AJS-Chef Hack nach AWO-Skandal: „Ich habe in Gehaltsgesprächen eine gute Position“

Erfurt.  Für Geschäftsführer Hack sei klar, dass es entsprechend honoriert werden sollte, wenn jemand großen Erfolg im Unternehmen hat. Unterdessen gibt es viele Verquickungen zwischen Haupt- und Ehrenämtern bei der Awo.

Sichtbares Zeichen: An der Fassade einer Wohnanlage wird das Awo-Logo angebracht.

Sichtbares Zeichen: An der Fassade einer Wohnanlage wird das Awo-Logo angebracht.

Foto: Theresa Wahl

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Es hat schon einen Anflug von Humor, wenn Ulf Grießmann, Landesgeschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Thüringen, die Mitarbeiter und Ehrenamtlichen der Awo Thüringen vor wenigen Tagen in einer E-Mail wissen lässt, dass es an den Aufsichtsgremien der Awo-Tochter AJS sei, auf die von dieser Zeitung publik gemachten Vorwürfe gegen die AJS-Geschäftsführung einzugehen. Denn die Distanz, die Grießmann hier herzustellen versucht, die gibt es nicht:

Grießmann gehört selber dem Aufsichtsrat der AJS an,

genauso wie Steffen Kania, der stellvertretende Awo-Landesvorsitzende,


  • wie Alexander Minar, Vorstandsmitglied des Awo-Landesverbandes,

  • wie Katrin Matzky, ebenfalls stellvertretende Awo-Landesvorsitzende,

  • wie Karl-Heinz Stengler, Vorstandsmitglied des Awo-Landesverbandes.

  • Das heißt also: Fünf Vertreter des Awo-Landesverbandes haben Sitz und Stimme im Kontrollgremium des Tochter-Unternehmens AJS – und wollen nichts wissen und nichts mitbekommen haben?

    Merkwürdig ist das nicht zuletzt deshalb, weil es erst im Oktober 2019 eine viertägige Klausurtagung gab, an der nicht nur der Vorstand des Landesverbands teilnahm, sondern auch der 14-köpfige Aufsichtsrat und die beiden Gesellschafter der AJS, also der Awo-Landesverband (65 Prozent) und der Awo-Kreisverband Erfurt.

    Man traf sich übrigens nicht etwa in einem Thüringer Hotel oder Sitzungssaal oder gar einer der Immobilien der AJS, sondern in einem First-Class-Hotel in Augsburg, wie ein AJS-Mitarbeiter berichtet, der aber seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Preis pro Zimmer in dieser noblen Herberge: aktuell im Schnitt um die 149 Euro pro Nacht.

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    Höhe des Gehalts bleibt weiter ungenannt

    Eine standesgemäße Unterkunft – folgt man der Sichtweise von AJS-Chef Michael Hack. Denn Hack ist der Ansicht, dass es entsprechend honoriert werden sollte, wenn jemand großen Erfolg an der Spitze eines Unternehmens hat. In einem Brief an alle Mitarbeiter der AJS teilte er am Dienstag mit, dass er zwar keine konkrete Zahl zur Höhe seines Gehalts nennen werde – schließlich würden Angaben zum Einkommen als persönliche Daten gelten und der Schutz der Privatsphäre mithin auch für ihn.

    Aber natürlich sei „jedem von Ihnen klar, dass ich gut verdiene“. Warum dann aber beispielsweise die Gehälter der Bundeskanzlerin (351.552 Euro), des Thüringer Ministerpräsidenten (knapp 200.000 Euro brutto) oder auch die der Minister auf Bundes- und Landesebene kein Geheimnis sind, ob bei diesen aus Steuergeld bezahlten Personen die Grundsätze des Datenschutzes nicht greifen, das weiß allein Hack.

    Als Geschäftsführer eines Unternehmens jedenfalls, „das sich seit 26 Jahren so erfolgreich entwickelt wie die AJS“, habe er in den Gehaltsverhandlungen mit den Gesellschaftern der AJS „natürlich eine gute Position“, trumpft der AJS-Chef auf. Dabei, so Hack, werde freilich auch der Dienstwagen mitverhandelt. Dass die Awo allerdings ein Sozialverband und eben kein Unternehmen der freien Wirtschaft ist, dass Awo und AJS zu großen Teilen aus Steuermitteln finanziert werden, scheint der AJS-Spitze nicht (mehr) bewusst zu sein.

