SPD-Mitbegründer Gunter Weißgerber: Nicht Untergang, sondern deutsche Einheit beschlossen

Gunter Weißgerber gehörte am 7. November 1989 zu den Gründungsmitgliedern der Sozialdemokratischen Partei in der DDR (SDP) in Leipzig. Bis 2009 war er Bundestagsabgeordneter der SPD.

Gunter Weißgerber, bis 2009 Bundestagsabgeordneter der SPD, beim Gespräch in der OTZ-Zentralredaktion in Gera. Foto: Wolfgang Schütze

Gunter Weißgerber, bis 2009 Bundestagsabgeordneter der SPD, beim Gespräch in der OTZ-Zentralredaktion in Gera. Foto: Wolfgang Schütze

Foto: zgt

Fast auf den Tag genau vor 25 Jahren saßen Sie in der Volkskammer, haben sich am 23. August die Nacht um die Ohren geschlagen, als es um den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik ging. Wie haben Sie damals abgestimmt?

Es war mir ganz wichtig, für einen Beitritt nach Artikel 23 des Grundgesetzes zu stimmen. Das ging am schnellsten; mit Deutschland in der Europäischen Union und in der Nato. Denn was wir 1989 von Leipzig ausgehend erreicht haben, war ja noch nicht gesichert. Wir brauchten Sicherheit für die Freiheit und die Demokratisierung. Der Putsch gegen Gorbatschow 1991 hat es ja gezeigt, wie kurz nur das Fenster der Welt­geschichte für Veränderungen offen war.

"In dieser wilden Zeit wurde man jeden Tag schlauer."

Willy Brandt, den Sie verehren, hatte aber zuvor gesagt, ein Beitritt nach Artikel 23 sei ein „Holzweg“.

Jeden Tag in dieser wilden Zeit gab es etwas Neues, noch nie Dagewesenes. Jeden Tag wurde man schlauer. Und das Ringen um die beste Lösung war auch in der Sozialdemokratie gang und gäbe. Es gab bei uns die Diskussion zwischen den so genannten Einstaatlern wie dem deutschlandpolitischen Sprecher Hans Büchler und den „Zweistaatlern“ wie Egon Bahr, auch wenn er das später anders dargestellt hat.

Gregor Gysi kamen fast die Tränen, als er meinte, es sei soeben der „Untergang der DDR“ beschlossen worden.

Das hat mich schon amüsiert, dass der Links-Anwalt so traurig war. Denn wir hatten gerade die deutsche Einheit beschlossen. Ohne die Einheit wären heute Putins Truppen in der DDR! Schönen Dank auch! Eigentlich haben wir in jeder ostdeutschen Kreis- und Bezirksstadt ein Freiheits- und Einheitsdenkmal: die ehemaligen Sowjetkasernen.

Alle Ex-SED-Genossen stimmten gegen den Beitritt zu einem Land, das auch ihnen Freiheiten gewährt, die sie ihren Gegner nie eingeräumt hatten.

Ich kann nicht einschätzen, wir groß der Gruppendruck war und ob es vielleicht einzelne gab, die lieber zugestimmt hätten.In einer Demokratie muss man eben auch diese Leute aushalten. Es ist nur keiner gezwungen, mit denen irgendwelche Experimente zu machen wie sie gerade in Thüringen stattfinden. Und vielleicht hat mancher von den Ex-SED-Kadern auch was gelernt in den vergangenen 25 Jahren.

Manche werfen Ihnen vor, Sie seien Antikommunist – laut Thomas Mann die „Grund­torheit der Epoche“.

Thomas Mann hat eben nicht nur richtige Sachen gesagt und geschrieben. Ich bin ein Demokrat und die demokratischen Prinzipien wie freie Meinungsäußerung schließen diktatorische Elemente aus. Deshalb muss jeder Demokrat per se Anti-Nationalsozialist und Antikommunist sein, denn beides sind diktatorische Systeme.

Die von den DDR-Bürgern abgewählte DDR scheint fortzuleben – mindestens in der Statistik, in der immer wieder Ost mit West verglichen wird. Hat es 1990 je eine Chance gegeben, dass diese Blöcke aufgebrochen würden, durch Fusion eines Landes aus der alten Bundesrepublik mit einem neuen Bundesland?

