Ein halbes Leben in der Politik: Vor 30 Jahren zog Christoph Matschie in den Bundestag ein

Erfurt/Jena.  Heute vor 30 Jahren wurde Christoph Matschie erstmals in den Bundestag gewählt. Es war der Anfang einer wechselvollen Karriere zwischen Bonn, Berlin und Erfurt.

Der frisch gewählte Thüringer SPD-Bundestagsabgeordnete Christoph Matschie 1991 vor dem "Langen Eugen" in Bonn, dem damaligen Abgeordnetenhaus.    

Der frisch gewählte Thüringer SPD-Bundestagsabgeordnete Christoph Matschie 1991 vor dem "Langen Eugen" in Bonn, dem damaligen Abgeordnetenhaus.    

Foto: Christoph Matschie

Plötzlich war er dort, an jenem Ort, den er nur aus dem Westfernsehen kannte, aus der „Tagesschau“. Plötzlich saß er im alten Wasserwerk von Bonn, unter den Granden der alten Bundesrepublik: Helmut Kohl, Willy Brandt, Hans-Jochen-Vogel . . . Plötzlich war er Abgeordneter.

An diesem Mittwoch ist es 30 Jahre her, dass Christoph Matschie aus Jena in den Deutschen Bundestag gewählt wurde. Drei Jahrzehnte, in denen er, unter anderem, Parlamentarischer Staatssekretär, Landesparteichef und Vizeministerpräsident war. Heute sitzt er wieder in dem Parlament, wo es begann.

Wobei, eigentlich beginnt alles noch früher, in der Zeit, in der in Ostdeutschland viele zufällige Karrieren starten: im Herbst 1989. Matschie, der Pfarrerssohn, der nicht Arzt werden durfte und nach einigen vergeblichen Wartejahren als Hilfspfleger Theologie studierte, hat gerade sein Diplom in Jena verteidigt, als über die Studentengemeinde ins Neue Forum findet – und kurz darauf in die Sozialdemokratische Partei der DDR, die SDP.

Matschie, Ende 20, gründet die Partei in Jena mit. Er demonstriert, hält Reden und wird für die SDP an den Zentralen Runden Tisch nach Ostberlin delegiert. Es folgt der Aufstieg in Vorstand und Präsidium der Partei, die sich nun wie ihre große Schwester im Westen SPD nennt.

Bonn war ein großes Abenteuer

Im März 1990 kandidiert Matschie für die Volkskammer. Doch weil die SPD unerwartet schlecht abschneidet, wird er nicht gewählt. Die Landtagswahl ein gutes halbes Jahr später lässt er aus, um es dann am 2. Dezember 1990 für den Bundestag zu versuchen.

Wie schon bei den Wahlen zuvor dominiert die CDU in Thüringen mit 45,2 Prozent ihrer Zweitstimmen. Die SPD kommt mit 21,9 Prozent nur auf die knappe Hälfte. Matschie schafft es auf Patz 5 der Thüringer Landesliste gerade so ins Parlament.

Und, auf einmal, ist er in Bonn am Rhein, in einer aufgeräumten, wohlständigen, selbstgewissen Welt, acht klappernde Zugstunden von der chaotischen Welt in Jena entfernt, wo alles infrage steht, wo Tausende Menschen um ihre Arbeit bangen, wo niemand weiß, was die Zukunft bringt.

„Ich brachte diese zwei Welten damals kaum zusammen“, sagt Matschie. „Aber es war eben auch ein großes Abenteuer.“ Die ersten Monate schläft er bei einem Bekannten im Arbeitszimmer auf dem Feldbett. Sein Büro befindet sich in einem der Container, die die Bundestagsverwaltung eilig auf einem Parkplatz für die neuen Abgeordneten aus dem Osten aufgestellt hat. Matschie bringt einen Mitarbeiter mit nach Bonn, den Ex-Chef des mit der DDR untergegangenen Ost-Verbands der Jusos. „Wir hatten aber beide keine Ahnung“, sagt er. „Die Kollegen aus dem Westen haben uns formal respektvoll behandelt. Aber es hinderte sie nicht daran, ihre Machtspiele auf unsere Kosten zu spielen.“

Kooperation mit Betriebsräten und Gewerkschaften

Der Jenaer wird ins unwichtigste Gremium des Parlaments geschickt, den Ausschuss für Entwicklungspolitik. Aber das, sagt er, macht ihm nichts aus. „Ich war wie alle ostdeutschen Abgeordneten viel zu sehr mit der Situation daheim im Wahlkreis beschäftigt.“ Er habe sich um die Beschäftigten von Carl Zeiss oder im Faserkombinat in Schwarza gekümmert.

