Berlin/Moskau. Über eine Million Menschen verhungerten in Leningrad. Deutschland spricht von Kriegsverbrechen – Russland geht einen Schritt weiter.

Circa 28 Monate lang (September 1941 bis Januar 1944) belagerten die Nazi-Truppen des faschistischen Deutschlands Leningrad. In den rund 900 Tagen Horror starben über eine Million Menschen, an Kampfhandlungen, an Hunger, an Kälte.

Die gnadenlose Kriegsführung ist ein Kriegsverbrechen, der Mythos von der sauberen Wehrmacht, er liegt auch an der Newa begraben. Aber ist das entmenschlichte Morden der Deutschen und ihrer Verbündeten auch ein Völkermord?

Russland sagt Ja – und verlangt von der Bundesregierung, die Belagerung Leningrads als Genozid anzuerkennen.

Das russische Außenministerium habe eine diplomatische Note an das Auswärtige Amt geschickt, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Tass in Moskau. Der deutschen Seite wurde ein angeblich „widersprüchlicher Umgang“ mit der Vergangenheit vorgehalten: Deutsche Verbrechen aus der Kolonialzeit seien als Völkermord anerkannt, die nationalsozialistischen Verbrechen gegen die Völker der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg aber nicht.

„Die russische Seite besteht auf einer offiziellen Anerkennung solcher Untaten des Dritten Reichs als Genozid“, hieß es demnach in der Note.

Belagerung von Leningrad: „Genozidaler Akt“, von Deutschen gern verdrängt

Es ist nicht das erste Mal, dass die russische Seite den Genozid-Vorwurf erhebt. Im September 2022 hatte die Staatsanwaltschaft St. Petersburg – das ehemalige Leningrad – vor Gericht beantragt, die Belagerung als Völkermord einzustufen.

Mit dieser Beurteilung steht die russische Seite nicht alleine da. Die Blockade der Stadt sein ein „genozidaler Akt“ gewesen, sagte der Historiker Hans-Christian Petersen der „Taz“ vor einigen Jahren. Das gezielte Aushungern der Leningrader Zivilbevölkerung sei in Westdeutschland lange als normale militärische Operation gesehen worden sei – die Verbrecher, das seien vor allem Hitler und die SS gewesen.

Die Verbrechen von Leningrad anzuerkennen, das hätte bedeutet, eine Gesamtschuld der Deutschen nicht mehr bestreiten zu können, denn die Wehrmacht, das sei ein Großteil der deutschen Bevölkerung gewesen. Lesen Sie dazu:NS-Zeit – Was hat Opa zwischen 1933 und 1945 gemacht?

Im von der deutschen Wehrmacht belagerten Leningrad wird eine Leichnam zur Beisetzung gezogen. In der vom 8. September 1941 bis 27. Januar 1944 fast 900 Tage dauernden Blockade erfroren und verhungerten etwa eine Million Menschen.
Im von der deutschen Wehrmacht belagerten Leningrad wird eine Leichnam zur Beisetzung gezogen. In der vom 8. September 1941 bis 27. Januar 1944 fast 900 Tage dauernden Blockade erfroren und verhungerten etwa eine Million Menschen. © DPA Images | ---

Deutschland: „Furchtbares Kriegsverbrechen“

„Die Leningrader Blockade war ein furchtbares Kriegsverbrechen, das die deutsche Wehrmacht über Leningrad und seine Bevölkerung gebracht hat“, hieß es zu der russischen Note aus dem Auswärtigen Amt. Dies habe die Bundesregierung mehrfach betont und halte an dieser Rechtsauffassung fest.

Zum 80. Jahrestag des Blockadeendes in diesem Januar habe die deutsche Botschaft in Moskau mit mehreren Veranstaltungen der Opfer gedacht. Botschafter Alexander Graf Lambsdorff habe sich mit Überlebenden getroffen.

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Russland: Deutschland diskriminiert Russen

Die russische Diplomatie erhöht mit ihrer Forderung den Druck auf Deutschland. Rechtlich geht der Vorwurf eines Völkermordes weiter als der von Kriegsverbrechen. Die Völkermordkonvention der Vereinten Nationen von 1948 sieht vor, dass zuständige Gerichte Verurteilungen wegen Völkermordes erlassen.

Das russische Außenministerium störte sich in der Note erneut daran, dass Deutschland nur jüdischen Opfern der Blockade individuell Entschädigung zahle. „Die russische Seite sieht eine solche Praxis der deutschen Seite als ethnische Diskriminierung“, zitierte Tass aus der Note. Opfer aller Nationalitäten sollten entschädigt werden - so die Forderung.

'Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Deutschland begründet die unterschiedliche Behandlung damit, dass die sowjetischen Juden wegen der nationalsozialistischen Rassenpolitik einem besonderen Verfolgungsdruck ausgesetzt waren. Die Entschädigung anderer Opfer sei mit den Kriegsreparationen abgegolten, die aus Deutschland nach 1945 geleistet worden seien.

Als humanitäre Geste fördert die Bundesregierung seit 2019 aber soziale und medizinische Hilfen für überlebende Blockade-Opfer in St. Petersburg. In dem neuen Papier aus Moskau heißt es dazu, eine humanitäre Geste, die dem Geschehen angemessen sei, stehe noch aus. (pcl/dpa)