    Wie ihr offenbar auch das Gefühl dafür abhanden kam, wie es auf die Öffentlichkeit, die eigenen Mitarbeiter und die vielen Ehrenamtlichen wirken muss, wenn die Geschäftsführung einen besonders teuren Mercedes oder – wie einer der beiden Prokuristen – einen PS-starken Audi als Dienstwagen fährt. Oder wenn der AJS-Chef einen mit Designermöbeln ausgestatteten Empfangsbereich hat, in dem allein ein Rolf-Benz-Sofa um die 4500 Euro und Designerstühle um die 900 Euro kosten.

    Verquickungen zwischen Haupt- und Ehrenämtern bei der Awo

    Ausgestattet wurde das Büro nach Angaben von AJS-Mitarbeitern übrigens von Elvira Diebold, die im Ehrenamt Vorsitzende des Awo-Kreisverbandes Erfurt ist. Geliefert wurden die Möbel wiederum von Matthias Löffler, dem Ex-Chef von Elvira Diebold und zugleich ehrenamtlicher Vorstandschef des Awo-Kreisverbandes Gotha. Dessen Geschäftsführerin ist Petra Köllner-Hack, die Ehefrau des AJS-Chefs. AJS-Mitarbeiter witzeln deshalb schon darüber, dass man sich in Sachen Awo in Thüringen nicht viele Namen merken muss: Es tauchten schließlich immer wieder dieselben auf.

    In Frankfurt, wo die Awo derzeit ebenfalls ein „Erdbeben“ erlebt, ist im Zusammenhang mit Entgleisungen bei Gehältern und Vergünstigungen die Rede davon, dass „einzelne Personen wohl Maß und Mitte verloren“ haben. Das sehen indes selbst in der AJS nicht alle Mitarbeiter so. Derzeit, so berichten Insider, sei sich die Belegschaft uneins.

    Die einen meinen: Hauptsache, ich bekomme mein Geld, was die Geschäftsführung macht, ist mir egal. Andere wiederum empören sich: Das darf doch wohl nicht wahr sein, dass sich Führungskräfte in einem ausgeklügelten System bereichern und damit dem Sozialverband einen nicht wieder gut zu machenden Imageschaden zufügen.

    Und dann gibt es da noch das dritte Lager, das findet: Wer so erfolgreich ist wie Michael Hack, der darf beim Gehalt einen ordentlichen Schluck aus der Pulle nehmen und muss sich auch nicht mit einem mickrigen Mittelklassewagen zufrieden geben.

    Skandal spaltet Belegschaft

    Die von dieser Zeitung publik gemachten Vorwürfe von AJS-Mitarbeitern tut Hack folgerichtig als einen „trüben Mix aus Erfindung, Halbwahrheiten und Polemik“ ab. Den Grund dafür, dass die AJS und insbesondere seine Person in der Öffentlichkeit schlecht gemacht werden solle, meint der AJS-Chef ebenfalls zu kennen: Die AJS sei „so provozierend erfolgreich“.

    Den Stolz darauf teilt aber offenbar nicht jeder: Nach Informationen dieser Zeitung verlassen derzeit neben dem geschassten Prokuristen weitere AJS-Mitarbeiter das Unternehmen. Hacks persönliche Assistentin etwa geht zum 31. Januar 2020 auf eigenen Wunsch.

    Derweil ist der Awo-Bundesvorstand auf Tauchstation gegangen: Der Bitte um eine Stellungnahme zu den Vorwürfen in Thüringen ist er seit gut einer Woche nicht nachgekommen. Bundeschef Wolfgang Stadler und sein Team haben offenbar alle Hände voll damit zu tun, die Abzockeraffäre in Hessen aufzuklären und eine Antwort auf die Frage zu finden, ob die Kontrollmechanismen, die es bislang gibt, für Verbände wie die Awo in Thüringen überhaupt noch ausreichen.

