"Er lebt das": Bodo Ramelow und die Stolpersteine im Internet

Erfurt. Der Thüringer Ministerpräsident zankt sich zuweilen sogar des Nachts im sozialen Netzwerk "Twitter" mit der interessierten Bevölkerung - was sogar bis nach Berlin zu Irritationen führt.

Über das für einen Regierungschef durchaus auffällige Kommunikationsverhalten sprachen wir mit Martin Fuchs. Grafik: Andreas Wetzel

Über das für einen Regierungschef durchaus auffällige Kommunikationsverhalten sprachen wir mit Martin Fuchs. Grafik: Andreas Wetzel

Foto: zgt

Doch Bodo Ramelow (Linke) bleibt von Kritik unbeeindruckt. "Wenn manche meinen, dass passe nicht zum präsidialen Gestus - bitte, sollen Sie", sagt er. "Das ist mir egal." Über das für einen Regierungschef durchaus auffällige Kommunikationsverhalten sprachen wir mit Martin Fuchs (35). Der Hamburger Politikberater und Blogger hat in Ilmenau Medienwirtschaft studiert und gilt als Experte für das Verhalten von Politikern im Internet.

Herr Fuchs, wie würden Sie den Auftritt von Bodo Ramelow im Internet beschreiben?

Überwiegend als geschickt. Er ist ja schon seit 1999 im Netz unterwegs. Er pflegt sein Online-Tagebuch, also seinen Blog, und hatte als einer der ersten Politiker ein Konto bei Facebook. Bei Twitter macht er seit sechs Jahren mit. Ganz wichtig dabei: Er tut dies nicht, weil ihm das seine Berater gesagt haben. Er findet Spaß daran, er lebt das - und das merkt man auch. Nur deshalb hat er damit auch solch einen Erfolg.

Wie hoch ist dieser Erfolg denn genau?

Eines der wichtigsten Kriterien ist da die Reichweite. Diese lässt sich leicht messen. Hier steht Ramelow unter allen Landespolitikern in sozialen Netzwerken insgesamt auf Platz 5, bei Facebook auf Platz 2 und bei Twitter auf Platz 6. Unter den Ministerpräsidenten liegen nur Horst Seehofer (CSU) aus Bayern und Hannelore Kraft (SPD) aus Nordrhein-Westfalen vor ihm. . .

...die ja auch deutlich größere Länder regieren...

...und die schon deutlich länger an der Spitze einer Regierung stehen. Ich kann mir gut vorstellen, dass Ramelow bald an Seehofer vorbeizieht, der ja oftmals sicher gar nicht weiß, was da so in seinem Namen von der PR-Abteilung abgesetzt wird. In Thüringen dagegen meldet sich der Ministerpräsident selbst und tritt sogar in einen Dialog. Genau dies ist es aber, was heute im Netz verlangt wird. Verlautbarungskommunikation verfängt dort nicht. Diesen Fehler machen die meisten Politiker - aber nicht Ramelow.

Aber die Gefahr ist doch, dass man sich verplappert oder im Ton vergreift. Ramelow ist das schon passiert.

Richtig, daran muss er noch arbeiten. Dennoch ist es gut, wenn Emotionen erkennbar bleiben. Das macht Politik spannender, authentischer. Die Bürger wollen doch Menschen im Politiker erkennen, den Typen mit Ecken und Kanten. Klar bekommt man auch negative Reaktionen oder sogar einen sogenannten Shitstorm. Die Vorteile überwiegen aber klar die Nachteile.

Machen Sie es doch bitte konkreter.

Ramelow folgen fast 20.000 Menschen auf Facebook und knapp 9000 auf Twitter. Seine Mitteilungen werfen oft zigmal geteilt, und zwar oft von Leuten, die wir als Multiplikatoren bezeichnen, die also selbst Tausende Abonnenten haben.

Bodo Ramelow kann so mit einem Tweet mehr Menschen als zum Beispiel mit einem Radiointerview erreichen. Er besitzt seinen eigenen Medienkanal, auf dem er immer wieder Themen setzt, die dann von Bloggern, Internetnutzern und anderen Medien aufgegriffen werden.

Dennoch: Für Sie sind schlechte Nachrichten im Internet automatisch gute Nachrichten?

Nein. Doch ein kleiner PR-Unfall schadet nicht und erhöht eher die Reichweite. Wie ich sagte, Ecken und Kanten sind unverzichtbar. Wenn mal etwas durchrutscht, erhöht das die Authentizität.

Doch natürlich gibt es Grenzen. Sind die erreicht, wird es kontraproduktiv. Es gibt auch noch andere Risiken. Die Gefahr ist gerade bei Ramelow, dass er zu viel preisgibt und sich angreifbar macht.

Außerdem kann er sich mit einer stark auf ihn ausgerichteten individuellen Kommunikation auch Ärger in seiner eigenen Partei und in der Koalition einhandeln, zum Beispiel wenn er anderen die Themen oder die Nachricht wegnimmt. Da findet aber gerade ein Lernprozess statt.

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