AfD Kandidat Höcke im Interview: Drei-Kinder-Familie ist politisches Leitbild

Björn Höcke ist Spitzenkandidat für die Alternative für Deutschland (AfD) bei der Landtagswahl in Thüringen. Im Interview erklärt er, warum er ein ein neues Dienstethos für Politiker einführen will und was er von preußische Tugenden hält. Höcke spricht von einer "historischen Mission" seiner Partei.

"Die politische Korrektheit liegt wie Mehltau auf unserem Land": Der Landtags-Spitzenkandidat der Alternative für Deutschland (AfD), Björn Höcke. Foto: Peter Michaelis

"Die politische Korrektheit liegt wie Mehltau auf unserem Land": Der Landtags-Spitzenkandidat der Alternative für Deutschland (AfD), Björn Höcke. Foto: Peter Michaelis

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Weimar. Ein neues Dienstethos für die Politik, mehr preußische Tugenden und die Drei-Kinder-Familie als politisches und gesellschaftliches Leitbild: Es sind nicht alltägliche Forderungen, die Björn Höcke, Landtags-Spitzenkandidat der Alternative für Deutschland (AfD), an die Politik hat. Er spricht von einer "historischen Mission" seiner Partei.

Herr Höcke, Sie haben nach den jüngsten Umfragen gute Chancen, in den Landtag einzuziehen. Aber viele sagen auch, eine Partei, in der es so viele interne Querelen gibt, ist nicht parlamentstauglich.

In einer Partei, die es erst seit etwas mehr als einem Jahr in Thüringen gibt, sind gruppendynamische Prozesse ganz normal. Die Menschen, die sich für die gemeinsame Sache engagieren, müssen sich erst einmal in all ihrer Unterschiedlichkeit kennen lernen, Erfahrungen miteinander machen.

Sie reden natürlich die Turbulenzen mit dem Ausdruck gruppendynamischer Prozess auch schön. Ein ganzer Kreisverband in Altenburg ist Ihnen verloren gegangen, die Landesvorsitzenden hielten sich nur wenige Monate im Amt, es gab schwere Auseinandersetzungen. Alles nur Gruppendynamik?

Ja. Und die personelle Diskontinuität, die Sie gerade beschreiben, sehe ich in dieser Schärfe nicht.

Sondern?

Es gibt sehr viel personelle Kontinuität. Ich gehöre beispielsweise zu den Gründungsvätern der AfD in Thüringen. Im jetzigen Landesvorstand sitzen immer noch drei Gründungsmitglieder und viele andere arbeiten weiter aktiv mit.

Wie viele Mitglieder haben Sie jetzt in Thüringen?

Etwa 350.

Wie grenzen Sie sich von Ex­tremisten, vor allem Rechtsextremisten, ab?

Jeder Antragsteller füllt einen Fragebogen aus, in dem auch frühere Parteimitgliedschaften abgefragt werden. Die Kreisvorstände führen dann Aufnahmegespräche, in denen es um die politische Motivation und das politische Herkommen geht.

Das hört sich für mich dann doch nach Gesinnungsgesprächen an.

Nein, es geht um die politische Motivation. Das ist, denke ich, das Recht jeder politischen Partei.

So richtig ist der Zug für die AfD zumindest mitgliedermäßig noch nicht abgefahren.

Aber er rollt jetzt. Nach der Europawahl haben wir sehr viele Anfragen erhalten. Die AfD wird jetzt als Kraft wahrgenommen, die auch die Möglichkeit hat, Politik zu beeinflussen.

Profitieren Sie in Thüringen mehr vom bundespolitischen Trend?

Ja, natürlich. Die AfD hat ihren Ursprung in den bundespolitischen Themen, im Widerstand gegen die Euro-Rettungspolitik und den EU-Zentralismus.

Sie kritisieren aber auch das Parteiensystem?

Selbstverständlich. Anfang der 90er Jahre hat bereits Friedrich von Weizsäcker davon gesprochen, dass der Staat ein Raub der Parteien geworden sei. Wir treten an als Demokratie-Erneuerer, wir wollen diese Demokratie wieder lebendiger machen. In der wachsenden Politikverdrossenheit der Bürger sehen wir eine Gefahr.

Sie profitieren von den großen Themen. Aber für uns ist noch nicht erkennbar, was denn die AfD hier im Land anders machen will.

Thüringen ist ein politischer Sumpf. Und dieser Sumpf breitet sich immer weiter aus. Allein um seine Ausbreitung zu stoppen, würde sich der Wahlkampf schon lohnen.

