Pegida-Frau Kathrin Oertel: Erster Auftritt bei der "Lügenpresse"

Die islamkritische Pegida-­Bewegung gibt anscheinend ihre mediale Zurückhaltung auf: Kathrin Oertel, Mitglied im Dresdner Organisationsteam, war zur ARD-Talkshow bei Günther Jauch eingeladen.

Kathrin Oertel, Mitglied im Organisationsteam von Pegida, sitzt am 18.01.2015 in Berlin in der ARD-Talkrunde von Günther Jauch neben Alexander Gauland (AfD), Landesvorsitzender in Brandenburg. Foto: Paul Zinken/dpa

Kathrin Oertel, Mitglied im Organisationsteam von Pegida, sitzt am 18.01.2015 in Berlin in der ARD-Talkrunde von Günther Jauch neben Alexander Gauland (AfD), Landesvorsitzender in Brandenburg. Foto: Paul Zinken/dpa

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Gera/Berlin. Kathrin Oertel wendet sich: Bislang war es eher so, dass sie und andere Pegida-Organisatoren in Dresden den direkten Kontakt mit Medien gemieden haben. Und das laut Professoren-Studie gebildete Volk zu ihren Füßen vor dem Podest brüllte liebend gern: "Lügenpresse, halt die Fresse", wenn die Rede war von journalistischen Berichten, noch dazu Pegida-kritischen.

Bevorzugt bekamen die "Staatsmedien" ARD und ZDF ihr Fett weg, selbst wenn die nur Politiker-Sprech zitierten. Und ausgerechnet in einem der mit Zwangsgebühren subventionierten "System­medien" war Oertel nun eingeladen. "Volksverräter"? Angela Merkel, nunu. Kathrin Oertel? Eschtscha! Nicht doch, niemals!

Bei den Kundgebungen in Dresden las Oertel meist vom Blatt ab. So was kommt schlecht im Fernsehen. Man will ja nicht mit Erich Honecker verglichen werden. Und ihren Spannemann hatte sie bei Jauch auch nicht an der Seite. Der Anführer der Pegida ist wegen Einbrüchen im Rotlicht­milieu, Körperverletzung und Drogengeschäften vorbestraft. Für März ist am Landgericht Dresden eine Berufungs­verhandlung wegen unterlassener Unterhaltszahlungen anberaumt. Wird Bachmann verurteilt, könnte seine Bewährung kassiert werden. Er müsste wieder in den Knast. Das ist vielleicht im Privatfernsehen kein Hindernis, aber im Öffentlich-Rechtlichen gilt "so einer" als nicht vorzeigbar.

Deshalb musste es ein anderes Gesicht sein, nämlich das von Kathrin Oertel. Dennoch: Seit der Ankündigung ist an Häme im Internet kein Mangel. Die 36-jährige Blondine mit den dünn, aber überdeutlich nachgezogenen Augenbrauen wird verglichen mit "Zonen-Gabi" — wobei die ja aus dem Westen stammte. Und dann noch der sächsische Dialekt... ARD, außer Raum Dresden, finden viele sowas nur "fourschboar".

Doch wer ist die Frau wirklich? Allzuviel ist bislang nicht bekannt, aber das kann sich ja jetzt ändern, wenn das Pegida-Gesicht die bunten Blätter erobert. Kathrin Oertel kommt - wie Bachmann - aus Coswig, ein Städtchen, das das Pech hat, zwischen dem barocken Dresden, dem noblen Radebeul und dem weinseligen Meißen zu liegen. Man will immer mal anhalten und fährt doch immer durch. Dabei ist Coswig mit noch 20.000 Einwohnern Große Kreisstadt und seit 2009 gar ein "Ort der Vielfalt". Diese Initiative ist aus den Bundesprogrammen "Vielfalt tut gut. Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie" und "kompetent. für Demokratie - Beratungsnetzwerke gegen Rechtsextremismus" hervorgegangen.Coswig, Dresden, Pegida, Vielfalt - merkwürdige Zusammenhänge gibt‘s im Leben

Oertel besuchte in Coswig die Mittelschule, vergleichbar der Regelschule in Thüringen, und ein Wirtschaftsgymnasium. Laut "Bild-Zeitung" arbeitet sie als Wirtschaftsberaterin. Ins Licht der Öffentlichkeit trat sie erst mit Pegida. Noch Mitte Dezember hatten es die Organisatoren der Bewegung nach Angaben von Jauch abgelehnt, mit seiner Redaktion zu sprechen.

Interessiert man sich weniger für das Aussehen und mehr für das, was Oertel bisher sagte, bleiben Widersprüche. So kritisierte sie auf einer Demo eine vermeintliche "Asylindustrie", bei der es der Politik nur ums Geld gehe. Details, Hindergründe? Fehlanzeige. Auf politische und mediale Kritik an Pegida reagierte die parteilose Mutter von drei Kindern mit der Bemerkung, sie fühle sich in ihrem Recht auf Meinungsfreiheit eingeschränkt. Das war freilich sehr seltsam, denn gerade diesen Satz durfte sie ungehindert vorlesen. Auf einer Bühne, öffentlich.

Auch mit Statistiken, zum Beispiel über Ausländeranteile in Deutschland, hat es Oertel nicht so. Der "Süddeutschen Zeitung" sagte sie in einem der wenigen Interviews, dass sie diese Zahlen anzweifle, allerdings auch nichts anderes belegen könne. Warum Pegida-Fans im Internet indes alle möglichen Zahlen umherwerfen, wie ungeprüft, ja obskur die Quellen auch sein mögen, erklärte Oertel nicht.

Sollten Pegida-Vorturner nun ihre Strategie wechseln, sollten dies auch Politiker tun. Wie wäre es denn - zumal nach der Studie zum typischen Pegida-Spaziergänger, wenn sich Ralf Jäger, SPD-­Innenminister von Nordrhein-Westfalen, dafür entschuldigte, dass er in Dresden allesamt "Nazis in Nadelstreifen" ausmachte? Oder der linkspopulistische Ministerpräsident von Thüringen, Bodo Ramelow, der die Montags-Demonstranten pauschal als "Rassisten in Nadelstreifen" verunglimpfte. Oder Cem Özdemir. Der Grünen-Chef titulierte die Demonstranten als "Mischpoke". Das ist ein wunderbar selbstironisches Wort für Familie und Verwandtschaft. Wenn es Juden benutzen. Aber Özdemir benutzte dieses Wort genau so wie seiner Zeit die Nationalsozialisten: Abwertend, herabsetzend. Damit ist er keinen Deut besser, als jene Schreihälse, die mit "Lügenpresse" Anleihen bei den Nationalsozialisten aufnehmen.

Kathrin Oertel ist eine Frau, bei der sich noch herausstellen muss: Ist die gewieft oder nur naiv? Roland Kaiser, der Schlagerbarde, der seit Jahren in Dresden bei Konzerten die Elbwiesen füllt, kann das nicht beantworten. Frau Oertel hat ihm öffentlich die Liebe gekündigt. Weil der Sänger bei einer Gegen-Demonstration aufgetreten ist.

Unerhört! Seit wann darf ein Schlagerfuzzi eine eigene Meinung haben? Der soll gefälligst singen, wofür wir bezahlen! Pegida ist so vielfältig. Da ist auch Platz zum Fremdschämen.

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