Shitstorm bei Facebook: "Armer Hund" von Isserstedt ist vielleicht der glücklichste

Wie ein Missverständnis um ein angeblich vernachlässigtes Tier aus Isserstedt einen Sturm der Entrüstung bei Facebook auslöst.

Dieses Bild kann man täglich beobachten: Rentner Willi Hafermalz aus Isserstedt mit seiner Hündin Lisa kurz vor halb neun auf dem Nachhauseweg vom Einkaufszentrum. Foto: Lutz Prager

Dieses Bild kann man täglich beobachten: Rentner Willi Hafermalz aus Isserstedt mit seiner Hündin Lisa kurz vor halb neun auf dem Nachhauseweg vom Einkaufszentrum. Foto: Lutz Prager

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Jena-Isserstedt. Lisa ist die vielleicht glücklichste Hündin von Isserstedt. Die zehn Jahre alte Dame springt und hüpft um Willi Hafermalz herum, wenn beide jeden Morgen zusammen durch die Wiesen zum großen Supermarkt im Gewerbegebiet laufen.

20 Minuten hin und 20 Minuten zurück. "Und wehe ich nehme sie nicht mit, das nimmt sie mir richtig übel", sagt der 71-jährige Rentner. Punkt 8 Uhr, wenn das SB-Warenhaus seine Pforten öffnet, sind Willi Hafermalz und Lisa da. Die Collie-Schäferhund-Mischlingshündin legt sich brav neben den Eingang, während der Isserstedter drin ­einige Einkäufe erledigt und übrig gebliebenes Grünzeug vom Vortag für seine Hühner abholt. Lisa genießt es währenddessen, draußen die Leute zu beobachten. Die meisten, die zu dieser morgendlichen Stunde kommen, sind Stammkunden. Sie kennen Lisa, grüßen sie freundlich oder streicheln sie sogar. Nach rund 20 Minuten kehrt Willi Hafermalz mit seinem kleinen Handwägelchen aus dem Markt zurück. Lisa springt auf, ist wieder hellwach und beide laufen den Weg nach Isserstedt zurück. Dieses Ritual wiederholt sich Tag für Tag.

Umso entsetzter war Torsten Perlick, Leiter des Globus-Marktes, als ein regelrechter "Shitstorm", so bezeichnet man einen Sturm der Entrüstung in sozialen Netzwerken des Internets, auf den Isserstedter Markt niederprasselte. Ein Kunde hatte auf Facebook ein Bild des neben dem Eingang liegenden Hundes gepostet und sich mächtig darüber aufgeregt, dass dieses Tier vernachlässigt werde und die Kunden mit ihren Einkaufswagen möglicherweise über seine Pfoten fahren könnten. Wer so seinen Hund behandelt, der sollte sich lieber keinen anschaffen. Die Entrüstung des Facebook-Nutzers traf in der virtuellen Welt auf fruchtbaren Boden.

"Binnen kürzester Zeit klickten 10 000 User den ‚Gefällt mir‘-Button an, 7000 waren geteilter Meinung und 2000 kommentierten das Bild des angeblich so schlecht behandelten Hundes", sagt Perlick.

Die Reaktionen waren teilweise so heftig, dass sich sogar die Zentrale des Handelsunternehmens in St. Wendel damit befasste und versuchte, einen Image-Schaden zu verhindern durch Aufklärung über die tatsächlichen Hintergründe des "armen Hundes" .

Willi Hafermalz kann die ganze Aufregung nicht verstehen. "Meiner Lisa geht es an ihrem Platz vor der Tür viel besser als den Hunden, die zum Einkaufen bei sommerlicher Hitze im Auto auf dem Parkplatz zurückgelassen werden", sagt der Hundehalter. An dem Tag, als das Facebook-Foto entstand, war übrigens Ehefrau Regina mit dem Hund einkaufen. Allerdings am Nachmittag, nicht am Morgen.

Regina Hafermalz ärgert sich am meisten darüber, dass auch Mitglieder eines Tierschutzvereins ohne Kenntnis des Sachverhalts dazu aufgerufen hätten, den Hund ins Tierheim zu bringen, wenn er wieder vor der Tür liegt. "Meine Frau pflegt für den Tierschutzverein mehrere Fundkatzen und uns wird vorgeworfen, wir seien Tierquäler", sagt Willi Hafermalz. Ehefrau Regina hätte am liebsten die Arbeit für den Verein hingeschmissen, wenn sie sich nicht so gern um die Tiere kümmern würde.

Zur Diskussion auf der OTZ-Facebok-Seite

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