Leserpost: Belgische minderjährige Pfadfinder fast wie im Überlebenstraining

Gerhard Doppel aus Nordhausen empört sich: Ich hielt mich für ein paar Tage im Brauereigasthof "Brauner Hirsch" in Sophienhof mit Freunden auf, um einige Ausflüge in den Harz zu unternehmen.

Knapp 100 Pfadfinder aus dem belgischen Wilrijk haben derzeit ihr Lager auf dem Gelände der Ilfelder Grundschule aufgeschlagen. Hier stehen die Kinder und Jugendliche vor ihrer Fahnengruppe. Foto: Roland Obst

Knapp 100 Pfadfinder aus dem belgischen Wilrijk haben derzeit ihr Lager auf dem Gelände der Ilfelder Grundschule aufgeschlagen. Hier stehen die Kinder und Jugendliche vor ihrer Fahnengruppe. Foto: Roland Obst

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Am Mittwochmorgen, dem 23. Juli, sah ich ein Bild in der Zeitung von belgischen Pfadfindern in Ilfeld und ahnte nicht, dass ich am Abend selbst noch welche kennenlernen sollte. Als wir am Abend nach dem Essen noch gemütlich beisammensaßen, traf plötzlich eine Pfadfindergruppe gegen 20.30 Uhr im "Braunen Hirsch" ein. Die Kinder waren 12 und 13 Jahre alt und die Gruppenleiterin 14 Jahre. Ihr Endziel der Wanderung von Ilfeld über den Poppenbergturm sollte Sophienhof sein, das sie nun hungrig und durstig erreicht hatten. Wohin in Sophienhof und wie dann weiter, war nicht zu erfahren. Keines der Kinder sprach Deutsch und wir weder Englisch noch Französisch.

Eine Bedienkraft half dann weiter, da sie ein wenig Englisch sprach. Die Chefin des Hauses, Frau Kuche, stellte erst einmal etwas zu Essen und Trinken zur Verfügung, was die Kinder dankend annahmen. Die Gruppenleiterin hatte eine Telefon-Nummer (Notrufnummer), aber kein Handy, also übernahm Frau Kuche den Anruf, und sie bekam die Auskunft, in 30 Minuten sei ein Verantwortlicher vor Ort. Da die Gaststätte um 22 Uhr schließt und noch immer niemand eingetroffen war, zeigte sie der Gruppenleiterin ihre Privatunterkunft und sagte ihr, wenn etwas sein sollte, möchte sie bitte klingeln.

Wir saßen an diesem schönen Abend noch eine Weile auf der Terrasse, als plötzlich gegen 22.15 Uhr wieder Bewegung in die Gruppe kam. Als ich sie fragte, was sei, gaben sie mir zu verstehen, dass sie noch mal anrufen möchten, aber kein Handy hätten. Also stellte ich meines zur Verfügung. Ich konnte mich jedoch mit dem Angerufenen nicht verständigen und übergab das Gespräch der Gruppenleiterin. Sie gab mir zu verstehen, dass in etwa 30 Minuten jemand da sein würde, so eine Aussage kannten wir ja schon von 20.30 Uhr. Da ich die minderjährigen Kinder nicht allein lassen wollte, blieb ich bei der Gruppe.

Als ich ihnen verständlich machte, dass in Deutschland jedes Kind spätestens mit dem Schulanfang ein Handy besitzt, erklärten sie mir, dass sie auch Handys haben, diese aber alle in der Basisstation Ilfeld zurücklassen mussten, auch das der Gruppenleiterin. Für mich völlig unverständlich - in einem fremden Land durch fremde Wälder mit einer Notrufnummer, aber ausgestattet ohne Handy. Als gegen 22.45 Uhr immer noch niemand eingetroffen war, riefen wir erneut an. Die Auskunft war, es sei jemand unterwegs. Endlich gegen 23.15 Uhr traf ein voll besetzter Pkw mit Pfadfindern ein. Da ich mich aber auch mit diesen nicht verständigen konnte, glaubte ich die Kinder in sicherer Obhut und verabschiedete mich von ihnen. Sie bedankten sich alle nochmals herzlich mit Handschlag, und ich ging aufgewühlt von den Ereignissen zu Bett.

Als wir am nächsten Morgen um 8 Uhr zum Frühstück gingen, erschien zu meiner Überraschung auch die Pfadfindergruppe vom Vorabend. Ich befragte das Ehepaar Kuche, was geschehen sei, dass die Kinder noch da seien. Sie erzählten, dass am Abend der Nachbar gegen 23.30 Uhr von der Jagd kam und die Gruppe vor dem Hotel saß und sie daraufhin aus dem Bett geklingelt hätte. Kuches entschieden sich erstmal, die Kinder im Hotel unterzubringen und den nächsten Tag nach dem Frühstück zu sehen, wie es weitergehen sollte.

Die Kinder brachten zum Ausdruck, dass ihr nächstes Tagesziel Ellrich sei - über Rothesütte und Sülzhayn. Herr Kuche und ich erklärten an Hand ihrer Karte den Wegeverlauf - in der Hoffnung, dass alles gut gehen möchte. So verabschiedete sich diese Gruppe. Meiner Meinung nach gebührt der Familie Kuche ein herzliches Dankeschön für ihre Hilfsbereitschaft, ohne zu fragen, welche Kosten für sie entstanden sind. Ich weiß nicht, ob jeder so gehandelt hätte. Ich hoffe, dass die Verantwortlichen in Ilfeld mal darüber nachdenken, ob man so verantwortungslos mit Kindern aus einem fremden Land umgeht. Was kann auf den Waldwegen nicht alles passieren, und die Kinder sind nicht in der Lage, Hilfe zu rufen. Und wer will sie dann eventuell finden. Ich stellte mir vor, es wären meine eigenen Enkelkinder im Ausland.

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