Saalfelder Klavierbauer gibt Seminar in Peking

Klavierbauer Michael Schulze stimmt, repariert, verkauft, verleiht Klaviere und Flügel, betreut Musikschulen und Pianisten.

Klavierbauer Michael Schulze in Peking bei seinem ­Seminar zum Klavierbau.

Klavierbauer Michael Schulze in Peking bei seinem ­Seminar zum Klavierbau.

Foto: Sammlung Schulze

Seine chinesischen Kursteilnehmer reisten bis zu 2000 Kilometer nach Peking, um sich von ihm für eine Woche in Theorie und Praxis im Fach Klavierbau unterrichten zu lassen. Michael Schulze, Klavierbauer aus Saalfeld, war dafür mit einem Kollegen im Oktober als Fachreferent einer offiziellen Einladung aus Peking gefolgt.

Dort sind die Strukturen der Ausbildung in diesem Beruf ganz anders als hierzulande, denn es gibt noch keine zentrale Ausbildung. Man lernt das traditionelle Handwerk von einem Fachmann – in diesem Fall von Michael Schulze aus Deutschland, einem Land, das einst Klavierbaunation war und wo der Klavierbau einer der größten Arbeitgeber war, bevor später die Automobil- und Pharmaindustrie diesen Rang einnahmen. Mittlerweile haben etwa die Hälfte der letzten rund zehn in Deutschland produzierenden Hersteller für Klaviere und Flügel bereits chinesische oder asiatische Eigentümer.

Zustande gekommen war die Reise eher zufällig. Michael Schulze beriet die chinesische Pianistin Frau Sun in Frankfurt/Main zu einem alten Steinway-Flügel. Sie war begeistert von seiner Arbeitsweise und dem Hintergrundwissen, stellte spontan die Frage nach Unterricht für junge Klavierstimmer in China und knüpfte die Kontakte in ihre asiatische Heimat. Der Bund Deutscher Klavierbauer, der sich im europäischen Dachverband Europiano besonders um internationalen Austausch und Weiterbildung kümmert, unterstützte diese bemerkenswerte Reise. Wissbegierig seien seine 40 Kursteilnehmer gewesen und voller Dankbarkeit, berichtet Michael Schulze weiter. Er wurde mit Fragen gelöchert, so dass nach Kursende eine ­extra Fragestunde eingerichtet wurde.

Der Bedarf an Klavierbauern ist in China gigantisch, wie Michael Schulze anhand einiger Zahlen belegt: „Die gesamtdeutsche Herstellungszahl von etwas unter 10.000 Klavieren und Flügeln pro Jahr wird schon allein durch den Hersteller Pearl River im chinesischen Guangzhou um mehr als das Zehnfache übertroffen – noch kein einziges Instrument aus Japan oder Korea mit eingerechnet. Im chinesischen Staatsfernsehen läuft sogar Werbung für das Erlernen von Klavierspiel.“

In den kommenden Jahren werden in China rund 46 Millionen Kinder und Jugendliche erwartet, die Klavier spielen lernen wollen, rechnet Schulze weiter vor. Deshalb nimmt die Regierung auch reichlich Geld für Förderprogramme in die Hand.

Auch über die Qualität der Ausbildung hat sich Michael Schulze während seiner Reise am Beispiel der bedeutendsten Musikhochschule der Stadt Peking kundig gemacht – des ­Central Conservatory of Music, wo auch der chinesische Pianist Lang Lang einst studierte. „Von den rund 1000 Tasteninstrumenten, die übrigens von acht angestellten Klavierstimmern betreut werden, sind immerhin 200 Stück vom Top-Hersteller Steinway & Sons.“

Die Notwendigkeit zur theoretisch und praktisch fundierten Ausbildung der Klavierfachkräfte ist im Reich der Mitte längst erkannt. In Deutschland dagegen: Fachkräftemangel unter Klavierbauern, schwierige Marktlage, geringe Gewinnspanne beim Verkauf und ein gewandeltes Berufsbild der Musikschullehrer. „Man rechnet fest mit dem Enthusiasmus und Idealismus der Musikschullehrer.“ Die Politik müsse viel mehr für diesen Berufszweig tun, das gehe schon bei der Bezahlung los, appelliert er und stellt in Frage, wie viel uns die kulturelle Bildung der Kinder wert sei.