Das entsprach 1989 nicht dem Mehrheits-Willen der Menschen. Als einer der Redner auf den Montagsdemos in Leipzig habe ich das ganz deutlich gespürt. Man musste die Leute nur als Sachsen oder Thüringer begrüßen, schon gab es enormen Jubel. Es war unbeschreiblich. Die Leute wollten nichts mehr mit den komischen Bezirken zu tun haben.Andere Länderstrukturen sind nicht nur in der SPD diskutiert worden, aber es war nicht durchsetzbar. Und auch später waren in Berlin und Brandenburg zwar die Parlamentarier dafür, aber die Brandenburger Bevölkerung gegen eine Fusion mit der Bundeshauptstadt.

Denken Sie, dass sich die Stimmung da noch mal ändert?

Nein eher nicht. Das Gerede von Mitteldeutschland sollten wir lassen. Die Menschen hatten in den vergangenen 25 Jahren so viel an Veränderung zu bewältigen, da sehnen sie sich nach Stabilität, nach Sicherheit. Größere Einheiten bedeuten zudem auch eine größere Entfernung der Abgeordneten von ihren Wählern. Das ist nicht gut für die parlamentarische Widerspiegelung dessen, was vor Ort gedacht wird.

Manche Ihrer Genossen glauben, dass es ein Fehler war, einfache, unbescholtene SED-Mitglieder 1990 nicht in die SDP, später SPD aufzunehmen. Die Abgrenzung habe nur die alten Kader um Modrow wieder erstarken lassen.

Wie hätte man damals feststellen sollen, wer unbescholten ist? Die SED war ja vor allem in Betrieben aktiv. Die Sortierung von rund 2,3 Millionen SED-Mitgliedern in kurzer Zeit hätte uns als neugegründete Partei im Osten mit etwa 30 000 Mitgliedern überfordert. Zumal ja auch so eine Sortierung menschlich schwierig ist. Wir wären von den anderen dominiert worden und hätten alsbald das Parteilehrjahr wieder einführen können. Als Jahre später der Abgrenzungs­beschluss aufgehoben wurde, es keine Mandate mehr zu verteilen gab, gab es auch keinen Andrang mehr von einstigen SED-Leuten.

"Man kann von einem ängstlichen Rebhuhn nicht verlangen, dass es Stierfleisch hat."

2014 haben Sie und andere erfahrene SPD-Mitglieder Ihre Genossen in Thüringen mehrfach vor Experimenten mit der Linken gewarnt. Heike Taubert und Christoph Matschie haben solchen Rat in den Wind geschlagen. Die Bundespartei um Sigmar Gabriel hat so getan, als ginge sie der Tabubruch nichts an. Heute sagt selbst der eher linke SPD-Landeschef Andreas Bausewein, dass es ein Fehler war, keine Koalitionsaussage zu machen. Fühlen Sie sich nun bestätigt? Und haben sich Ihre Genossen bei Ihnen für die Ignoranz entschuldigt?

Ich denke, dass ist menschlich zu viel verlangt... Sie sind ja eigentlich auch dort, wo sie hingehören. Viele in der Thüringer SPD sind im Grunde deckungsgleich mit Linksaußen. Man kann von einem ängstlichen Rebhuhn nicht verlangen, dass es Stierfleisch hat. Die Entscheidung für Rot-Rot-Grün jedenfalls war grundfalsch und die Wahlergebnisse der nächsten Jahre werden das wohl auch noch zeigen.

Herr Bausewein, der auch nicht weiß, ob er lieber als Erfurter Oberbürgermeister in der Deckung bleibt, wünscht sich 2019 mindestens 20 Prozent der Wählerstimmen. Ist das realistisch?

Er wird nur einen Bruchteil davon bekommen.

Immerhin: Beim aktuellen Thema Asylbewerber versuchen Ihre Parteifreunde Innenminister Holger Poppenhäger und Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee sich vorsichtig von der ideologie-gesteuerten Politik der Linken und Grünen abzusetzen.

Ich kenne Wolfgang Tiefensee gut. Immerhin habe ich ihn damals gefragt, ob er in Leipzig-Süd in meinem ehemaligen Wahlkreis kandidieren will, nachdem ich mit der Politik aufgehört hatte. Also: So lange die beiden so leise sind, werden sie im Getöse der anderen kaum wahrgenommen werden. Die Wähler werden es ihnen nicht honorieren, wenn sie nicht deutlicher werden. Und man wird sie für die Fehler der Linken und der Grünen mit haftbar machen.

Deutschland braucht ein Einwanderungsgesetz, wo ganz klar gesagt wird, wen wir brauchen. Das hat mit Asyl gar nichts zu tun. Das muss für Verfolgte weiter offen bleiben.

