Mit 500 Millionen Euro soll der Tourismus in Thüringen aufgemöbelt werden

Erfurt  Mit großen Investitionen will der Freistaat für Touristen attraktiver werden. Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) setzt große Hoffnungen auf das Team Gastgewerbe bei der LEG.  

Thüringen steht bei vielen Deutschen ziemlich weit oben auf der Liste jener Regionen, die sie bald mal besuchen möchten. Schwierig ist aber der Sprung vom Wunschziel zur Umsetzung. Wer kommt, tut gut, die Thüringen Card zu nutzen. So lässt sich Geld sparen.

Thüringen steht bei vielen Deutschen ziemlich weit oben auf der Liste jener Regionen, die sie bald mal besuchen möchten. Schwierig ist aber der Sprung vom Wunschziel zur Umsetzung. Wer kommt, tut gut, die Thüringen Card zu nutzen. So lässt sich Geld sparen.

Foto: Peter Michaelis

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Die Daten der aktuellen Reiseanalyse legen nahe: Thüringen ist grundsätzlich ein interessantes Reiseziel für Gäste aus anderen Regionen Deutschlands. Allerdings muss viel getan werden, damit mehr Interessierte ihren generellen Wunsch, in den nächsten Jahren Thüringen zu besuchen, auch verwirklichen. Um dies zu erreichen, müssen im Tourismus generell große Anstrengungen unternommen werden, macht Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) deutlich.

Bei den Bundesbürgern, die sagen, sie wollen in den nächsten drei Jahren nach Thüringen reisen, stehen folgende Ziele ganz oben: Wartburg (29 Prozent), Weimar (26 Prozent) und Erfurt (25 Prozent) vor dem Rennsteig (22 Prozent). Auf genau diese Leitprodukte zielt auch die Thüringer Tourismusstrategie, betont Bärbel Grönegres von der Thüringer Tourismus Gesellschaft (TTG). Die am häufigsten genannten Ziele seien Vorbild für die Entwicklung weiterer Angebote, heißt es.

Oft passen vorhandene Hotels nicht in den Wunschkatalog der Gäste. Wichtig ist daher der Einsatz des Teams Gastgewerbe bei der Landesentwicklungsgesellschaft (LEG). Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums wird aktuell an mehr als 20 Hotel- und Tourismusprojekten an mehr als 15 Standorten gearbeitet. Die Investitionssumme ist enorm: Von etwa 500 Millionen Euro ist die Rede. Entstehen sollen etwa 1500 Arbeitsplätze, heißt es aus dem Wirtschaftsministerium.

Das Team Gastgewerbe gibt es erst seit April 2018. LEG-Geschäftsführer Andreas Krey betont, dass das Team „angesichts der kurzen Projektphase und der Komplexität gerade dieses Ansiedlungssegments erfreulich schnell und erfolgreich vorangekommen“ sei. Es werden Standorte – etwa im Thüringer Wald – erfasst, um gezielt potenzielle Investoren anzusprechen. Wer Interesse hat, dem sollen Fördermöglichkeiten aufgezeigt werden. „Wichtig ist, dass Interessenten spüren: Sie sind hier hochwillkommen“, sagt Bärbel Grönegres auf Anfrage zu diesem Verfahren. Willkommen fühlen will sich auch der Gast, weshalb es wichtig sei, „vor Ort positive Einstellung und Gefühle beim Gast zu wecken“, erläutert die Fachfrau.

Der Gast verlangt Qualität und Service

Wer reist, bringt ein gewisses Anspruchsdenken mit – und diese Ansprüche sind im Laufe der vergangenen Jahre gewachsen und haben sich ausdifferenziert: Ein Mehr an Erlebnis, Genuss und Qualität werde gefordert. Das ergibt sich auch aus der Analyse in der Landestourismusstrategie 2025. „Gemeinsam mit den Verbänden, Betrieben und Tourismusorganisationen haben wir in den ersten beiden Jahren der Tourismusstrategie 2025 schon einiges erreicht“, betont Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD). „Die Themen Qualität und Service sind hier eine Daueraufgabe. Insbesondere attraktive Angebote und Investitionen in hochwertige Gastronomie und Hotellerie sind entscheidende Faktoren, um die Gästestatistik langfristig positiv zu beeinflussen“, so der Minister.

