Rätselhafter Fenstersturz: Wie eine Köchin ums Leben kommt

Altenburg.  Tragischer Unfall oder Mord? Der Tod einer Frau in Ostthüringen gewährt tiefe Einblicke in die Abgründe der Gesellschaft.

Angeklagt sind zwei Männer – hier der 57-Jährige, der sich auf freiem Fuß befindet.

Angeklagt sind zwei Männer – hier der 57-Jährige, der sich auf freiem Fuß befindet.

Foto: Tino Zippel

Ein unsanierter Plattenbaublock am Rande von Altenburg-Nord, in dem mehr als die Hälfte der Wohnungen leer steht. Es ist dunkel draußen, als die Rettungskräfte an einem Abend im April 2017 eintreffen. Auf der Wiese vor dem Haus liegt eine Frau, die gerade aus dem zweiten Obergeschoss gestürzt ist. Der Notarzt kann nur noch den Tod der 57-Jährigen, eine gelernte Köchin, feststellen. War es ein tragischer Unfall oder doch ein Verbrechen? Der Prozess am Landgericht Gera gewährt tiefe Einblicke ins Milieu der Skatstadt.

In einer Wohnung hatten sich mehrere Männer und eine Nachbarin getroffen. Sie trinken gemeinsam Bier, später zeigt sich, dass alle die Zwei-Promille-Marke überschritten haben. Laut Staatsanwaltschaft gerieten zwei der Männer und die Frau in Streit. Einer will geliehenes Geld zurück, sie bezichtigt die beiden, in ihre Wohnung eingebrochen und den Fernseher (Neupreis 159 Euro) gestohlen zu haben. Beleidigungen wie „Schwein“ oder „Drecksau“ fallen im Wohnzimmer. Soweit sind die Fassungen aller Beteiligten auf eine Linie zu bringen. Doch was geschah danach?

Schädelverletzung und Rippenbrüche bei der Frau

Die Staatsanwaltschaft klagt die Männer, beide Maurer, an. Ein heute 58-Jähriger soll die Frau mit der flachen Hand, aber auch mit der Faust geschlagen haben, bis sie mit dem Stuhl umkippte. Sie zieht sich einen Bruch des rechten Felsenbeins und Einblutungen am Schädel zu. Anschließend, so heißt es im Anklagesatz, habe der heute 57-Jährige die Frau in der Küche mehrfach getreten, so dass ihr sieben Rippen brachen und sie eine Einblutung in die Lunge davontrug. Unter ungeklärten Umständen sei sie dann aus dem Fenster acht Meter herabgestürzt und kurz nach dem Aufprall verstorben.

Die Männer bestreiten die derben Übergriffe. Der eine will ihr „zwei geklatscht“ haben. Der andere räumt ein, ihr „nur einmal in den Arsch getreten“ zu haben. Für den Sturz aus dem Fenster will keiner verantwortlich sein. Der ältere Mann sagt, er habe gerade draußen eine geraucht, weil „mir die Bude zu verqualmt war“. Der andere berichtet, vom Bierholen aus dem Kaufland zurückgekehrt zu sein, als er die Frau auf der Fensterbank sitzend sah. Sie habe ihn angelächelt und den Fensterpfosten losgelassen, als eine Bekannte von unten rief. „Sie hat das Gleichgewicht verloren und ist rausgestürzt.“

Eine andere Version hat der Wohnungsinhaber bei der Polizei zu Protokoll gegeben. Er sagte, die Frau sei ohne erkennbaren Grund aufgestanden, zum Fenster gegangen und „dann ging die Fuhre ab“. Doch bei einer späteren Aussage bei der Polizei änderte er seine Angaben. Demnach habe der 58-Jährige die Frau aus dem Fenster gestürzt, der andere habe anschließend am Boden auf sie eingetreten.

Wankelmütiger Zeuge kann nicht vernommen werden

Aus Angst vor beiden habe er zunächst anders ausgesagt. Das Gericht kann den wankelmütigen Zeugen nicht selbst befragen. Der Mann ist erkrankt und in Verbindung mit seiner Alkoholsucht weitgehend erinnerungslos und desorientiert, hat ein Rechtsmediziner festgestellt.

Der Vorsitzende Richter Uwe Tonndorf erteilt den rechtlichen Hinweis, dass nicht nur eine Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung, sondern auch wegen Körperverletzung mit Todesfolge in Tatmehrheit mit versuchtem Mord in Betracht kommt. Mögliche Mordmerkmale seien die Verdeckungsabsicht oder andere niedere Beweggründe. Hintergrund ist eine rechtsmedizinische Einschätzung, dass schon die Verletzungen vor dem Sturz tödliche Folgen gehabt haben könnten.

Zudem, so Tonndorf, komme eine Einweisung in die Entzugs­klinik für die Angeklagten in Betracht. Obwohl, wirklich beeinträchtigt fühlten sich die Männer trotz ihrer erheblichen Alkoholisierung nicht. „Ich konnte noch gerade laufen“, sagt der 57-Jährige, der zur Tatzeit zwischen 2,0 und 2,8 Promille Alkohol im Blut hatte.

Die erste Strafkammer hat noch weitere 14 Verhandlungstage angesetzt, um in dem Fall zu einem Urteil zu kommen.