Wir sind Heimat: „Menschen wie er sind heutzutage selten“

Arnsgrün  Der Arnsgrüner Gerhard Hadlich hat mit viel Engagement für einen Gedenkstein in seinem Heimatort gesorgt  

Gerhard Hadlich steht am neuen Gedenkstein für die Gefallenen der Zweiten Weltkrieges.

Gerhard Hadlich steht am neuen Gedenkstein für die Gefallenen der Zweiten Weltkrieges.

Foto: Dietmar Opitz

Es ist fast drei Jahre her, dass Mitglieder eines deutsch-kanadischen Chores in Arnsgrün (Landkreis Greiz) Station gemacht und in der Kirche ein Konzert gegeben haben. Und dann wurde Gerhard Hadlich von einem Jugendfreund, der schon lange in Kanada lebt, am Kriegerdenkmal gefragt, wo denn die Namen der im Zweiten Weltkrieg Gefallenen sind.

Da wurde Hadlich bewusst, dass der neue, bei der Dorferneuerung aufgestellte Gedenkstein für die Opfer des Zweiten Weltkrieges zwar gut gemeint, aber im Vergleich zum historischen Gedenkstein für den Ersten Weltkrieg anonym ist. Denn der Zweite Weltkrieg hat nicht weniger Arnsgrüner Opfer gefordert und nicht weniger Leid über die Familien gebracht.

Für Gerhard Hadlich war es selbstverständlich, sich für das Dorf zu engagieren, Bäume zu pflanzen und den Feuerwehrteich in Ordnung zu bringen. Da ließ ihm die Frage nach den Namen natürlich ebenfalls keine Ruhe. Er fühlte sich angesprochen und verpflichtet zu handeln. Dafür war er sogar bereit, seine Leidenschaft für Oldtimer erst einmal hintenan zu stellen. Denn schon eine Weile im Ruhestand sammelt, repariert und pflegt er historische Landmaschinen und fährt mit ihnen auch zu Oldtimer-Treffen.

Also forschte er über noch lebende Angehörige deutschlandweit nach den Gefallenen und wurde auch in Kirchenbüchern fündig. Die Suche war schwierig und langwierig und dauerte ein dreiviertel Jahr. Schließlich sollte niemand vergessen werden. Und sie war schmerzhaft, weil er immer wieder von tragischen Schicksalen erfuhr. Besonders erschütterte ihn, dass einige eigentlich noch Kinder waren, als sie in den Krieg ziehen mussten. Er erinnert sich, wie Hans Zaumseil, der Jüngste von ihnen, an seinem 16. Geburtstag aus Greiz ins Dorf zurückgekommen war. Er hatte sich dort melden müssen und sollte schon am nächsten Tag an die Front. Zwei Tage später war er tot.

Auch in der eigenen Familie hat er erfahren, was Krieg bedeutet. Er war erst vier, als sein Vater einberufen wurde. 1941 wurde er als vermisst gemeldet. Dass er 1944 in einem russischen Gefängnis gestorben ist, hat seine Mutter erst 65 Jahre später erfahren. Sie hat sich nicht unterkriegen lassen, ihren Sohn allein großgezogen und noch weit über die Rente in der LPG gearbeitet. Es hätte ihr viel bedeutet, die feierliche Enthüllung des Gedenksteines, der auch an ihren Mann erinnert, noch mitzuerleben. Doch kurz vor ihrem 104. Geburtstag ist sie friedlich eingeschlafen.

„Diese Geschichte darf nicht verblassen. Der Stein soll eine Mahnung sein“

Das Mühen um den Gedenkstein erwies sich als schwieriger als Hadlich erwartet hatte. Und weil das Kriegerdenkmal ein Kulturdenkmal des Freistaates ist, musste er beim Landratsamt für die Erweiterung eine denkmalschutzrechtliche Erlaubnis beantragen. Doch es war schwer, für das Vorhaben Verbündete zu finden. Also finanzierte er den Stein mit den 18 Namen und dem Schriftzug fast allein. Das war ihm die Sache wert.

„Diese Geschichte darf nicht verblassen. Der Stein soll eine Mahnung sein“ sagte er bei der feierlichen Enthüllung im November vergangenen Jahres. Dass dazu der Bürgermeister persönlich gekommen war, hat ihn gefreut. Schließlich hat das für mehr Aufmerksamkeit gesorgt, Aufmerksamkeit für die Sache, nicht für seine Person.

Er findet es gut, dass die Kameraden der Feuerwehr das Umfeld des Denkmals würdig hergerichtet haben und sich künftig um die Pflege kümmern wollen. Schließlich waren es auch junge Feuerwehrkameraden, die den Wahnsinn des Krieges mit ihrem Leben bezahlt haben. Er wünscht sich vor allem, dass Schulklassen kommen, um sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen.

Denkmalschützer Jörg Metzner hat Hadlich kennengelernt und ist voller Hochachtung für den Einzelkämpfer und dessen Konsequenz, Tatendrang und Durchsetzungsvermögen: „Er hat den sinnlosen Opfern dieses Krieges aus seinem Dorf ein würdiges Andenken geschaffen und gleichzeitig dafür gesorgt, dass dieser Teil unserer Geschichte verortet und damit wahrnehmbarer wird. Menschen wie er sind heutzutage selten.“

Alles „Selbstgemacht“

Katrin Liesch, gebürtige Greizerin und überzeugte Vogtländerin, ist im Jahr 2000 nach Arnsgrün gezogen. Das Leben auf dem Lande mit Tieren, in Ruhe und schöner Natur war 100-prozentig „ihr Ding“.