    Hintergrund: Weitere Mitarbeiter von Awo und AJS haben sich gemeldet

    Aus Ostthüringen: „Die Verwendung der öffentlichen Mittel wird nicht ausreichend kontrolliert. Nur sehr selten, etwa durch Presseartikel oder Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, werden die Kostenträger aktiv. Die Wahrscheinlichkeit geht aber gegen null! Aus meiner Erfahrung sind Sie mit diesem Thema in ein richtiges Wespennest gestoßen. Dies ist vor allem wegen der großen Leistungserbringer wie Diakonie, Caritas und Awo politisch nicht gewollt, da mit ihnen jeweils parteipolitische Interessen verbunden sind.“

    Aus dem Landkreis Saalfeld-Rudolstadt: „Die Intransparenz ist auch bei der Awo Saalfeld zu finden. Es gibt zum Beispiel ein Restaurant, das unter dem Namen Awo läuft. Wenn man aber genau hinsieht, gehört es der Awo Saalfeld Dienstleistung und Service GmbH. Außerdem: Was hat der Cap-Markt am Markt mit der Awo zu tun? Der gemeinnützigen gGmbH oder mit der GmbH? Der Anspruch der Gemeinnützigkeit ist da für mich nicht gegeben, aber das Wort Arbeiterwohlfahrt suggeriert, dass es so ist.“

    Aus dem Landkreis Gotha: „Bitte bleiben Sie an dem Thema dran!
    Das ist eine Riesen-Schweinerei. Ich bin vor Jahren aus Wiesbaden nach Thüringen gezogen, war mit meiner inzwischen verstorbenen Frau viele Jahre ehrenamtlich tätig. Wenn ich jetzt sehe, was bei der Awo Wiesbaden und auch in Thüringen los ist, geht mir der Hut hoch.“


    * Die Namen der Briefeschreiber sind der Redaktion bekannt und werden aus Gründen des Quellenschutzes nicht veröffentlicht.

    So reagiert die Politik auf die AWO-Vorwürfe_

    „Wir sind der Meinung, dass sich soziale Unternehmen, zumal wenn sie gemeinnützig sind, auch bei Fragen des Gehaltes und der Offenlegung von Entscheidungswegen, den Prinzipien der Selbstlosigkeit, Unmittelbarkeit und der angemessenen Bezahlung ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterwerfen sollten. Mit dieser Transparenz kann die Glaubwürdigkeit sozialer Unternehmen gestärkt werden.“

    Diana Lehmann (Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Fraktion)

    „Die Awo hat 2017 einen ‘Governance-Kodex’ verabschiedet, der deutschlandweit gelten soll. Darin ist die Trennung von Aufsicht und Führung formuliert. Wir sehen in Thüringen keine Anwendung, so können Verfehlungen einzelner Verantwortlicher nicht beendet werden.“

    Olaf Müller (sozialpolitischer Sprecher Grüne-Fraktion)

    „Wir werden umgehend in direkten Kontakt zur Awo AJS für ein Gespräch zur aktuellen Situation
    treten.“

    Karola Stange (sozialpolitische Sprecherin Linke-Fraktion)

    „Die Vorwürfe und der damit verbundene politische Filz müssen aufgeklärt, Transparenz muss geschaffen und bisherige Kontrollmechanismen überprüft werden. Erst wenn die Sozialverbände parteipolitisch neutral und unabhängig sind und zurück zu ihrer eigentlichen Aufgabe finden, haben solche fragwürdigen Geschäftspraktiken keine Chance mehr.“

    René Aust (AfD-Landtagsabgeordneter)

    „Aus der anerkannten Gemeinnützigkeit resultierende Wettbewerbsvorteile, wie die Befreiung von der Körperschaftssteuer, wurden hier offensichtlich für überhöhte Gehälter statt Investitionen in soziale Einrichtungen verwandt. Um den Vertrauensschaden in der Öffentlichkeit zu begrenzen sollte hier sofort Transparenz geschaffen werden. Durch externe Prüfer könnte möglicherweise eine glaubwürdige Aufarbeitung der Vorwürfe stattfinden.“

    Thomas L. Kemmerich (FDP-Fraktionschef)

    „In der momentanen Situation kann einzig maximale Transparenz dabei helfen, Schaden vom Awo- Landesverband Thüringen abzuwenden. Denn die vielen ehrenamtlich Engagierten und Beschäftigten tragen an den Vorgängen keine Mitschuld.“

    Felix Voigt (stellvertretender Pressesprecher der CDU-Fraktion)

    Das heißt also: Fünf Vertreter des Awo-Landesverbandes haben Sitz und Stimme im Kontrollgremium des Tochter-Unternehmens AJS – und wollen nichts wissen und nichts mitbekommen haben?

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