Was wollen Sie denn? Den Sumpf austrocknen?

Wir wollen der Politik ein neues Dienstethos einpflanzen. Und zwar nicht als Berufspolitiker, sondern als Staatsbürger, die schon in vielen anderen Bereichen Lebenserfahrung gesammelt haben.

Was bedeutet denn vor diesem Hintergrund Ihr eben zitiertes Dienstethos?

Dass wir nicht uns, sondern unserem Land und vor allem unseren Kindern dienen. Wenn wir diesen Geist transportieren können, haben wir etwas für eine lebendige Demokratie ebenso getan wie für den Abbau der Politikverdrossenheit.

Setzen Sie sich aber nicht mit Ihren Thesen erst auf den Zug der Politikverdrossenheit drauf?

Warum?

Wenn Sie beispielsweise sagen, Thüringen ist ein politischer Sumpf, dann bedienen Sie doch Stammtischparolen, oder?

Für mich ist das kein Vorurteil, sondern diese Einschätzung ist Fakt. Diese Parteiendemokra­tie""nährt doch bisher einen ­Typus von Berufspolitiker, der selten über eine ausreichende Berufserfahrung verfügt, der aber schon sehr früh gelernt hat,"sich in der Politik hochzudienen, entsprechende Seilschaften zu pflegen, um seine eigene Stellung im System zu erhalten.

Wenn Sie vom Dienstethos sprechen, drängt sich die Frage auf, welche Tugenden Sie noch meinen?

Ich bin ein großer Anhänger der preußischen Tugenden. Ganz zentral ist für mich neben dem Dienst- auch das Pflichtethos. Wir möchten, dass der Politiker sich als Diener seines Landes versteht. Zu den preußischen Tugenden zählen aber auch Pflichtgefühl, Redlichkeit, Fleiß, sachlicher Ehrgeiz und Gerechtigkeitssinn. Sie müssen wieder zum selbstverständlichen Wertmaßstab werden.

Wenn Sie von der Parteiendemokratie reden, die Sie ändern wollen, stellt sich die Frage, wollen Sie unser politisches System ändern?

Nein, wir wollen es nicht ändern. Wir wollen es verlebendigen durch die Implementierung direkt-demokratischer Elemente.

Manche Ihrer Positionen sind umstritten und unterscheiden sich auch in den einzelnen Landesverbänden. In Sachsen hat man beispielsweise beschlossen, dass es einen gewissen Anteil deutscher Lieder im Rundfunk geben soll. Unterstützen Sie das?

Ich würde mich freuen, wenn es so wäre. Ich weiß aber nicht, ob solche Zwangsquoten, wie es sie beispielsweise in Frankreich gibt, wirklich Sinn machen. Aber klar ist: Wir sollten sorgsam mit unserer Sprache als einem wesentlichen Teil unserer Identität umgehen. Die Frage nach der Identität ist die zentrale Frage der Menschheit im 21."Jahrhundert.

Gehört der Islam zu Deutschland, wie es Christian Wulff mal gesagt hat?

Für mich ist der Islam in seiner jetzigen Form etwas, was mit unseren mitteleuropäischen Ansprüchen gerade nach der Aufklärung nicht kompatibel ist.

Ist also in Ihren Augen Multikulti gescheitert?

Ich bin da ausnahmsweise ganz nah bei Frau Merkel: Multikulti ist mausetot.

Tun wir genug, um die Entwicklung von Parallelgesellschaften zu verhindern?

Nein. Die AfD fordert eine vernunftgesteuerte Einwanderungspolitik, die es so bisher nicht gegeben hat. Wir müssen schauen, wo unser Bedarf für Einwanderung ist. Das muss durch ein Gesetz geregelt werden, so wie in anderen Län­dern, "beispielsweise Kanada, auch. Durch diese nicht existierende Einwanderungspolitik ­haben wir die Entwicklung dieser Parallelgesellschaften gefördert, die nicht integrationsfähig und nicht integrationswillig sind. Es ist ja gerade die dritte Generation der Einwanderer, ­also die Jüngeren, die sich wieder mehr und mehr von unseren gesellschaftlichen Normen entfernen.

Zurück zu Thüringen. Eines der zentralen Themen wird die Bildungspolitik sein. Würden Sie die Gemeinschaftsschule wieder abschaffen?

In unserem Landtagswahlprogramm haben wir uns klar für das gegliederte Schulsystem ausgesprochen. Die Bildung darf nicht pädagogischen Moden geopfert werden.

Wie passen da die Gemeinschaftsschulen rein?