Bärbel Grönegres, Chefin der Thüringer Tourismus Gesellschaft (TTG), will genau wissen: Wer kommt? Was erwartet der Tourist? Und: Wer hat das Potenzial, zu kommen? Marktforschungen besagen demnach, dass es auf dem deutschen Markt eine große Gruppe gibt, die sich gut vorstellen kann, in den nächsten ein, zwei, drei Jahren ihren Urlaub oder Kurzurlaub in Thüringen zu verbringen. Ein Wochenende in Weimar, Erfurt, aber auch am Rennsteig... Aber? „Es gibt die Lücke, zwischen denen, die vorhaben, zu kommen, und denen, die tatsächlich kommen. Und diese Lücke ist relativ groß“, macht Grönegres deutlich.

Hotel-Neubau in Oberhof soll besondere Strahlkraft haben

Woher kommt diese Diskrepanz? Die Ergebnisse der Marktforschung machen klar, dass es vor allem auch an der touristischen Infrastruktur liegt. Das zielt vor allem auch auf den Thüringer Wald. Es fehle an Hotels, an Gastronomie; es gebe zu wenig öffentliche Verkehrsmittel, zu wenig Einkaufsmöglichkeiten, zu wenig Abwechslung am Abend, heißt es. In den Städten wie Erfurt und Weimar ist all das nicht das Problem. Die Gäste etwa in Erfurt und Weimar seien hoch zufrieden. „Aber die Hotels sind schon jetzt größtenteils das Jahr über ausgebucht“, so Grönegres.

Doch es tut sich was, wie Tiefensee verdeutlich: „Bei der Gewinnung von touristischen Leitinvestitionen mit überregionaler Strahlkraft kommen wir nach wie vor gut voran. Besonders erfreulich sind hier geplante Ansiedlungen wie die der Family Hotel-Gruppe in Oberhof, die erfolgte Übernahme des Panorama-Hotels in Oberhof durch die Berliner Ahorn-Gruppe, die Neuplatzierung des Hotels Elephant Weimar“, so Wirtschaftsminister Tiefensee.

Er nennt die Investition über 16,5 Millionen Euro der Wiesbadener Fibona in ein neues Messehotel an der Messe Erfurt, das zur Buga 2021 eröffnet werden soll, als jüngsten Erfolg. Der Bau des Prizeotel ICE-City ist weit fortgeschritten. Eröffnung soll Ende 2019 sein. „Derartige Projekte zeigen, dass es in diesem Bereich Bewegung gibt.“ Allein durch den Bau des geplanten Family-Hotels rechnet das Wirtschaftsministerium „mit jährlich gut 100.000 Übernachtungen mehr im Thüringer Wald“. Aus der einzelbetrieblichen GRW-Förderung sind in den vergangenen drei Jahren insgesamt etwa 23,6 Millionen Euro ­Fördergelder in 22 Vorhaben geflossen. Das Family-Hotel in Oberhof ist dabei nach Ministeriumsangaben eine Leitinvestition, weitere Hotels, Pensionen oder Campingplätze pro­fitierten.

Auch Gaststätten können nun gefördert werden

Anfang 2018 wurden die Bedingungen zur einzelbetriebliche Förderung in den Programmen Thüringen Invest und Thüringen Dynamik optimiert. Damit können nun auch Gaststätten gefördert werden. Bei Thüringen Invest sei die Förderung nicht mehr an die Schaffung mindestens eines zusätzlichen Arbeitsplatzes gebunden. Zudem sei bei Thüringen Dynamik die Darlehenshöhe von 500.000 Euro auf zwei Millionen Euro angehoben worden. Das sei vor allem auch bei der Nachfolge von Belang, da beispielsweise die Übernahme des vorhandenen Inventars mitfinanziert werden kann, so das Ministerium.

