Soziologe aus Jena über Weihnachten: "Schenken ist eine gefährliche Sache"

Mehr als 15 Milliarden Euro wollen die Deutschen dieses Jahr für Weihnachtsgeschenke ausgeben. Geld spiele beim Schenken aber eine untergeordnete Rolle, meint der Jenaer Soziologe Michael Hofmann. Vielmehr gehe es um einen symbolischen Austausch.

Jenaer Soziologe Michael Hofmann. Foto: FSU Jena

Jenaer Soziologe Michael Hofmann. Foto: FSU Jena

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Jena. Damit das Weihnachtsfest nicht zum Eklat wird, ist beim Schenken Sorgfalt geboten. "Geschenke sind immer auch gefährlich", sagte der Jenaer Kultursoziologe Michael Hofmann. "Das Wichtigste ist, das man mit dem Geschenk den anderen erkennt." Von Absprachen, sich nichts zu schenken, um Enttäuschungen vorzubeugen und dem Einkaufsstress in der Vorweihnachtszeit zu entgehen, rät er ab: "Wir werden asozial, wenn wir nicht mehr schenken."

Herr Hofmann, was macht ein ideales Geschenk aus?

Das ideale Geschenk ist ein wunderbar getroffenes Symbol der Beziehung, die man zu dem Beschenkten hat. Ich darf dem Beschenkten nicht zu nahe treten, etwa dass ich meiner Kollegin Parfüm oder rote Rosen schenke. Andererseits darf ein Geschenk nicht lieblos sein. Diese Balance zu finden, den Stand der Beziehung zu symbolisieren, das ist die Kunst des Schenkens.

Geschenke können auch enttäuschen, zum Beispiel wenn wieder nur Socken oder die fünfte Krawatte auf dem Gabentisch landen. Was sind die größten Fallstricke?

Geschenke sind immer auch gefährlich. Gefahr steckt weniger im fünften Paar Socken oder im sechsten Schlips - das sind solide Waren, die Gebrauchswert haben. Die Gefahren lauern woanders, nämlich darin, dass ich einem Menschen zu viel zumute mit meinem Geschenk. Zum Beispiel, wenn ich ihn mit einem besonders teuren Geschenk beeindrucken möchte oder jemanden mit Geschenken überhäufe. Schenken ist alles andere als Ökonomie, es ist ein symbolischer Austausch. Geld spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Das Wichtigste ist, das man mit dem Geschenk den anderen erkennt und im Idealfall auch selbst durch das Geben erkannt wird.

Um dem Geschenkestress vor Weihnachten zu entgehen, vereinbaren manche Menschen, sich nichts zu schenken.

Das ist ein tückischer Pakt, den würde ich nie eingehen. Und die Gesetze des Sozialen werden ­damit nicht aufgehoben. Man darf nicht aufhören, dem anderen mal einen Blumenstrauß mitzubringen oder etwas Gutes zu tun. Wenn die Absprache, sich nichts zu schenken, von Dauer ist, dann ist das eine ­soziale Verarmung und Bank-rotterklärung. Denn das entspricht nicht unserem sozialen Wesen. Beim Schenken kommt es auf Symbolik an und die muss gewahrt werden - auch wenn man kein materielles Geschenk macht. Wir werden asozial, wenn wir nicht mehr schenken.

Also lieber ein Verlegenheitsgeschenk als gar keins?

Ja. Wenn man dreimal nichts schenkt, ist die Beziehung wahrscheinlich hinüber. Gerade in langjährigen Partnerschaften ist es wichtig, die Beziehung mit Geschenken zu symbolisieren, und das nicht nur zu hohen Festtagen wie Weihnachten. Vor allem unerwartete Geschenke geben dem Beschenkten das Gefühl der Wertschätzung.

Ich bekomme ein Buch oder eine Vase, die mir nicht gefällt. Ist es okay, dieses Geschenk an jemanden weiterzugeben, der daran Freude hat oder es brauchen könnte?

Das ist verzwickt. Ich habe ­heute noch ein lila Hemd im Schrank, das mir meine Mutter geschenkt hat. Das werde ich niemals anziehen, doch habe ich eine Scheu davor, es wegzugeben. Doch es bleibt uns gar nichts anderes übrig, als Dinge wegzugeben, weil wir zu viele Dinge anhäufen. Es bleibt aber oft ein schlechtes Gewissen. Denn das Problem bei der Weitergabe von Geschenken ist, dass rituell betrachtet in jedem Geschenk etwas von dem Schenkenden selbst verankert ist. Aber es ist besser, ein Geschenk weiterzugeben, als es in den Mülleimer zu werfen. Ich werde dieses lila Hemd wohl ­irgendwann in die Kleiderkammer geben.

Darf man es sagen, wenn ein Geschenk nicht gefällt?

Ja, aber nicht im Augenblick der Übergabe. Schenken ist eine gefährliche Sache - deswegen gibt es einen strengen Ritus. Solche Riten haben die Menschen entwickelt, um komplizierte ­Situationen zu meistern. Die Handlungsvorschrift beim Schenken lautet: Ich muss das Geschenk annehmen und mich bedanken. Drei Wochen später kann ich aber an denjenigen ­herantreten und sagen: Das war nicht ganz mein Geschmack, ich steh‘ nicht auf lila Hemden.

Ein Geschenk abzulehnen ist aber tabu, zum Beispiel wenn es zu teuer ist?

Beides ist eine Kriegserklärung - ein Geschenk abzulehnen oder einem Freund ein unangemessen teures Geschenk zu machen. Er ist dann ja gezwungen, etwas Gleichwertiges zurückzuschenken. Das löst einen Statuskampf aus und kann im Beziehungsbruch enden. Unangemessene Geschenke darf man nur seinen Kindern machen, weil es da die Weitergabe von Status symbolisiert.

Haben Sie noch einen Tipp für Leute, die noch händeringend nach einem Geschenk für Weihnachten suchen?

Wir sind beim Schenken oft nicht sehr mutig. Gerade dadurch kann man aber andere überraschen. Und meist sind es Kleinigkeiten, die den Gefühlswert eines Geschenks ausmachen. Sehr sinnvoll ist es auch, Zeit oder etwas Selbst gemachtes zu verschenken. Zuwendung oder ein Lächeln sind symbolische Formen des Schenkens, die wir heute leicht unterschätzen. Diese Art von Geschenken sind die höchsten und sie sind am ­billigsten.

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