Erinnerung an kämpferischen Menschen

Es war ein besonderer Gottesdienst in der Schmöllner Stadtkirche, nicht nur weil Landesbischöfin Ilse Junkermann predigte oder der Gottesdienst per Radio übertragen wurde. Er war etwas besonderes, weil er einem besonderen Thema gewidmet war: der Erinnerung an den Thüringer Notbischof Ernst Otto.

Gottesdienst St Nicolai Stadtkirche Schmölln Ilse Jungermann 2. Advent

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Foto: zgt

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Schmölln. Es war ein besonderer Gottesdienst gestern in der Schmöllner Stadtkirche, nicht nur weil Landesbischöfin Ilse Junkermann predigte oder der Gottesdienst per Radio übertragen wurde. Er war etwas besonderes, weil er einem besonderen Thema gewidmet war: der Erinnerung an den Thüringer Notbischof Ernst Otto, seinen Widerstand gegen die Nazis und die Aktualität seines Handelns.

Fast vergessen war Ernst Otto in seiner Heimatstadt. Dass er es eben nicht ganz ist, ist Günter Schneider, dem langjährigen Schmöllner Stadtchronisten zu verdanken, der sich mit dem Menschen Ernst Otto und seinem Wirken beschäftigte.

Der am 12. September 1891 in Schmölln geborene und in der Stadtkirche getaufte Pfarrer Otto machte Abitur in Altenburg, studierte Theologie in Greifswald und Leipzig. 1914 bis 1918 war er Soldat und erhielt 1920 seine Ordination in Altenburg. 1933 gründete er mit Gleichgesinnten den Pfarrernotbund in Thüringen und richtete sich damit gegen den Ausschluss der Christen jüdischer Herkunft aus der Kirche. Er gründete die Lutherische Bekenntnisgemeinschaft in Thüringen, war Vorsitzender des Landesbruderrates, der gegen die deutschchristliche, sprich nationalsozialistisch gleichgeschaltete Kirchenleitung in Thüringen agierte. Die Bekenntnisgemeinschaft wollte auch Laien für den Kirchenkampf aktivieren. 1935 verfasste Otto mit anderen die "Erfurter Erklärung". Damit kündigte der Pfarrer der Thüringer Kirchenleitung die Gefolgschaft auf, was einer Nichtanerkennung der Kirchenleitung als geistlicher Leitung gleichkam.

Verschiedene Disziplinarverfahren folgten. Das aber konnte Pfarrer Otto nicht aufhalten. 1936 ordinierte er illegal als so genannter Notbischof einige Vikare, die der Bekenntnisgemeinschaft angehörten. Die Konsequenz folgte auf dem Fuße: 1938 wird Otto aus dem Pfarramt vertrieben. 1941 stirbt er im Heim "Hohe Grete" im Siegerland, dessen Leiter und Hausgeistlicher er zuletzt war.

Der Schmöllner Ernst Otto habe sich dagegen gewehrt, dass sich die Kirche dem Nazi-Staat unterwirft, würdigt Landesbischöfin Ilse Junkermann in ihrer Predigt. Insgesamt 800 Pfarrer habe es gegeben in Thüringen. 100 davon lehnten sich auf gegen die so genannten Thüringer Deutschen Christen, die Adolf Hitler "als Christus sahen und das Dritte Reich als Reich Gottes propagierten", so Junkermann. In der Erinnerung an das klare Engagement Ottos gegen eine menschenverachtende, Gewalt säende Ideologie schlug die Landesbischöfin den Bogen zu heute, zu den Opfern der so genannten Jenaer Terrorzelle. Sie fragte, wie es sein könne, dass so viel Hass entsteht, dass diese Neonazis so lange im Untergrund bleiben konnten, wer sie unterstützt habe und was da im Verborgenen unserer Gesellschaft wirke. Wer dagegenstehe, werde oft bedroht, gerate in Bedrängnis. Dem müssten Christen beistehen, die Herzen der Menschen müssten bekehrt werden. "Es gibt viel Not und viel Bedrängnis im Kleinen wie im Großen", sagte Junkermann und verwies auf die Rolle des Glaubens in dieser Zeit.

"Pfarrer Ernst Otto war ein im Glauben wachsamer und kämpferischer Mensch – für die Freiheit der Kirche und ihrer Verkündigung", so Pfarrer Dietmar Wiegand, der Otto und sein Wirken wieder mehr in das öffentliche Bewusstsein rücken möchte. Otto sei im Glauben fest gewesen und habe sich keiner Ideologie unterworfen. Und er habe zu unterscheiden gewusst, was die Aufgabe des Staates ist und was die der Kirche. Diese Aufgabenunterteilung sei heute noch wichtig. "Wir müssen kritisch bleiben gegenüber allen politischen Ideologien", so Wiegand. Und man müsse wachsam bleiben gegenüber allen nationalsozialistischen und extremen Ideologien, die, wie allen derzeit erschreckend bewusst wird, "über Leichen gehen", weil der Respekt vor dem Leben und der Würde des Menschen fehle.

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