Beispiel Weimar: Eigentlich könnten über die dort ansässige Bauhaus-Akademie deutlich mehr chinesische Touristengruppen in die Stadt geholt werden, wenn es denn genug Beherbergungskapazitäten für diese Reisenden gäbe. Schon jetzt ist es in Thüringens Mitte schwierig, weitere Gruppenreisende unterzubringen. Positiv formuliert lautet das bei Touristikerin Grönegres so: „Es gibt nicht nur in diesem speziellen Fall in Weimar noch Entwicklungsmöglichkeiten.“

„Team Gastgewerbe“ soll touristische Angebote aufwerten

Ein Ansatz: Bei der Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) gibt es seit April 2018 das pro-aktiv handelnde „Team Gastgewerbe“. Zur Aufgabe hat es konkrete Akquisition von Leitinvestitionen im Auftrag des Freistaates. Zielstellung ist die Aufwertung der touristischen Angebote in Qualität und Quantität durch Ansiedlung innovativer Hotel- und Ferienhausprojekte an Leitstandorten. LEG-Geschäftsführer Andreas Krey betont, dass „speziell vor dem Hintergrund der langjährigen LEG-Erfahrung im Bereich der Ansiedlung von Unternehmen und der Entwicklung von Standorten passgenaue Instrumente für die Promotion von Investoren im Hotel- und Gastgewerbe einsetzen kann.“ Krey betont auch, dass das Team „angesichts der bislang kurzen Projektphase und der Komplexität gerade dieses Ansiedlungssegments erfreulich schnell und erfolgreich vorangekommen“ sei. Mehr als 20 Hotel- und Tourismusprojekte an mehr als 15 Standorten sind aktuell im Blick. Das verheißt hohe Investitionen und viele Jobs.

Zu den Aufgaben des Team Gastgewerbe gehört auch, dass kontinuierlich bei der LEG eine Standortdatenbank gepflegt wird, in der geeignete Flächen erfasst, besichtigt, überprüft und dokumentiert werden. Vom Ferienpark bis zum Stadthotel sind alle Beherbergungsangebote vertreten und werden durch das Team vom ersten Kontakt an bis zu einer möglichen Realisierung begleitet, heißt es aus dem Wirtschaftsministerium.

Nachfolge wird durch Lotsen weiter unterstützt

Während in den großen Städten schon jetzt Bettenknappheit herrscht, ist vor allem auf dem Land die Nachfolgefrage als „ein Riesenproblem“, so Grönegres. „Viele haben Anfang, Mitte der 1990er in ihren Familienbetrieb investiert. Nun steht die Rente an – und oft gibt es niemand, der übernehmen will. Die Kinder haben andere Berufe ergriffen. Für jemand von außen ist auch wegen des Investitionsstaus, der oft zu verzeichnen ist, eine solche Übernahme kaum zu stemmen“, erläutert die Tourismus-Fachfrau.

Das bei der TTG angesiedelte „Netzwerk Beratung Gastgewerbe“ ist seit dem vergangenen Jahr erste Anlaufstelle für hilfesuchende gastgewerbliche Betriebe. Es unterstützt bei Förderanfragen und bündelt zudem die Beratungsangebote. Als Teil des Projektes „Zukunft Thüringer Wald“ gibt es die Initiative „Next Generation“. Diese soll Beschäftigte aus dem Gastgewerbe ermutigen und qualifizieren, um Beherbergungs- und Gastronomiebetriebe übernehmen zu können. In diesem Zusammenhang wurde erst kürzlich das beim Thüringer Zentrum für Existenzgründung und Unternehmertum (Thex) angesiedelte Projekt „Nachfolgelotse“ verlängert und verstärkt, um auch Vor-Ort-Besuche in Unternehmen durchführen zu können. Mit dem in diesem Jahr erstmals veranstalteten Barcamp Tourismus mit Auszubildenden und Studierenden im Bereich Hotellerie, Gastgewerbe und Tourismus in Thüringen wurden junge Fachkräfte erreicht. Nun wird eine gemeinsame Kampagne geplant, die bei der Fachkräftegewinnung unterstützen und der Branche einen Imagegewinn sichern soll, heißt es aus dem Wirtschaftsministerium.

Auszubildende aus „beliebigen Zielländern“ willkommen

Fachkräfte- und Nachwuchs-Gewinnung ist das große Thema: Heimische Schulabgänger sowie Arbeitslose sind ebenso im Blick wie Azubis und Fachkräfte aus Drittstaaten. Das so genannte „Vietnamprojekt“, ursprünglich ein Fachkräfteprojekt mit der IHK-Südthüringen, das schon im vierten Jahr läuft, wird auf ganz Thüringen ausgeweitet – und richtet sich jetzt „branchen- und regionenunabhängig an alle Unternehmen“. Die Rekrutierung von Auszubildenden umfasst nun „beliebige Zielländer“ und nicht mehr ausschließlich Vietnam.

