freien aufhalten. Das heißt, wir brauchen Kontakt mit den richtigen Mikroorganismen. Wir wissen heute, dass Wohnungen und Büros mit schädlichen Mikroorganismen belastet sind, während man draußen, etwa auf alten Bauernhöfen, gute Mikroorganismen antrifft. Das sind sozusagen alte Freunde, die wir seit zig Generationen um uns haben und die wichtig für die Regulation unseres Immunsystems sind. Die leben vielfach im Mist oder im Abwasser. Dazu kommt noch die Tatsache, dass in Räumen die Giftstoffbelastung höher ist als draußen im Freien.

Wer berufstätig ist, hat aber oft keine Wahl und muss sich acht Stunden am Tag in Büroräumen aufhalten.

Stimmt. Besorgniserregende Studien zeigen, dass es heute viele Menschen gibt, die 95 Prozent ihrer Zeit in geschlossenen Räumen verbringen. Gar nicht davon zu reden, dass natürlich auch das Sonnenlicht eine wichtige Rolle spielt, etwa bei der Vitamin-D-Aktivierung.

Welches Verhalten ist noch schädlich?

Zu wenig Bewegung. Man sollte sich mindestens 150 Minuten pro Woche körperlich bewegen. Zweieinhalb Stunden gilt als ungefährer Richtwert, um sein Leben nicht durch Bewegungsmangel zu verkürzen.

Muss das Sport sein?

Nein, man kann auch Spazierengehen oder Rad fahren. Oder einfach mal bei einer Besorgung aufs Auto verzichten. Punkt drei: Wir haben zu viel Kontakt mit künstlichen Produkten der Erdölchemie.

Stichwort Plastik.

Nehmen wir nur einmal die heutigen Matratzen. Die haben einen künstlichen Schaumkern und sondern über Monate petrochemische Substanzen ab. Man darf nicht vergessen, dass wir ein Drittel unserer Zeit in direktem Kontakt mit diesen Matratzen verbringen. Ähnliches gilt für Neuwagen.

Sie empfehlen stattdessen Matratzen auf Naturbasis?

Ja, es gibt ja auch noch echte Taschenfederkern- oder Seegras-Matratzen.

Es wäre auch noch der Konsum von Suchtmitteln zu nennen. Laut Suchtbericht der Bundesregierung gehen von unseren 850.000 bis 900.000 Todesfällen im Jahr 200.000 Fälle auf Alkohol und Zigaretten zurück. Was jedoch in dem Bericht nie richtig vorkommt, sind die Medikamente – Schlaf- und Schmerzmittel. Schätzungen zufolge haben wir in Deutschland zwei Millionen Medikamentensüchtige. Und damit sind wir beim letzten Kapitel: der Medizin.

Woher weiß ein Patient auf welche Behandlung, welche Tabletten er verzichten sollte?

Das Grundprinzip muss sein: Vertraue nur dem Zweifel! Das war schon der Arbeitstitel für mein erstes Buch. Man muss seinen kritischen Verstand immer behalten. Auch in der Medizin werden Dinge verkauft. In der Generation unserer Großeltern sind die Leute kaum zum Arzt gegangen, ins Krankenhaus schon gar nicht, weil sie gesagt haben, im Krankenhaus sterben die Leute. Sie hatten also diese Skepsis, weil sie wussten, dass eine Behandlung, auch wenn sie wirkt, immer ein Schadenspotenzial besitzt. Auch heute gibt es kaum Behandlungen, die gar nicht schaden. Oft macht es deshalb Sinn, erst einmal abzuwarten und auf die Selbstheilungskräfte unseres Körpers zu vertrauen. Die sind beträchtlich.

Wenn jemand nach Ihren Vorschlägen lebt, woran wird er dann eigentlich sterben?

Die meisten sehr alten Leute sterben an Lungenentzündungen.

Wenn man als junger Mensch einen gewissen Raubbau an seiner Gesundheit begangen hat, übermäßig getrunken oder zwanzig Jahre geraucht hat, hat man da eine Chance, diese Schäden durch gesunde Lebensweise wieder auszubügeln, auszugleichen?

In vielen Fällen nicht, aber man senkt freilich das Risiko. Bei Rauchern ist das ja beispielsweise ganz gut untersucht. Aber sie kommen nach zwanzig, dreißig Packungsjahren nicht mehr auf das Erkrankungsrisiko wie Nichtraucher. Gleiches gilt für Fehlernährung und Rauschgiftkonsum. Der Körper merkt sich gewisse Dinge. Was aber nicht heißt, dass man nun in Fatalismus verfallen sollte. Selbstverständlich kann man sehr viel aufholen. Aber man wird nicht unbedingt das Alter erreichen, das man hätte erreichen können.

Nach der Lektüre Ihres neuen Buches steht einem langen Leben eigentlich nur noch der innere Schweinehund entgegen. Wie kriege ich den in den Griff?

Es ist sicher nicht sinnvoll, ausschließlich ein langes Leben anzustreben. Es ist wichtig, gut zu leben. Wir alle wissen, dass es ab einem bestimmten Alter zur Qual werden kann. 25 Prozent unserer Lebenszeit ist durch Krankheit geprägt. Und diese Zeit liegt überwiegend in der zweiten Lebenshälfte. Das heißt, statistisch gesehen sind von der zweiten Lebenshälfte 40 Prozent von Krankheit überschattet. Man hat dann halt seine Wehwehchen. Abgesehen davon sind viele meiner Vorschläge gar nicht schlimm. Ich verordne schließlich keine 35 „Top-Tipps“ wie ein TV-Doktor, sondern sage, dass wir gar keine spezielle Diät brauchen, solange wir möglichst naturnah leben.

Thüringer Vortragstermine

  • Di., 11.9., Rudolstadt, Stadtbibliothek
  • Mo., 24.9., Suhl, Congress-Centrum
  • Mi., 26.9., Saalfeld, Thalia
  • Do., 27.9., Greiz, Vogtlandhalle
  • Mo., 15.10., Meiningen, Volkshochschule
  • Mi., 17.10., Zella-Mehlis, Volkshochschule
  • Di., 23.10., Neuhaus, Saal der Feuerwache
  • Do., 25.10., Rudolstadt, Stadtbibliothek
  • Fr., 26.10., Bad Salzungen, Stadtbibliothek
  • Mi., 7.11., Pößneck, Stadtbibliothek
  • Mi., 21.11., Triptis, Stadtbibliothek
  • Do., 22.11., Schmalkalden, Stadtbibliothek
  • Sa., 24.11., Schleiz, Stadtbibliothek
  • Mo., 26.11., Sonneberg, Stadtbibliothek
  • Mi., 28.11., Altenburg, Stadtbibliothek
  • Do., 29.11., Zeulenroda, Rathaussaal

Beginn: jeweils 19 Uhr.

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