Altenburger Klasse hat immer zusammengehalten wie Pech und Schwefel

Altenburg  Die Abiturienten des heutigen Friedrichgymnasiums treffen sich nach 60 Jahren wieder.

Die ehemaligen Schüler der Klasse 10b1 der damaligen Karl-Marx-Oberschule trafen sich knapp 60 Jahre nach dem Abitur wieder in Altenburg.

Die ehemaligen Schüler der Klasse 10b1 der damaligen Karl-Marx-Oberschule trafen sich knapp 60 Jahre nach dem Abitur wieder in Altenburg.

Foto: Andreas Bayer

„Es ist, als ob man Geschwister wiedertrifft, die Verbundenheit ist sehr stark“, sagt Heidi Schoth, geborene ­Nickau. Dabei hat sie gerade einmal zwei Jahre ihres Lebens in Altenburg verbracht, stammt ursprünglich aus Halle. „Mein Vater hatte seine Arztpraxis direkt über dem Theatercafé. Ich habe hier eine sehr schöne Zeit erlebt, es kommt mir vor wie 20 Jahre.“ Damals hat sie das Abitur nicht in Altenburg abgelegt, weil die Familie schon 1957 in den Westen übergesiedelt ist, „geflüchtet“, wie sie es ausdrückt. Heute lebt die 78-Jährige in Berlin, kommt aber dennoch zu jedem Klassentreffen.

Ganz ähnlich geht es Bernd Weber, der ursprünglich aus dem Nobitzer Ortsteil Hauersdorf stammt. Auch er hat nach der zehnten Klasse die DDR verlassen, ging nach Dortmund, wo er heute noch lebt. „Ich habe immer gebohrt: Wir müssen uns wieder treffen“, sagt er, Schon fünf Jahre vor dem Fall der Mauer kamen er und Heidi Schoth gerne nach Altenburg. „Damals mussten wir einen Antrag stellen und hatten Schwierigkeiten an der Grenze. Aber das war es wert“, so Weber.

16 Senioren der Jahrgänge 1940/41 erscheinen zum Treff

„Kaum sitzen wir zusammen, geht es los mit den Gesprächen“, beobachtet Peter Schulz. Nur eine Woche vor seinem 79. Geburtstag trifft der heute in Apolda wohnende am Rossplan mit 15 ehemaligen Mitschülern zusammen. Erstmals lastete die Vorbereitung des Klassentreffens alleine auf seinen Schultern. Denn ihr ehemaliger Mitschüler Norbert Bertkau aus Altenburg ist im vorigen Jahr nach langer Krankheit verstorben. Er hatte seit dem Abitur die Fäden in der Hand und die anfangs jährlichen Klassentreffen organisiert.

Nun, 60 Jahre später, sind es noch 16 Senioren aus den Jahrgängen 1940/41, die den Weg geschafft haben, drei haben sich aus gesundheitlichen Gründen entschuldigt. Dafür gibt es einen Besuch des ehemaligen Russischlehrers Franz Krause, der schon über 90 Lebensjahre zählt. „Wir haben immer zusammengehalten wie Pech und Schwefel“, sagt Schulz.

„Wir hatten ursprünglich ausgemacht, dass wir uns immer am zweiten Weihnachtsfeiertag im Ratskeller treffen“, sagt Karl-Friedrich Günther aus Langenleuba-Niederhain, der inzwischen in Jena wohnt. Die ersten beiden Jahre sei man auch beinahe vollzählig gewesen, doch danach seien immer weniger gekommen, so dass man auf einen Fünfjahres-Rhythmus umgestiegen ist. Günther hat wie seine ehemaligen Mitschüler viele Anekdoten im Gepäck, vor allem mit Bezug auf ihren ehemaligen Sportlehrer, der ein „harter Hund“ gewesen sei. „Ich wäre fast durchs Abitur gesegelt, weil ich in Sport immer eine vier hatte“, erzählt er.

Die meisten Schüler der Klasse kamen vom Dorf, dass habe verbunden

Dabei ist ihm auch die Ungerechtigkeit des Systems erstmals aufgefallen: Ein Mitschüler, der über all die Jahre ähnlich schlechte sportliche Leistungen abgeliefert hat, bekam im Abitur plötzlich die Note zwei. „Das lag daran, dass er ein Arbeiterkind war und mit Auszeichnung bestehen sollte, da durfte man keine drei auf dem Zeugnis haben“, ist Günther überzeugt. Nach der Schule ging er nach Halle, um Biologie zu studieren.

Auch sei damals vor 60 Jahren nicht so ein großes Brimborium wie heute um das Abiturzeugnis gemacht worden, ergänzt einer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will: „Ich habe das Zeugnis in der Schule alleine abgeholt. Als ich nach Hause kam, stand mein Vater vor mir und sagte: Spann das Pferd an und geh arbeiten.“

Das besondere an der Klasse 10b1 sei gewesen, dass die meisten Schüler vom Dorf kamen. „Das hat uns verbunden“, sagt einer, der ebenfalls anonym bleiben möchte. Die Klasse sei politisch nicht zu knacken gewesen, es gab darin keine überzeugten SED-Anhänger. Viele hätten versucht, den Armeedienst zu verweigern, zumeist aber ohne Erfolg.

Rainer Taubert aus Zehma hatte das Glück, als einer von wenigen seines Jahrgangs an der Grundschule Lehndorf für die Laufbahn an der Oberschule vorgeschlagen zu werden. Denn auch er war ein Arbeiterkind, brachte konstant gute Leistungen, obwohl er keinerlei Unterstützung zuhause genoss. „Ich bin dann jeden Tag die zehn Kilometer zur Schule geradelt, sommers wie winters, bei jedem Wetter“, erzählt er. „Darum bin ich wahrscheinlich auch nach dem Abitur eine Zeit lang Radrennfahrer gewesen.“ Nur im Rekord-Winter 1956 musste er wegen der Schneemassen auf den Zug ausweichen. Nach dem Abschluss an der Karl-Marx-Oberschule, wie das Friedrichgymnasium damals hieß, ging er nach Karl-Marx-Stadt, um Textilmaschinen-Konstruktion zu studieren.

„Der Spaß kam niemals zu kurz“

Auch die Oberschüler hätten genau gewusste, was man in der Öffentlichkeit sagen durfte und was nicht, betont Günther. Dennoch kam der Spaß niemals zu kurz, was die vielen unterhaltsamen Anekdoten zu Arbeitseinsätzen, Feiern in der Tanzschule Schaller oder gemeinsamen Ausflügen zum Lämpel in Klingenthal veranschaulichen.

Auch später trieb man nicht ungern Scherze, wie Heidi Schloth berichtet: „Als wir 1984 zum Klassentreffen kamen, haben wir uns mit Krimsekt eingedeckt, weil der so günstig war. Wir verabschieden uns, drehen uns um, auf einmal waren die Sektflaschen weg.“ Ausgetrunken von den ehemaligen Mitschülern, die aber die weit gereisten Besucher herzlich aufnahmen. „Damals gab es ja noch gar keine Hotels in Altenburg, wir mussten bei Freunden auf dem Sofa schlafen“, so Schloth.

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