Zeckenforscher Jochen Süss: Auf den Spuren des Gemeinen Holzbocks

Renthendorf  Am Waldrand in der Nähe des Renthendorfer Rittergutsteiches wimmelt es von kleinen Blutsaugern – Zeckenjäger stellten ihnen nach

Jochen Süss ist ein über Deutschland hinaus bekannter Zeckenforscher. Foto:

Jochen Süss ist ein über Deutschland hinaus bekannter Zeckenforscher. Foto:

Foto: zgt

Verblüfft blickte Edda Pfeil aus Hermsdorf auf das weiße Stück Stoff. Überall krabbelten kleine und große Zecken auf dem Tuch herum. Auch die anderen Teilnehmer der Renthendorfer Zeckenjagd hatten am Sonnabend ihre Tücher noch nicht richtig über das Gras und das Laub am Waldrand gezogen, schon hatten sie ebenfalls etliche Exemplare des Gemeinen Holzbocks ausfindig gemacht.

Weit über 50 Ixodes ricinus landeten am Ende in den schmalen Plasteröhrchen, die Jochen Süss an die Teilnehmer der Zeckenjagd ausgeteilt hatte. Bereits zum zweiten Mal hatte der ehemalige Direktor und Professor am Friedrich-Loeffler-Institut in Jena und Leiter des Nationalen Referenzlabors für durch Zecken übertragene Krankheiten Interessierte nach Renthendorf eingeladen, um diese über wissenschaftliche Sammelmethoden, über das Leben der Zecken und der von ihnen ausgehenden Krankheiten zu informieren.

Süss selbst war am Sonnabend weniger erstaunt über die große Ausbeute. "Temperaturen um die 20 Grad Celsius und diese hohe Luftfeuchte – das ist ideal für die Tierchen", erklärte er das lebhafte Zeckengewimmel auf Gräsern und Laub.

Nahezu jeder hatte sie schon, die unliebsame Begegnung mit einem Holzbock, der einem ein Quäntchen Blut aus dem Leib saugen will. Dass der Holzbock auf einige Menschen besonders abfährt, dies, so Süss, liege aber nicht an dessen Blutgruppe. "Die Blutgruppe ist der Zecke völlig egal, sie orientiert sich am CO2, das der menschliche Körper ausdünstet." Je mehr CO2 ein Mensch über den Schweiß an die Umwelt abgebe, umso interessanter sei er für die Zecke. So hätten die Tierchen in den Vorderbeinen das sogenannte Hallersche Organ, mit dem sie ihren künftigen Wirt orten könnten. "Das CO2 spielt dabei eine nicht unerhebliche Rolle."

Unfug sei hingegen die Annahme, dass Zecken von den Bäumen fallen. "Warum soll eine Zecke auf Bäume krabbeln, um dann garantiert daneben zu springen?" Vielmehr liege der Blutsauger auf Gräsern auf der Lauer und hoffe darauf, dass ein Tier oder der Mensch vorbeikomme. Gelingt der Zecke der finale Stich, dann könne sie sich bei einer Blutmahlzeit um das bis zu 200-fache vergrößern. "Es gibt nichts Vergleichbares in der Natur", sagt Jochen Süss. Kommt kein Wirt vorbei, könne eine Zecke bis zu vier Jahre ohne eine Blutmahlzeit überleben. "Das sind echte Hungerkünstler."

Und Krankheitsüberträger. So kann eine infizierte Zecke über die Speicheldrüse das FSME-Virus übertragen. "Die Zecke drückt Wasser in den Stichkanal und damit auch Viren hinein." Bei der Borreliose dauere die Infizierung des Wirtes länger. "Die Erreger sitzen im Zeckendarm, und da braucht es eine Zeit, bis diese zur Einstichstelle gelangen", erklärt Süss. Wichtig sei deshalb, sich nach einem Waldspaziergang oder bei anderweitigen Ausflügen oder Arbeiten in der Natur gründlich nach Zecken absuchen zu lassen. "Eine Zecke sucht zwei bis sechs Stunden nach der richtigen Einstichstelle, da ist die Gelegenheit groß, sie vor dem Stich zu entfernen." Eine gebogene Zeckenzange aus Edelstahl sollte jeder zu Hause haben. "Damit lassen sich die Tiere am besten entfernen." Wenn der Stechapparat in der Haut bleibe, sei das nicht weiter schlimm. "Der eitert meist raus."

Immer noch würden Zecken den Menschen vor Rätsel stellen. "Beispielsweise ist unklar, warum Katzen kein FSME oder Borreliose bekommen, obwohl die Tiere oft von Zecken heimgesucht werden." Anders verhalte es sich bei Hunden. "Bei denen wurden die Erreger mehr als einmal nachgewiesen", sagt Süss, während er im Pfarrhaus im Beisein der Teilnehmer die vor ihm krabbelnden Zecken wieder in Plasteröhrchen sperrt.

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