Ein Prinz wird wachgeküsst

Lindenau-Museum Altenburg widmet als erstes Museum in Europa Raden Saleh eine Sonderausstellung. Saleh war der erste Maler seiner Heimat Java und nicht nur in Dresden eine schillernde Künstlerpersönlichkeit des 19. Jahrhunderts.

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Altenburg Bei der Kunstvermittlung Sascha Tyrra in Spelle sind gute Preise keine Seltenheit. Sie pendeln gewöhnlich zwischen einem Andy Warhol für 100"000 Dollar und einem Tischbein für 50"000 Dollar.

Da war es eine Sensation, als 2011 ein indonesischer Sammler für 2,8"Millionen US-Dollar das Gemälde "Last Resort" unter tosendem Beifall des Saalpulikums ersteigerte. Damit ist das 154 x 168 cm große Ölbild von 1842 das teuerste Gemälde des 19. Jahrhunderts, welches jemals in Deutschland versteigert wurde.

Signiert hat es Raden Saleh, ein Künstler, dessen Namen nur wenige Experten kennen, ein Prinz aus Java. Ein nach europäischer Lesart genau genommen falscher Prinz, auch wenn Salehs Zeitgenossen, ob Kollegen, bürgerliche oder adlige Mäzene, nur zu gern in dem feingliedrigen jungen Mann den exotischen Adligen sahen. Zumal wenn man sich die Namen der Eltern Salehs auf der Zunge zergehen ließ: Sayid Husen bin Alwi bin Awal und Raden Ayu Sarif Husen bin Alwi bin Awal.

1811 wird Raden Saleh in Semarang auf Java geboren. Das Land ist holländische Kolonie. Nach dem Tod der Eltern wächst der begabte Junge bei seinem Onkel auf und bekommt bereits mit acht Jahren Zeichenunterricht durch die holländischen Maler Bik und Payen. Mit 19 Jahren reist Saleh nach Europa und beginnt in Den Haag Porträt- und Landschaftsmalerei zu studieren. Er hat Erfolg und lässt sich in Den Haag als freier Künstler nieder.

1839 schickt die holländische Regierung den jungen Mann auf Bildungsreise durch Europa. Bei seiner Grand Tour bleibt der Prinz in Dresden "hängen", wo er Teil des Künstlerkreises und vom sozial engagierten und kunstbegeisterten Ehepaar Friedrich Anton und Friederike Serre gefördert wird. Bei den Serres trifft sich, was damals in Literatur, Musik und Kunst Rang und Namen hat.

Ganz sicher ist der exotische Saleh eine Attraktion in jedem Salons, zahlreiche Kollegen porträtieren ihn, er verkehrt mit den wichtigen Persönlichkeiten seiner Zeit, wird von Königin Victoria empfangen, stellt in Paris aus und wird ein enger Freund von Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha. Zeitschriften und Kunstbücher berichten von seinem Schaffen. Vor allem seine bis heute ganz modern wirkenden Bilder von exotischen Tieren, seine dynamischen Jagdszene in üppiger tropischer Landschaft begeistern das Publikum. Den Boden für den verklärten Blick auf Asien bereitet hatten Lessings "Nathan", Mozarts "Entführung aus dem Serail" und Goethes "Westöstlicher Divan", nun wird ein echter javanischer Prinz von weltoffenen und toleranten Sachsen umschwärmt. Es ist die glücklichste Zeit seines Lebens, wird der Maler später wehmütig feststellen, denn 1851 kehrt Raden Saleh nach Java zurück.

Er findet nie mehr so recht in die "uralten einfachen Sitten" seiner Heimat zurück. Den Holländern ist seine Verbindung mit einer Weißen ein Dorn im Auge. Die Beziehung zerbricht, als 57-Jähriger heiratet Saleh die Nichte eines Sultans. Er wird unbegründet verdächtigt, eine Rebellion angezettelt zu haben und verhaftet. Eine Erfahrung, die ihn traumatisiert und wohl veranlasst, sein Heil wieder im freundlicheren Europa zu suchen. Doch auch da hat sich die Stimmung 1875 abgekühlt. Die Freunde von einst sind alt geworden oder es gibt sie nicht mehr. Drei Jahre später schifft sich Saleh wieder nach Batavia ein, 1880 stirbt er verarmt und wird auf dem Friedhof in Bogor beerdigt, den er einst malte, um das Grabmal einer Ernestine Mijer festzuhalten. Dieses Bild kann man jetzt im Lindenau-Museum bewundern.

Es gibt keinen Beleg, dass Bernhard von Lindenau und Saleh sich begegnet sind. Trotzdem wäre es ein großer Zufall, wenn das nicht der Fall wäre, meint die Altenburger Museumsdirektorin Julia Nauhaus. Der eigentliche Grund aber, dass das Lindenau-Museum ab heute als erstes Museum in Europa mit einer großen Sonderausstellung den wunderbaren Raden Saleh wiederentdeckt, ist die zauberhafte Ausstellung der einhundert indischen Gouachen um 1800 aus Lindenaus Kunstbibliothek vor zwei Jahren. Aus dieser Zeit datiert der Kontakt zum Asien-Experten Dr. Werner Kraus aus Passau, der vor einem Jahr die erste große Personalausstellung des Begründers der javanischen Malerei Raden Salehs in dessen Heimat mitorganisierte. Die Menschen standen Schlange, obwohl ihnen nur die Zeichnungen und nicht die Gemälde des Meisters gezeigt werden konnten. Viele dieser, über fast alle großen europäischen öffentlichen Sammlungen verstreuten Bilder sind nun erstmals in Altenburg versammelt. Dazu werden Gemälde und Zeichnungen namhafter Zeitgenossen Salehs und wertvolle Bücher mit Bezug zu Java aus Lindenaus Bibliothek gezeigt. Ein Katalog zur Ausstellung erscheint in einigen Wochen.

! Vom 29. Juni bis 22. September, dienstags bis freitags 12 bis 18 Uhr, samstags, sonntags und feiertags 10 bis 18 Uhr