Bundeschef Lucke bändigt vorerst die Thüringer AfD

Stadtroda. Landespartei trennt sich von Landeschef Wohlfahrt und wählt den Vorstand neu. Das Programm wurde nur teilweise beschlossen.

Eigentlich geht es für ihn derzeit nur aufwärts: AfD-Bundeschef Bernd Lucke hatte beim Thüringer Landesparteitag in Stadtroda alles im Griff. Foto: Sebastian Willnow/ dpa

Eigentlich geht es für ihn derzeit nur aufwärts: AfD-Bundeschef Bernd Lucke hatte beim Thüringer Landesparteitag in Stadtroda alles im Griff. Foto: Sebastian Willnow/ dpa

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Am Morgen sitzt der unauffällige Mann im unauffälligen Anzug still an der Seite der Bühne im "Schützenhaus" von Stadtroda. Das einzige, was an ihm auffällt, ist ein Mikrofon, das mit einem Bügel an seinem Kopf befestigt ist.

Der Mann heißt Bernd Lucke. Er ist der Bundesvorsitzende der "Alternative für Deutschland" (AfD) und Fast-Europaabgeordneter. Und er ist an diesem Samstag eigens in die ostdeutsche Provinz gereist, um den notorisch zerstrittenen Landesverband zu bändigen.

Schließlich wird in Thüringen am 14. September ein neuer Landtag gewählt. Der Einzug in das Parlament soll neben den ebenso erhofften Erfolgen in Sachsen und Brandenburg die neue Partei endgültig rechts der Union etablieren.

Doch vorher muss Lucke noch aufräumen. In den 14 Monaten, in denen der Landesverband existiert, wurde ständig gestritten. Zwei Landesvorstände verschliss die Partei, ein Kreisvorstand trat kollektiv aus.

Die Partei als Erweckungsverein

Im Zentrum stand Matthias Wohlfarth, der nahe der Leuchtenburg ein christliches Missionsheim führt. Er tat so, als sie die Landespartei eine Art Erweckungsverein, was auf dem Parteitag im Februar fast zur Implosion führte. Folgerichtig stagnierte die Mitgliederzahl bei etwas über 300, und dies, obwohl man bei Bundestags- und Europawahlen auch im Land die fünf Prozent deutlich überschritt.

Etwa ein Drittel der Mitgliedschaft passt an diesem Samstag locker in den muffigen Saal des "Schützenhauses", vor dem die "Junge Freiheit" ausliegt und in den Journalisten zuerst nur ungern eingelassen werden. Denn was passieren wird, weiß am Morgen keiner. Aber immerhin ist Lucke da, der nicht nur ein Grußwort spricht - sondern sofort die Tagungsleitung übernimmt. Er, der einzige Profi im Saal, hat auf diese Art schon etliche Verbände gezähmt.

"Dieser Parteitag", ruft er, "wird die Streitereien beenden." "Seien sie Demokraten! Akzeptieren Sie die Entscheidungen, die hier fallen!" Der Professor für Volkswirtschaft führt die Versammlung mit ökonomischer Effizienz. Geschäftsordnungsanträge sind schriftlich einzureichen, Redezeiten werden begrenzt, Aussprachen gekürzt. Dabei bleibt Lucke immer konziliant und ruhig. Die Mitgliedschaft, die sich bisher gelegentlich derlei Veranstaltungen ungebremst keilte, wirkt geradezu diszipliniert.

Nicht einmal der unausweichliche Streit über Wohlfarth eskaliert. Ein Mitglied berichtet von Drohschreiben und sagt, dass ein kompletter Kreisvorstand "in Sippenhaft genommen" worden sei. Ein anderes spricht von "Mobbing, Quälerei, Diskriminierung, und Druck, dem viele nicht standhielten".

Doch da ist auch schon beschlossen, dass der komplette Vorstand neu zu wählen sei. Die "latente Spannung", heißt es von den Antragstellern, müsse aufgelöst, die Neustart-Taste gedrückt werden.

Das zielt auf Wohlfarth. Als es zur Wahl kommt, hat sich der Mann mit dem langen, grauen Haar und dem braunen Cordanzug schon ganz nach hinten gesetzt. "Nein" sagt er auf die Frage, ob er wieder antrete. Fast der gesamte Saal applaudiert.

Dann geht alles recht schnell. Auch wenn sich gleich sieben Kandidaten für die zwei Chefposten bewerben, auch wenn die Namen handschriftlich auf die Wahlzettel zu schreiben sind und auch wenn Lucke selbst ausrechnen muss, dass die Gewinner eine knappe Mehrheit besitzen: Mit Björn Höcke (42) und Stefan Möller (38) hat die Partei eine neue Führung.

Das Gesicht des Bundeschefs ziert nun ein Dauerlächeln. Er gibt Interviews und räumt ein, dass ihm der Thüringer Verband "die größten Sorge" gemacht habe. Aber diese Situation scheine sich ja jetzt zu "beruhigen".

Wahlprogramm aus dem CDU-Fundus gespeist

Auch Alexander Castell ist gut gestimmt. Der Schatzmeister der Landespartei entstammt dem bekannten Adelsgeschlecht in Unterfranken, wo er weit mehr als 30 Jahre der CSU angehörte. Jetzt, sagt er, könne sich der "alte Traum" von Franz-Josef Strauß in der AfD erfüllen, als "die neue CSU bundesweit". Tatsächlich speist sich das Wahlprogramm, das in großen Teilen beschlossen wird, insbesondere aus dem aufgegebenen Fundus der CDU, vom Nein zur doppelten Staatsbürgerschaft bis zur Begrenzung der Zuwanderung. Die herkömmliche Familie ist genauso Norm wie Heterosexualität, die Erziehung daheim und die deutsche Kultur.

Nachdem der Antrag, die Landesliste für die Landtagswahl neu zu wählen, erwartungsgemäß abgeschmettert ist, steht die Partei tatsächlich erstmals halbwegs geordnet da. Auch finanziell hat sie keine Probleme. Die 65"000 Euro, die sie für den Europawahlkampf in Thüringen ausgab, werden für die Landtagswahl mehr als verdoppelt. Wie die Landesverbände von Sachsen und Brandenburg, in denen die Parlamente auch neu zu bestimmen sind, bekommt die Partei 150"000 Euro.

Am Abend klingt Björn Höcke zufrieden. Die Programmteile, die aus Zeitgründen nicht mehr beschlossen werden konnten, würden demnächst von einer Kommission nachbearbeitet und verabschiedet. "Dann sind wir bereit", sagt er.

Höcke hat eine lange Heimfahrt von Stadtroda. Er wohnt im Eichsfeld, in unmittelbarer Nähe der Grenze zu Hessen, wo er herstammt und als Lehrer arbeitet.

In drei Monaten, nach der Landtagswahl, könnte sich sein Arbeitsort schnell ändern.

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