Mit Blick auf Investitionsstau und wegen des Nachfolgermangels werde sich Markt „weiter bereinigen“, schätzt Touristikerin Grönegres ein. „Parallel dazu gibt es neue Investitionen“, hebt sie hervor. Da sind etwa die Ferienhaus-Angebote von Familie Vogler an der Hohenwarte, die schwimmenden Ferienhäuser an der Bleilochtalsperre, das Ferienhausprojekt von Familie Anders in Saalburg oder die Ferienhäuser der Familie Bauerfeind am Zeulenrodaer Meer, die erstmals in einem Corporate Design für Thüringer Ferienhäuser gebaut werden.

„Manchmal muss man einfach ganz neu anfangen“, sagt sie. Erst als es dort ein regionales Entwicklungskonzept gab, das ein Entwicklungsbüro aus Sachsen-Anhalt mit den Betroffenen erstellt hatte, wendete sich die Situation zum Positiven: Die Gelder vom Land werden als Chance begriffen. Eine Investition zieht andere nach sich. So werde das lange brachliegende Potenzial am Thüringer Meer erkannt und nun Neues gewagt, etwa mit schwimmenden Ferienhäusern. „So etwas ist sofort ausgebucht“, weiß Grönegres. Für sie bedeutet dies als langjährige und bestens vernetzte Chefin der Thüringer Tourismus Gesellschaft: „Wir müssen den Tourismus weiter entwickeln.“

Das letzte Wort soll der Minister ­haben: „Jahrelange Strukturen zu ­ändern, geht nicht von heute auf morgen. Ich bin aber überzeugt, dass sich unsere Strategie langfristig auszahlt“, sagt Tiefensee. Das spüre man schon jetzt am gestiegenen Investitionsinteresse im Tourismusbereich, ist er ­sicher.

Reiseanalyse 2019 für Thüringen

  • Gäste kommen vor allem aus Thüringen selbst und aus Sachsen. Bayern und Nordrhein-Westfalen sind mit je neun Prozent vertreten, Urlauber aus Baden-Württemberg stellen sechs Prozent.
  • 11,5 Prozent der Bevölkerung in Deutschland – das sind 8,07 Millionen der Einwohner – planen den Ergebnissen der Reiseanalyse 2019 zufolge in den nächsten drei Jahren einen Urlaub in Thüringen zu machen. Damit ist das Urlaubsinteresse im Vergleich zu 2016 um etwa ein Prozent gestiegen.
  • Bei 80 Prozent (6,3 Millionen) dieser Interessierten kommt generell ein Thüringen-Urlaub oder Kurzurlaub in Frage.
  • Bei 20 Prozent (1,8 Millionen) ist schon ziemlich sicher, dass sie nach Thüringen reisen werden, um hier Urlaub zu machen. Das ist eine leichte Verbesserung im Vergleich zu 2016.
  • Die Touristiker ziehen daraus den Schluss, dass der Prozentsatz derer, die unbedingt nach Thüringen kommen wollen, weiter erhöht werden muss. Bisher liegt Thüringen bei denen, die sagen, dass sie ziemlich sicher hierher reisen wollen, im Ranking ziemlich weit hinten. Nur Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Bremen und das Saarland werden in diesem Zusammenhang noch seltener genannt.
  • Die Daten legen folgenden Schluss nahe: Thüringen ist grundsätzlich ein interessantes Reiseland für die Bevölkerung in Deutschland. Allerdings muss versucht werden, dass mehr Interessierte ihren Reisewunsch in eine tatsächliche Reise-Entscheidung Richtung Thüringen ummünzen.
  • Unter denen, die sagen, sie wollen in den nächsten drei Jahren nach Thüringen reisen, stehen folgende Ziele ganz oben: Wartburg (29 Prozent), Weimar (26 Prozent), Erfurt (25 Prozent), Rennsteig (22 Prozent).
  • Verbessert werden muss die Weiterempfehlungsbereitschaft der Gäste: Der Qualitätsmonitor für Thüringen kommt nur auf eine Gesamtnote von 2,3. Vielfalt und Qualität werden mit durchschnittlich 2,5 bewertet. Die Unterkunft erhält im Schnitt die Note 2,6 – und bei den Öffnungszeiten gibt es mit der Note 2,9 nur eine knappe Drei.
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