Nach Insolvenz von Thomas Cook: Thüringer Herbst statt türkische Sonne

Schmölln  Nach der Insolvenz von Thomas Cook bleibt ein Ehepaar aus Schmölln vermutlich auf den Kosten ihrer gestrichenen Pauschalreise sitzen.

Hans-Jürgen Böhm und seine Frau Renate wollten am 29.  Oktober in die Türkei fliegen. Nach der Pleite ihres Reiseanbieters ist die Pauschalreise nun gestrichen.  

Hans-Jürgen Böhm und seine Frau Renate wollten am 29.  Oktober in die Türkei fliegen. Nach der Pleite ihres Reiseanbieters ist die Pauschalreise nun gestrichen.  

Foto: Jana Borath

Hans-Jürgen Böhm hatte sich dazu hinreißen lassen. Der Schmöllner und überzeugte Individualtourist buchte im August eine Pauschalreise in die Türkei. Im Hotel Side Star Elegance wollten er und seine Frau es sich zehn Tage lang gutgehen lassen. „Einfach noch mal Sonne tanken, bevor der Winter beginnt“, sagt Renate Böhm. Am 29. Oktober sollte es los gehen. Doch daraus wird nun nichts.

Öger Tours als Teil der Thomas Cook-Gruppe auch insolvent

Der Reiseanbieter Öger Tours in Hamburg hat als Teil der Thomas-Cook-Gruppe Insolvenz angemeldet, alle Reisen bis zum 31. Dezember dieses Jahres sind gestrichen. „Erfahren habe ich von der Pleite hier an meinem Küchentisch – aus meiner Tageszeitung“, erzählt Böhm. Klar war ihm da aber noch nicht, dass auch er und seine Frau davon betroffen sind. „Wir wussten nicht, dass Öger Tours zu Thomas Cook gehört“, erklärt der Rentner.

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Reiseveranstalter buhlen um Kunden von Thomas Cook

Die Informationen darüber haben sich die Böhms hart erarbeitet. Der Reiseanbieter selbst rührte sich laut Hans-Jürgen Böhm nicht. „Alles, was wir nun wissen, haben wir größtenteils aus den Medien. Und da stimmte auch nicht immer alles“, ärgert sich der 75-Jährige. Lediglich die Mitarbeiter in dem Reisebüro in Gera, in dem die Böhms im August den Trip in die Türkei gebucht hatten, halfen dem Ehepaar. „Mit ihnen gemeinsam füllten wir den Antrag aus, mit dem wir unsere Ersatzansprüche geltend gemacht haben“, berichtet die 72-jährige Renate Böhm.

Hoffnung auf Rückzahlung schwindet

Allerdings wartete dann gleich die nächste Hiobsbotschaft auf die beiden Schmöllner. Die Kaera Aktiengesellschaft bestätigte ihnen zwar, dass ihre Ersatzansprüche gegen die Zurich Insurance – der Kundengeldabsicherer des insolventen Reiseunternehmens – angemeldet sind. Doch mit diesem Schreiben schwanden auch gleich die Hoffnungen bei den Böhms: „Nach den uns bislang vorliegenden Informationen gehen wir davon aus, dass der versicherte Haftungsmaximalbetrag bei weitem nicht ausreichen wird, um die Ersatzansprüche aller Kunden der insolventen Thomas-Cook-Gesellschaften vollständig zu befriedigen“, heißt es nämlich weiter.

Besagter Haftungsmaximalbetrag beläuft sich auf 110 Millionen Euro. „Von unserem Geld sehen wir, wenn überhaupt, nur einen geringen Teil wieder“, schlussfolgert Hans-Jürgen Böhm. Denn die 110 Millionen Euro werden anteilig auf alle Anspruchsberechtigten aufgeteilt. Knapp 1700 Euro blätterten die Böhms für ihre Türkei-Pauschalreise hin. „Das ist eine Menge Geld, die wir nicht einfach so aus dem Ärmel schütteln können“, ärgern sich die Böhms, die den Betrag nur wenige Tage vor der Insolvenzmeldung überwiesen hatten.

Wütend auf Verbraucher-Ministerium

Regelrecht wütend macht Hans-Jürgen Böhm indes ein anderer Umstand: der besagte Haftungsmaximalbetrag von 110 Millionen Euro wurde in den 1990er-Jahren von der Bundesregierung in der Pauschalreiserichtlinie festgelegt. „Das habe ich inzwischen herausgefunden. Und außerdem, dass es schon längst Forderungen gibt, diesen Betrag den aktuellen Gegebenheiten anzupassen. Passiert ist nichts. Da frage ich mich doch, wozu wir ein Verbraucherschutzministerium des Bundes haben, wenn sich diese Leute nicht für den Schutz der Verbraucher einsetzen.“

Verbraucherzentrale Thüringen berät Betroffene

Ein Vorwurf, den das zuständige Bundesministerium der Justiz und für Verbraucher in Berlin so nicht stehen lassen möchte. „Zum Zeitpunkt der Umsetzung der Pauschalreiserichtlinie lagen keine Anhaltspunkte für eine signifikante Wahrscheinlichkeit eines sehr hohen Schadensfalls vor. Eine betragsmäßig unbegrenzte Absicherung zu wirtschaftlich vertretbaren Konditionen ist – ebenso wie in anderen Branchen – unrealistisch“, teilte Ministeriumssprecher Marius Leber gestern auf Nachfrage dieser Zeitung mit.

Allerdings räumt er ein, dass rechtliche und tatsächliche Aspekte, die bei diesem Thema aktuell eine Rolle spielen, derzeit Gegenstand laufender Beratungen innerhalb der Bundesregierung seien. „Es sollen kurzfristig Erkenntnisse zur zeitnahen Prüfung möglicher Handlungsoptionen erlangt werden“, formuliert Leber. Und weiter: „Die Bundesregierung ist mit den beteiligten Wirtschaftskreisen im Gespräch, um zu einer Gesamtlösung auch im Interesse der betroffenen Verbraucher zu kommen.“

Was das Ministerium den Betroffenen rät? „ Wir können keine Rechtsberatung im Einzelfall vornehmen. Betroffene Verbraucher können sich jedoch über reiserechtliche Fragen, die sich im Zusammenhang mit dem konkreten Fall stellen, über die Verbraucherzentralen informieren.“ Was thüringenweit seit Ende September geschieht. „Die Thomas-Cook-Insolvenz ist in all unseren Beratungsstellen das beherrschende Thema“, so Mara Mertin gestern. Die Sprecherin der Verbraucherzentrale Thüringen spricht von einem der größten und umfangreichsten Themen in jüngster Vergangenheit. „Die erste große Welle ebbt jetzt etwas ab, aber wir bleiben an dem Thema dran und aktualisieren unsere Informationen und Ratschläge dazu ständig.“

Für den Schmöllner Hans-Jürgen Böhm indes steht jetzt schon eines fest: „Nach diesen Erfahrungen reisen wir garantiert das nächste Mal nach Kroatien. Und zwar mit unserem Auto und ganz individuell.“

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