Das ist ein Projekt von SPD-Bildungsminister Christoph Matschie gewesen. Gute Schulentwicklung bedeutet immer Differenzierung. Deshalb ist das gegliederte Schulsystem auf jeden Fall das fortschrittlichere System.

Die Frage haben Sie immer noch nicht beantwortet. Sie können entweder eine Bestandsgarantie für die existierenden Gemeinschaftsschulen abgeben oder sagen, dass es auch neue geben kann.

Neue sind für mich nicht denkbar.

Und die bestehenden?

Wir sind ja keine Revolutionäre.

Was ist für Sie eine gute Bildungspolitik?

Wenn die thüringischen Schulen Kenntnisse, Fähigkeiten, Fertigkeiten sowie übertragbare Einsichten vermitteln und nicht die Schüler durch Konfliktgeschwätz langweilen und in die Irre führen. Und die Schreibschrift ist jedem Thüringer Grundschüler zu vermitteln. Die CDU hat in der Bildungspolitik Herrn Matschie viel zu viel werkeln lassen. Diese Sozialdemokratisierung der CDU, die ja auch auf vielen anderen Gebieten gilt, ist ein Grund für das Entstehen der AfD.

Sie nehmen allen Parteien Stimmen weg, haben aber ein großes Potenzial im bürgerlichen Lager, also bei potenziellen CDU- und FDP-Wählern. Nehmen Sie in Kauf, dass durch diese Aufsplitterung vielleicht sogar Rot-Rot oder Rot-Rot-Grün möglich wird?

Unsere Zeit wird kommen, so oder so. Deshalb müssen wir auch nicht auf parteipolitische Konstellationen gucken. Ich bin in die Politik gegangen, weil ich mir Sorgen um die Zukunft meiner vier Kinder gemacht habe. Eine Legislaturperiode Rot-Rot in Thüringen ist für mich vor diesem Hintergrund - mit Verlaub - vernachlässigbar.

Sie stehen für eine Koalition mit der CDU zur Verfügung, obwohl Lieberknecht das bislang kategorisch ausgeschlossen hat, andere in der CDU aber nicht?

Wir haben keine Koalitionsaussage gemacht.

Sie werden auch keine machen?

Wir reden mit jedem.

Auch mit der Linken?

Mit jedem.

Sie schließen also eine Regierungsbeteiligung nicht aus?

Es gibt in unserer Partei unterschiedliche Stimmen, darunter auch solche, die dafür plädieren, erst einmal in die Opposition zu gehen. Aber es gibt auch viele, die sagen, der Wähler möchte, dass die Partei, die er gewählt hat, ihre Politik auch nach Möglichkeit in einer Regierung umsetzt. Wenn es zu einer Koalition käme, müssten unsere Parteimitglieder darüber abstimmen.

Links von der SPD gibt es die Linke, wollen Sie sich rechts von der CDU etablieren?

Nein. Unser Anspruch ist es, eine neue Volkspartei zu werden.

Wo sind Sie konservativ, wo sind Sie liberal, wo sind sie sozialdemokratisch?

Wie definieren Sie rechts und wie definieren Sie links?

Es war nicht die Frage nach rechts oder links, sondern nach konservativ oder liberal oder sozialdemokratisch. Also konkret gefragt: Sind Sie für die Marktwirtschaft?

Wir sind für die Marktwirtschaft.

Ohne wenn und aber?

Aber ich für meine Person sehe, dass der internationale Finanzkapitalismus, so wie er sich im Augenblick verhält, keine Zukunft hat. Ich bin für eine organische Marktwirtschaft.

Sind Sie der Meinung, dass wir in Deutschland zu hohe Sozialausgaben haben?

Wir haben in den vergangenen Jahren unseren Sozialstaat zu sehr aufgebläht. Auf Dauer werden wir - vor allem vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung - Abstriche am Sozialstaat in der bisherigen Form machen müssen. Wir werden wieder mehr gemeinschaftlich orientierte Werte leben müssen, wir brauchen eine lebendige Bürgergesellschaft, in der sich die Menschen stärker engagieren und sich nicht nur auf Leistungen der öffentlichen Hände verlassen.

Stichwort Landeserziehungsgeld. Sollten Kinder mehr in Kitas oder stärker in den Familien erzogen werden?

Sie sollten verstärkter in Familien erzogen werden. Die klassische Familie muss wieder zum gesellschaftlichen Leitbild erhoben werden. Das Thüringer Erziehungsgeld sollte ausgebaut und nicht abgeschafft werden. Schädliche, teure, steuerfinanzierte Gesellschaftsexperimente, die der Abschaffung der natürlichen Geschlechterordnung dienen, beispielsweise das Gender Mainstreaming, sind sofort zu beenden.