„Und wenn es in Deutschland nicht wieder normal wird, dass Kinder und Jugendliche, die Klavier spielen lernen, dafür auch ein neues deutsches Instrument bekommen, wenn die öffentliche Hand besonders in Grund- und Regelschulen, Gymnasien sowie vielen Konzertsälen seit Jahrzehnten fast überhaupt keine akustischen, geschweige denn deutschen Ins­trumente anschafft, dann wird die einst so berühmte Klavierbauerzunft unterqualifiziert in der Bedeutungslosigkeit verschwinden“, befürchtet Schulze (49).

Er ist in Deutschland einer von wenigen, die alle 88 Tasten von innen und außen kennen, schließlich ging seiner Ausbildung zum Klavierbauer bei Steingraeber & Söhne in Bayreuth ein Klavierstudium an der Franz-Liszt-Hochschule in Weimar voraus. Die Verbindung zu Thüringen besteht seitens des gebürtigen Stralsunders also schon lange.

Über eine mehrjährige Zwischenstation und Selbstständigkeit im Allgäu ist er der Liebe wegen 2015 wieder nach Thüringen – diesmal Saalfeld – zurückgekehrt. Er mag seine neue Heimat, hat sich dort seit 2016 am Lindenplatz 3 einen Laden samt Werkstatt eingerichtet, in dem er Flügel, Klaviere und Digitalpianos verkauft und verleiht. Er ist viel überregional unterwegs, stimmt und betreut aber auch die Instrumente der Musikschulen in Saalfeld, Rudolstadt und dem Saale-Orla-Kreis und jene der Thüringer Symphoniker – vor jedem Konzert. „Alles andere wäre respektlos dem Publikum und den Musikern gegenüber“, sagt er.

Als Klavierbauer muss man stressfest sein und sich für Wochenendarbeit nicht zu schade, erzählt er weiter. Er vergleicht einen Flügel gern mit einem Pflegekind, in das man investieren muss. „Ein solches Instrument muss gepflegt werden, man muss es regelmäßig reinigen, Teile reparieren und austauschen. Dafür bedarf es des Fachwissens“, appelliert der Klavierbauer mit Hinblick auf allerlei Halbwissen im Internet. „Jedes Instrument ist anders gebaut, hat sein Eigenleben“, erzählt er und gewährt einen Einblick, wie viel Geduld und Fingerspitzengefühl nötig sind, um winzige Einzelteile im Inneren mit neuem Filz zu versehen. „Ich trage auch ein Stück Kulturverantwortung.“ Deshalb ist es ihm gar nicht so wichtig, jeden Tag nur Top-Konzertinstrumente in Bearbeitung zu haben, sondern ganz bewusst auch die Pflege der Instrumente für alle Klavierspieler zu übernehmen.

Historisches

Es war im ausgehenden 17. Jahrhundert, als am Hofe der Medici in Florenz Bartolomeo Cristofori den Vorfahren der heutigen Klaviere und Flügel ersann. Er trug dem Wunsch Rechnung, durch Stärke des Tastendrucks die Dynamik (laut und leise) hörbar zu machen. Was simpel klingt, war eine technische Revolution.

In Italien endeten die Dekaden der Klavierbautradition Mitte des 18. Jahrhunderts. Doch der Funke sprang auf Deutschland über, das zusammen mit England maßgeblich zur Entwicklung des modernen Klaviers beitragen ­sollte.

www.pianopunkt.de

Kommentare sind für diesen Artikel deaktiviert.