In zwei Jahren sind Bundestagswahlen. Aus den eigenen Reihen werden Parteichef Sigmar Gabriel keine Chancen eingeräumt, gegen Angela Merkel (CDU) die Kanzlerschaft zu gewinnen. Warum stecken Torsten Albig und Peer Steinbrück den Kopf in den Sand?

Der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein dürfte seine Äußerung längst bereut haben. Ich glaube nicht, dass er Gabriel schaden wollte; er hat nur die Tragweite nicht überblickt.Wenn man auf die Geschichte schaut: Es hat noch niemand die Kanzlerschaft gewonnen, der solche Positionen vertritt wie Stegner und Co. Aber je mehr sie sich so äußern, um so geringer sind die Chancen, dass die SPD aus dem 20-Prozent-Tal herauskommt. Die stärken nur Merkel, die schon 2013 die absolute Mehrheit nur knapp verfehlt hat.Gabriel versucht die SPD jetzt wieder stärker dahin zu rücken, wo sie mit Brandt und Schröder Erfolg hatte: In der Mitte der Gesellschaft, mit vernünftiger Wirtschafts- und verlässlicher Außenpolitik.

Kritiker werfen der heutigen SPD Unentschiedenheit vor. Droht ihr das Schicksal der FDP?

Ich habe das Ausscheiden der FDP bedauert, auch wenn es hausgemachte Fehler waren. Doch Politik braucht auch liberale Positionen in den Parlamenten. Sicherheit gibt es für keine Partei. Man ist nur für die Wahlperiode etabliert und muss das Wählervertrauen immer wieder neu bekommen. Meiner Meinung nach ist die SPD zu sehr nach links gerückt. Sie sollte zudem deutlich machen, dass sie eine Partei der Arbeitnehmer ist, aber auch Wohlhabender, die sich für die Gesellschaft engagieren. Es geht um Fordern und Fördern.

Sie sind 2009 nicht mehr zur Bundestagswahl angetreten. Warum nicht

Ich wollte nicht mehr. Schon 2003 habe ich zu meinen Parteifreunden gesagt, dass ich 2010 aufhöre. Dann kam die Wahl ein Jahr eher...Ich wollte nicht zu denen gehören, die nach 30 Jahren hinausgetragen werden aus dem Parlament, sondern mit 54 Jahren noch mal was Neues machen, eben Unternehmensberatung. Allerdings interessiert mich Politik nach wie vor sehr.

... und die Musik, wie ich weiß. Sie waren zu DDR-Zeiten auch mal Disk-Jockey in Ihrer Freizeit. Wie geht es Ihnen dabei, wenn Sie die einst unerreichbar scheinenden Idole nun seit langem schon live erleben können?

In den ersten Jahren standen mir bei Konzerten die Tränen in den Augen... So geht‘s mir übrigens immer noch bei den Jahrestagen des Mauerfalls.

"Dave Dee waren nicht besser oder schlechter. Die waren einfach anders."

Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich waren keine schlechte Band. Besser als die Beatles auf jeden Fall, aber niemals so gut wie die Rolling Stones und speziell Keith Richards mit den X-Pansiv Winos. Stimmt‘s?

Naja... Ich wollte als junger Kerl nicht in die Streitereien zwischen Beatles- und Stones-Fans verwickelt werden, wer denn nun größer ist. Deshalb habe ich mir unter anderem Dave Dee ausgesucht. Da konnte nicht jeder mitreden, weil die nicht jeder kannte. Dave Dee waren nicht besser, nicht schlechter als Stones oder Beatles. Die waren einfach anders. Nach dieser pubertären Zeit ging mein Herz an Yes, Wakeman und Gallagher.

Biographisches

Gunter Weißgerber ist Jahrgang 1955, stammt aus Mildenau im Erzgebirge. Er war in der DDR Bausoldat, hat in der Braunkohle bei Zwenkau und Borna als Hauer und Ingenieur gearbeitet. Von März bis Oktober 1990 gehörte der Sozialdemokrat der ersten frei gewählten Volkskammer an. Im Bundestag war er mehrere Jahre Sprecher der Landesgruppe Sachsen in der SPD-Fraktion.

Der Leipziger gewann für die SPD mehrfach den Wahlkreis Leipzig-Süd als Direktkandidat. Gunter Weißgerber ist Mitglied im Kuratorium Deutsche Einheit der Gedenkstätte Point Alpha. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.