Die andere Position ist doch: Thüringen muss die Kitas ausbauen, damit Thüringen für Fachkräfte attraktiv wird, damit die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gestärkt wird.

Es muss je nach Lebenssituation für Familien Optionsmöglichkeiten geben: entweder für die Erziehung in der Familie oder in den Kitas. Aber Erziehungspsychologen sagen, dass in den ersten drei Lebensjahren die Erziehung innerhalb der Familie für die Kinder die bessere Option ist. Kitas sind immer nur die zweitbeste Lösung.

Andere sehen das anders.

Mein Kenntnisstand ist der oben Beschriebene.

Sie würden gerne den Einfluss des Staates reduzieren?

Die Deutschen sind ein sehr staatsgläubiges Volk. Der Staat muss effektiver sein.

Sind Sie der Meinung, dass Familien heute gewisse Tugenden und Verhaltensformen nicht mehr transportieren?

Diese Primärsozialisation, die eigentlich in der Familie stattfinden sollte, wird immer mehr in die Schulen verlagert. Die Zeit, die dafür aufgewandt wird, fehlt dann später für die Bildungsvermittlung. Deshalb müssen wir die Familie stärken, nicht nur, um jungen Menschen wieder den Wunsch nach mehr Kindern schmackhaft zu machen. Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, keine Kinder zu haben. Jeder, der keine Kinder hat, hat nur die halbe Lebenserfahrung.

Was kann die Familie denn noch mehr leisten?

Die Familie ist die wichtigste Sozialisationsinstanz. Es werden dort Werte vermittelt, Gemeinschaftsorientierung, eine positive Unterordnungsfähigkeit.

Positive Unterordnungsfähigkeit?

Ja.

Das muss ich mir merken als Argumentationshilfe gegenüber meinen Kindern...

Diese Leistungen in der Familie kann der Staat gar nicht mit Geld bezahlen. Der Zeitgeist, der Materialismus, die Konsumorientiertheit macht es auch vielen Familien schwer. Familien mit mehr als zwei Kindern geraten häufig schon unter gesellschaftlichen Rechtfertigungsdruck. Hier müssen die Maßstäbe zurechtgerückt werden. Und wir brauchen Politiker, die das auch vorleben.

Was wollen Sie in Thüringen in der Familienpolitik anders machen?

Die Politik hat eine Vorbildfunktion. Politiker müssen eine wertsetzende Elite sein. Sie dürfen sich nicht nur - wie Frau Lieberknecht - als Politikverwalter verstehen. Ich würde die Drei-Kinder-Familie zum politischen und gesellschaftlichen Leitbild machen.

Und die wird entsprechend gefördert?

Natürlich wird die auch gefördert. Aber es geht nicht ums Geld. Es geht darum, dem Werterelativismus Paroli zu bieten. Und: Der Staat muss vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung an seine Zukunft denken. Und es gilt auch: Kinder machen glücklich.

Wenn Politiker wertsetzende Elite sein sollen, ist das nicht ein sehr elitärer Politik-Begriff?

Ja, aber es ist ein positiver Elitebegriff. Die Menschen haben das Bedürfnis, von Politikern klare Aussagen zu erhalten.

Schreckt das die Menschen nicht eher ab?

Nein. Wir dürfen uns im positiven Sinne auch eine Elite leisten, die klare Werte setzt und klare Leitbilder lebt.

Sie können sich vorstellen, Minister zu werden?

Ja, selbstverständlich.

Aber Sie trachten nicht danach?

Nein. Ich bin sehr glücklich in meinem Beruf als Gymnasiallehrer. Ich erlebe meinen Beruf als Berufung.

Aber eine Koalition wäre verlockend?

Wir wollen uns nicht von der CDU vereinnahmen lassen. Wir wollen unsere Programmatik durchsetzen. Die AfD hat eine historische Mission. Und die will ich nicht politischen Notwendigkeiten opfern.

Historische Mission und Kompromissfähigkeit schließen sich normalerweise aus.

Nein. Natürlich sind wir kompromissfähig. Kompromisse gehören zu einer Demokratie dazu. Aber ich möchte mich nicht zu früh zu glatt schleifen lassen.

Worin besteht die historische Mission?

Die politische Korrektheit liegt wie Mehltau auf unserem Land. Die historische Mission der AfD besteht darin, der Meinungsfreiheit in diesem Land wieder zum Durchbruch zu verhelfen und die politische Korrektheit in die Schranken zu verweisen.

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