Kunstpause: Forever in Bluejeans

Frank Quilitzsch über die Hose als Lebenseinstellung.

Frank Quilitzsch

Frank Quilitzsch

Foto: Andreas Wetzel

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Neulich brauchte ich dringend eine neue Jeans. Meine alte war fadenscheinig, leider dort, wo man es sofort sah: am Knie. Ich trug sie noch ein paar Wochen, doch dann kam die Kniescheibe durch. Ich blieb beim Anziehen jedes Mal in dem Loch hängen, sodass es sich zusehends vergrößerte.

Cool, rief T., als sie mich in der lädierten Hose sah. Seit wann gehst du mit der Mode? Ich fand, dass ich aussah wie ein Penner, und wollte sie nicht mehr anziehen. T. meinte, wenn ich mir noch das andere Knie aufschnitte, wäre es der letzte Schrei. Ich blickte sie entgeistert an. Ohne Not meine Jeans verstümmeln? Das wäre ja Körperverletzung!

Ich bin mit Ulrich Plenzdorfs „Die neuen Leiden des jungen W.“ großgeworden und habe als Jugendlicher immer von einer West-Jeans geträumt. Mit Nieten, mit Schlag, mit Glöckchen … Die Jeans war für uns keine Hose, sondern eine Lebenseinstellung. An der Jeans hing, zur Jeans drängte damals alles.

Also los, entschied K., kaufen wir dir eine neue. So etwas passiert nur alle drei bis vier Jahre. Die alte Hose muss mir schon förmlich vom Leib fallen, ehe ich eine neue anprobiere. Wenn ich mich in dieser Beziehung mit Jüngeren vergleiche, glaube ich schon, dass ich nachhaltig lebe. Vielleicht ist das auch ein genetischer Defekt, dass mir Konsum und Shoppen wesensfremd sind. Bei Werbung schalte ich sofort weg, und ich gehe nie freiwillig in ein Kaufhaus. Es sei denn, ich brauche eine neue Jeans.

Aber schon bei dem Gedanken, dass ich drei, vier oder fünf anprobieren muss, um die passende für mich zu finden, bricht mir der Schweiß aus. Es soll Menschen geben, die geraten in der Vorweihnachtszeit regelrecht in einen Kaufrausch, weil sie fürchten, bald nichts mehr zum Anziehen zu haben. Dabei leistet sich jeder Deutsche im Durchschnitt 60 neue Kleidungsstücke pro Jahr. Braucht er sie wirklich?

Eine junge Frau gestand beim Jeanskauf vor laufender Kamera, dass sie bereits 20 Jeanshosen im Schrank habe. Ob sie die denn auch alle anzöge. Ach, sagte sie lächelnd, die meisten hätte sie wirklich mal angehabt. Manche nur ein einziges Mal, dann gefiel sie ihr nicht mehr.

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