Als sich zehn Jahre später die Gelegenheit bot, den alten Konsum zu kaufen, reichten ihr und dem Architekten und Maler Alfred Görstner, den sie bei der Arbeit in Zeulenroda kennen und lieben gelernt hatte, wenige Tage, um die Entscheidung für ein neues Leben zu treffen.

Was dann kam, verdient wahrhaft das Prädikat „Selbstgemacht“, so wie sie das, was daraus entstanden ist, später auch genannt haben. Das alte Haus war klein und marode und das Grundstück winzig. Den Beiden schwebte aber vor, daraus ein Zuhause auf Zeit für Menschen zu machen, die, gern auch mit Hund, ein paar Tage im Grünen ausspannen und ländliche Ruhe genießen wollen. Genau so etwas hatten sie selbst oft vergeblich gesucht.

Um Raum für Aufenthaltsbereiche und acht Gästezimmer zu bekommen, musste das Gebäude erweitert und aufgestockt werden, sollte sich dabei aber harmonisch ins Ortsbild einfügen.

Das hinzubekommen, war der Job von Alfred Görstner, der sich auch einen Namen mit dem Umbau des Hotels am Zeulenrodaer Meer gemacht hat. Er hat das Gästehaus selbst konzipiert, entworfen und gebaut, einen ökologischen Bau aus Holz und Lehm, der sich damit schmückt, ganz unterschiedliche Zimmer mit ungewöhnlichen Badlösungen und keine rechten Winkel zu haben. Um die Einrichtung und farbliche Ausgestaltung haben sie sich beide gekümmert. Dabei könnte die ausgebildete Töpferin ihre handwerkliche Begabung und den Sinn für Ästhetik voll ausleben. Was daraus entstanden ist, muss man einfach gesehen haben. Damit sich die Gäste rundum wohlfühlen können, haben sie sogar einen behaglichen Freisitz im Grünen mit Grillplatz und kleiner Terrasse über dem Teich geschaffen.

„Selbstgemacht“ sollen am Endes ihres Besuchs auch die Gäste sagen, wenn sie bei Alfred Görstner, der unter dem Dach des Hauses ein großzügiges Atelier mit schönem Blick über das Dorf geschaffen hat, einen Malkurs abgeschlossen oder mit ihm auf Malreise waren. Dieses Jahr soll es in die Provence gehen.

„Selbstgemacht“ ist auch das Ergebnis von Filz- und Spinnkursen, aber auch Anerkennung für Joga, Qi Gong oder Fastenkurse. „Selbstgemacht“ – das ist ebenso die beruhigende Wirkung, wenn man eines der sechs Lamas in gemächlichem Tempo durch die reizvolle Landschaft führt und sich dabei mit ihm anfreundet.

Das herrliche Ambiente und die kreativen Angebote sprechen vor allem Gäste an, die etwas Besonderes suchen: Familien, Freundeskreise, Geschäftsreisende, auch Firmen, die hier eine kleine Tagung durchführen.

Sport-Hochburg mit sieben Teichen

  • Arnsgrün liegt 422 Meter hoch im thüringischen Teil des Vogtlandes, an der Grenze zu Sachsen.
  • Mit Bernsgrün und Pöllwitz ist es seit dem 31.12.2012 ein Ortsteil von Zeulenroda-Triebes, der zweitgrößten Stadt des Landkreises Greiz.
  • Das 250-Einwohner-Dorf in malerischer Landschaft hat ein Buswartehäuschen, Kirche, Feuerwehr, Gästehaus, Gasthof, Bäcker mit Lebensmittelangebot, Spielplatz und sieben Teiche.
  • Arbeitsplätze gibt es in der Schweinezucht der Agrargenossenschaft Oberland Bernsgrün, die in Arnsgrün auch eine Biogasanlage und Werkstatt betreibt, in den zwei Baubetrieben und im Autohaus.
  • Für gute Freizeitmöglichkeiten sorgt nicht nur der Feuerwehrverein. Auch die Schützen, Angler, Reiter und Imker sind in Vereinen organisiert. Es gibt sogar eine Musikgruppe.
  • Mit seinen sehr erfolgreichen Tischtennis-Teams ist das Dorf eine wahre Tischtennis-Hochburg.
  • In der Vergangenheit hat Arnsgrün durch Sportler wie den Friedensfahrer Thomas Barth, den DDR-Trabant- und Lada-Meister Bernd Müller sowie Spitzenleistungen bei den Kindern und Jugendlichen im klassischen Ringkampf Schlagzeilen gemacht.
  • Der wohl 1449 erstmals urkundlich erwähnte Ort soll schon Anfang des 15. Jahrhunderts an Stelle einer romanischen Kapelle eine Kirche erhalten haben. Später wurde das Kirchenschiff erweitert und eine Kanzel eingebaut.
  • Im Dreißigjährigen Krieg starb ein Drittel der Bewohner in Arnsgrün an der Pest und Bauern mussten ihre Höfe verlassen, weil sie ihre Abgaben nicht mehr leisten konnten.

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