Thilo Sarrazin stellt in Gera sein Buch „Feindliche Übernahme“ vor

Gera  Der gebürtige Geraer liest im ausverkauften Clubzentrum Comma vor 400 Zuhörern.

Rund 400 Besucher lockte der in Gera geborene frühere Berliner Finanzsenator und Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin ins Comma.

Rund 400 Besucher lockte der in Gera geborene frühere Berliner Finanzsenator und Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin ins Comma.

Foto: Peter Michaelis

Menschen nehmen Informationen, die in ihr Raster, in ihr Weltbild passen, bereitwilliger auf. Nein, dieser Satz stammt nicht von einem der am Mittwochabend mehrfach gescholtenen Journalisten, der über den ausverkauften Abend mit dem umstrittenen Autor Thilo Sarrazin im Geraer Comma schreibt.

Er stammt von Sarrazin selbst, als Antwort auf eine Frage aus dem Publikum. Die zielte zwar – wenig überraschend – auf ein abstraktes, vermeintlich ideologisch verblendetes, linkes Politikspektrum. Doch ist die Antwort Sarrazins, wenn auch so nicht explizit ausgesprochen, sicher in jede Richtung anwendbar. Und passte damit zu dem Abend, an dem er sein islamkritisches Bestseller-Buch „Feindliche Übernahme“ den rund 400 Besuchern im Comma präsentierte. Ein interessanter und kurzweiliger Abend zweifelsohne, wenn man ihn als das nimmt, als was ihn Thomas Schmidt-Schaller vom städtischen Veranstaltungshaus und Thilo Sarrazin selbst charakterisierten: als Beitrag zur Meinungsbildung und -vielfalt. Es war Sarrazin, der später in einem Nebensatz auf eine kommende Veranstaltung des Linkspolitikers Gregor Gysi an gleicher Stelle verwies.

Keine Proteste vor und während des Auftritts

Dass sich die Meinungsvielfalt bei einer solchen Veranstaltung im Publikum nur bedingt offen widerspiegelt – wenngleich sie nicht pauschal in Abrede gestellt werden soll –, ist dabei nicht überraschend und auch kein Vorwurf. Zu Sarrazin geht nun mal in erster Linie, wer den Autor, seine Bücher und seine Argumentationen gut findet. Womit man wieder beim Eingangszitat ist. Da, anders als bei anderen Auftritten des Autors, in seiner Geburtsstadt Gera konträre Ansichten auch nicht in Protesten vor oder während der Veranstaltung geäußert wurden, erlebten die Polizisten, die die Veranstaltung schützten, und die BKA-Beamten, die Sarrazin schützten, einen ruhigen Abend.

Moderiert vom Geraer Ralph Walter hielt sich die Veranstaltung verhältnismäßig kurz beim eigentlichen Anlass auf, dem im Sommer 2018 erschienenen Buch mit dem vollen Titel „Feindliche Übernahme: Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht“. Nach einer Einleitung über seine von Beginn an so kontroverse wie erfolgreiche publizistische Tätigkeit fasste Sarrazin im Schnelldurchlauf und ohne Lesepassagen seine mehrere Hundert Seiten lange Argumentationslinie zusammen. Seine – mit großem Applaus bedachte – Kernbotschaft: Solange sich der Islam nicht grundlegend ändere, müsse eine Zuwanderung von Muslimen vollständig gestoppt werden. Die Rückschrittlichkeit und die Schwierigkeiten der Integration von Muslimen lägen nach Sarrazin in der weit verbreitet wörtlichen Auslegung des Korans, den er in deutscher Übersetzung gelesen und ausgewertet habe.

Aussagen Sarrazins wurden nicht in Frage gestellt

In Frage gestellt wurden die Aussagen Sarrazins in der anschließenden offenen Fragerunde nicht, wobei der Autor selbst relativierte, dass seine Aussagen über soziale Gruppen stets einen statistischen Durchschnitt und nicht jeden Einzelnen meinten. Und ja, sagte er auf die Frage nach einem moderaten europäischen Islam, es gebe Reform-Muslime, zu denen er auch in Kontakt stehe. Eine Reform des Islam sei möglich, aber sehr unwahrscheinlich, da nur aus dem Islam selbst heraus möglich, so Sarrazin.

Dass er bei Aussagen wie „schleichende Islamisierung“ zu seinem Verhältnis zu Pegida gefragt wurde, wunderte nicht. „Manche gehen auf Demos, ich schreibe Bücher“, sagte er, erklärte aber gleichzeitig, dass er sich einen „abwägenderen Umgang mit Worten“ bei solchen Demos wünschen würde. Auch erteilte er Verschwörungstheorien auf die Publikumsfrage nach „gezielter Destabilisierung durch eine globale Clique“ eine Absage. Auf die Frage, warum er – seit 1973 – immer noch in der SPD sei, sagte er mit Augenzwinkern, dass eine Volkspartei immer auch vernünftige Menschen brauche, obwohl er sich derzeit nicht sicher sei, ob trotz seines Alters (73) die Partei ihn oder er die Partei überlebe.

Wiederholung im Herbst ist möglicherweise geplant

„Wir gehen mit der Frage heim, warum uns die Regierung das alles antut. Mit gesundem Menschenverstand ist da vieles nicht mehr erklärbar“, meinten die Besucher Jörg David und Matthias Petzold aus Gera am Ende der Veranstaltung, die viele noch nutzten, ein Autogramm des Autors zu ergattern. „Er hat vieles recherchiert und handfest belegt“, meinte Jörg David und Matthias Petzold ergänzte: „Es bleibt die Frage, wie das alles noch geändert werden kann. Ein Fazit des Abends ist auch, dass weiter viel Unzufriedenheit herrscht.“ Dieter Sacher aus Weida, der selbst seine AfD-Mitgliedschaft unterstreicht, nennt Sarrazin sein „Idol“, den er für seine Meinung achte und dafür, dass er sie ordentlich vertritt. Er sei Sarrazin-Leser vom ersten Buch an. Die 18-jährige Livia aus Gera, die mit ihrer Mutter da war und den Altersdurchschnitt deutlich senkte, hat dagegen noch nichts von ihm gelesen, wollte sich seine Argumente aber einmal anhören.

Thomas Schmidt-Schaller vom Comma brachte bereits vor der Veranstaltung eine Wiederholung im Herbst ins Gespräch, da die Nachfrage deutlich höher als das Platzangebot gewesen sei und auch am Abend noch kurzfristig Interessierte wieder weg geschickt werden mussten.

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