Halbzeit: Lieber Wettbewerb als Freundschaftskick

Warum Klopp und Rummenigge in Bezug auf die Nations League Unrecht haben.

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Ich mag die Nations League. „Was? Wie kann das denn sein“, werden jetzt manche von Ihnen empört denken. Der allmächtige Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge hat doch erst verlauten lassen, dass dieses neue Fußall-Format keiner vermissen würde, wenn es das nicht mehr gebe. Und für den Trainer-Liebling der Nation, Jürgen Klopp, ist es „der sinnloseste Wettbewerb“ überhaupt.

Zugegeben: Bisher ist die Nations League auch an mir völlig vorbeigegangen. Am ersten und bisher einzigen Spieltag für die DFB-Auswahl, als Deutschland gegen Frankreich 0:0 spielte, war der Blick auf Wiedergutmachung nach dem WM-Desaster und die Zukunft von Bundestrainer Joachim Löw gerichtet. Dass die Partie der Auftakt eines neu geschaffenen Wettbewerbs war, geschenkt. Doch nun, nachdem sich die Wogen im deutschen Fußball etwas geglättet haben, ist es an der Zeit, sich mit dem neuesten Kind des Europäischen Fußballverbands (Uefa) auseinanderzusetzen. Und ich muss gestehen, dass ich erst einmal nachschauen musste, wie überhaupt der Modus geht.

Für jene, die es noch nicht wissen, sei er hier kurz erklärt. Zumindest in Grundzügen mit Blick auf das deutsche Team: Die Uefa hat ihre 55 Mitglieds-Nationen in vier Ligen unterteilt. Deutschland spielt – dank dem Uefa-Koeffizienten – in Liga A, die aus vier Dreier-Gruppen besteht. Die vier Gruppen-Ersten qualifizieren sich für das Halbfinale, dem später das Spiel um Platz drei und das Endspiel folgt, in dem der erste Sieger der Nations League ermittelt wird. Die vier Gruppen-Letzten steigen in Liga B ab, aus der wiederum vier Teams aufsteigen. Ist erst einmal gar nicht so kompliziert. Das wird es erst, wenn es um die Auf- und Abstiegsregelungen von Liga B, C, und D geht. Aber darauf können wir zum Glück noch verzichten.

Die Kritik der beiden Fußball-Koryphäen und auch vieler Fans liegt vor allem daran, dass die Anzahl an Wettbewerben selbst Freunden des runden Leders längst zu viel geworden sind. Auf Nationalmannschaftsebene heißen die: Weltmeisterschaft, Europameisterschaft, Confed Cup und Olympische Spiele. Wer braucht da auch noch eine Nations League? Keiner, lautet die Meinung vieler.

Ein weiterer Vorwurf: Die Herren von der Uefa wollen doch nur noch mehr Geld verdienen, damit sie nicht beleidigt ins Vier-Sterne-Ressort abziehen müssen, während die Fifa-Funktionäre aus dem Fünf-Sterne-Luxusressort winken. Auch diese Kritik ist zutreffend. Natürlich geht es der Uefa beim neuen Format vor allem ums liebe Geld. Kommt die Nations League gut an, werden die Erlöse aus den Vermarktungsrechten die Kasse klingeln lassen.

Und trotzdem ist die Nations League sinnvoll. Erstens: Den einen neuen Wettbewerb verkraften wir auch noch. Zweitens: Es kann uns doch egal sein, ob die Uefa noch mehr Geld generiert. Im besten Fall bekommt der Fußball-Nachwuchs ein bisschen was ab und das hätte sein Gutes. Und Drittens: Die Kritik, um die es Klopp und Rummenigge in der Hauptsache geht – nämlich dass die ohnehin überbeanspruchten Stars nun noch mehr Spiele absolvieren müssen – trifft im Prinzip nicht zu. Es werden nicht mehr Partien – nur weniger Freundschaftsbegegnungen.

Und genau das ist der Grund, warum ich die Nations League schon jetzt mag. Ganz ehrlich, konnten Sie es in den zurückliegenden Jahren ertragen, wenn ein lustloser Toni Kroos einen Sicherheitspass nach dem anderen spielte? Jener Mann also, der in den zurückliegenden drei Jahren bei Real Madrid zusammen mit Luka Modric die erfolgreichste Schaltzentrale Europas bildete. Oder ein Thomas Müller, der normalerweise dorthin geht, wo es weh tut, wie Falschgeld über den Platz schlich. Genau das war das Bild, was der mittlerweile leidgewohnten deutschen Fanseele in regelmäßigen Abständen zugemutet wurde: in so ziemlich jedem Freundschaftsspiel. Ich darf als Zuschauer erwarten, dass der, der mit einem Adler auf dem Trikot einen Fußballplatz betritt, wenigstens sein Bestes gibt. Alibi-Gekicke, um ja keine Verletzung zu riskieren, worum es den Herren Klopp und Rummenigge ja eigentlich geht, will doch keiner sehen.

Von daher macht die Nations League Sinn. Sie erspart uns künftig die Testspiel-Tristesse der zurückliegenden Jahre. Oder glauben Sie, dass der deutsche Bundestrainer die Schmach erleben möchte, mit der DFB-Auswahl in Liga B abzusteigen. Das geht in einer Gruppe mit Weltmeister Frankreich und den Niederlanden ganz schnell. Diese Blöße will sich Löw, an dessen Stuhlbeinen kräftig gesägt wird, nicht geben. Und wir als Fans können darauf hoffen, dass wir am Samstag zumindest eine deutsche Mannschaft sehen, die vom Bundestrainer hochmotiviert ins Spiel gegen die Niederlande geschickt wird. Der Nations League sei Dank.

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