Sehr viel kann Matschie allerdings auch nicht tun, die SPD sitzt in Bund und Land in der Opposition, Union und Liberale regieren. Was bleibt, ist die Kooperation mit Betriebsräten und Gewerkschaften.

Ansonsten aber findet sich der Abgeordnete zunehmend im Bundestag zurecht. Mit jeder Wahl rückt er auf den Listenplätzen nach vorne, und nach dem Sieg 1998, als die SPD mit den Grünen die Bundesregierung übernimmt, steigt er zum Vorsitzenden des Umweltausschusses auf, derweil er daheim, nach der Landtagswahl 1999 in Thüringen, den Landesvorsitz einer wundgeschlagenen SPD übernimmt.

Balanceakt zwischen den Welten

Da sind sie dann doch wieder, die zwei Welten. Hier der Bundestag, der inzwischen ins wildhippe Berlin umgezogen ist, die Macht der rot-grünen Bundesregierung im Rücken – und dort, im von der CDU absolut regierten Thüringen, eine gespaltene, verunsicherte Oppositionspartei.

Um Kompliziertes kurz zu machen: Der Bundestagsabgeordnete balanciert zwischen den Welten, wird Parlamentarischer Bildungsstaatssekretär in Berlin und Spitzenkandidat 2004 in Erfurt – und stürzt ab. Die SPD landet bei 14 Prozent in Thüringen, die PDS zieht endgültig vorbei. Matschie entscheidet sich nach quälenden Tagen für Erfurt, führt die Fraktion im Landtag und nach fünf Jahren die Partei 2009 zurück in die Regierung mit der CDU.

Matschie verrichtet als Bildungsminister und Vize-Ministerpräsident seine Arbeit, aber richtig zufrieden sind Partei, Lehrer und Öffentlichkeit nicht. Schleichend beginnt die Entmachtung. Erst muss er auf die Spitzenkandidatur verzichten, dann auf den Landesvorsitz. Schließlich, als die erste rot-rot-grüne Regierung zu bilden ist, wird er aus dem Kabinett verbannt.

„Der Betrieb ist heute viel hektischer.“

Mit 53 ist Matschie plötzlich ein Ehemaliger, ein Landtagsabgeordneter in der letzten Reihe. Doch 2017, zur Bundestagswahl, greift er noch einmal an. Er verdrängt einen Bundestagsabgeordneten vom Listenplatz 3 der SPD und zieht, so wie 1990, mit Ach und Krach ins Parlament ein. „Ich wollte nach der Flüchtlingskrise noch etwas tun“, sagt er.

Matschie geht in den Auswärtigen Ausschuss, kümmert sich um die Afrika-Politik. Die Menschen, die er in Berlin trifft, sind ganz andere als in Bonn, nur Einzelne wie Wolfgang Schäuble, der Bundestagspräsident, haben die ganze Zeit ausgehalten.

Was ist noch anders als damals? „Fast alles“, sagt Matschie. „Politik lief in Bonn viel, viel langsamer, analoger, ruhiger“, sagt er. „Man hatte damals noch Zeit, über vieles länger nachzudenken.“ Alles in Berlin habe sich enorm beschleunigt, auch im Vergleich zu 2004, als er nach Thüringen wechselte. „Der Betrieb ist heute viel hektischer.“

Im nächsten Jahr, dann ist Matschie 60, will er das nervöse Parlament verlassen, nach einem halben Leben in der Politik. Was danach kommt, das, sagt er, wisse er noch nicht.

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