Kommentar: Ende einer Ära

Axel Eger über den Rücktritt von Schachlegende Wladimir Kramnik.

Das Adieu kam jäh, aber nicht unvermittelt. Es hatte sich heraushören lassen, wenn Wladimir Kramnik von seiner nachlassenden Energie sprach. Und es hatte sich abgezeichnet in seinen Partien, in denen ihn Objektivität und Ergebnis nicht mehr scherten.

Dabei hatte er vor Jahresfrist noch einmal als ernsthafter Anwärter auf den Schachthron gegolten. Damals, als er beim Berliner Kandidatenturnier den mitfavorisierten Levon Aronian vom Brett fegte und dem späteren Herausforderer Fabiano Caruana in einer denkwürdigen Schlacht knapp unterlag.

Auch jetzt in Wijk, seinem letzten Turnier, das der Ex-Weltmeister als Schlusslicht beendete, spielte er unbekümmert mit großem, manchmal nicht gerechtfertigtem Optimismus. Der filigrane Stratege war auf seine alten Tage zum heiteren Kaffeehausspieler geworden, der, wenn nicht auf dem Brett, wenigstens in seinen Analysen gewann. Der große Denker, der als einziger Mensch Kasparow in einem Zweikampf besiegte, agierte mit 43 wie ein Vorruheständler, dem die Welt egal ist. Hauptsache, sie macht Spaß.

Sein Rücktritt markiert das Ende einer Ära. Er war der letzte Part der weltmeisterlichen K-Trilogie (Karpow-Kasparow-Kramnik) und neben Anand der letzte Mann der Weltspitze, dessen tiefes Schachverständnis noch in der Vor-Computerära gereift ist. Vielleicht besitzt er das tiefste von allen. Kasparow, der Rivalen nur schwer neben sich erträgt, attestierte ihm einst, Schach spielen zu können. Andere würden nur Züge machen.

Kramnik ist ein Champion mit Profil, doch ohne Profilneurosen. Nun will er sich neuen Aufgaben widmen, erkundigte sich bereits nach Schulprojekten in Deutschland. Egal, ob Profis oder wir, die wir nur Züge machen – lernen können noch immer alle von ihm. Von Wladimir Kramnik, dem großen Schachspieler, dem Weltmeister, dem feinen Menschen.