Wie die Störung der Phönix-Nord-Idylle Tiere in Falkenhain rettet

Katja Grieser
| Lesedauer: 5 Minuten
Simon Rockstroh (2. v. r.) von der Naturforschenden Gesellschaft Altenburg erklärt den Teilnehmern der Exkursion durch das Naturschutzgebiet Phönix Nord, was dort in den nächsten Monaten geschehen soll.

Simon Rockstroh (2. v. r.) von der Naturforschenden Gesellschaft Altenburg erklärt den Teilnehmern der Exkursion durch das Naturschutzgebiet Phönix Nord, was dort in den nächsten Monaten geschehen soll.

Foto: Katja Grieser

Falkenhain  Pferde und Büffel werden zu Artenschützern in der Bergbaufolgelandschaft bei Falkenhain. Sie sollen gezielt gegen die Verbuschung der Mager- und Feuchtwiesen eingesetzt werden.

Reich gesegnet mit Bergbaufolgelandschaften ist unsere Region. Keinen guten Ruf haben die Gebiete, die vom teils jahrzehntelangen Bergbau gezeichnet sind. Doch sie bieten auch die Chance auf einen Neustart für die Tier- und Pflanzenwelt, wie am Freitagabend bei der rund zweistündigen Exkursion durch das Naturschutzgebiet Phönix Nord in Falkenhain deutlich wurde. Der Einladung der Naturforschenden Gesellschaft Altenburg waren etwa 30 Interessierte gefolgt, denen Simon Rockstroh und Nico Kieshauer ihr ebenso spannendes wie ambitioniertes Projekt vorstellten. Finanziert wird das von der Europäischen Union und vom Freistaat.

Simon Rockstroh blickte zunächst zurück. Das zirka 173 Hektar große Naturschutzgebiet ist Teil des 300 Hektar großen Areals, in dem zwischen 1960 und 1969 Braunkohle abgebaut wurde. Danach wurden große Mengen Abraum aus dem sächsischen Tagebau dorthin gekippt. Nach der Wende sollte der Forst das Gebiet wiederherstellen, der die Fläche schließlich kaufte und mit der Aufforstung begann. Parallel dazu lief aber ein Antrag auf Unter-Schutz-Stellung des Areals. Der Bereich um das große Restloch wurde nicht aufgeforstet. Es dauerte aber noch bis 2008, bis das Naturschutzgebiet Phönix Nord ausgerufen wurde.

Von sehr feucht bis sehr trocken

„Es geht dabei vor allem um die große Vielfalt an Lebensräumen, die die Tagebaurestlandschaft zu bieten hat“, so Rockstroh. Da sind Feuchtbiotope ebenso zu finden wie ausgedehnte Wiesenbereiche und Trockenareale. Kurz gesagt, von sehr feucht bis sehr trocken ist alles dabei. Das wiederum hat eine enorm hohe Artenvielfalt zur Folge. Es fängt bei Braun-, Schwarz- und Braunkehlchen an, geht über Ringelnatter, Zauneidechse bis zu Wechselkröte und Knoblauchfrosch.

„Am spannendsten sind aber die Insekten. Einige Arten gibt es nur hier und nirgendwo anders in Thüringen“, sagt Simon Rockstroh. Dazu gehört die Zierliche Moosjungfer, eine Libelle, die erst vor wenigen Jahren in Phönix Nord nachgewiesen wurde. Zwischen 50 und 60 Tiere leben derzeit dort, hat eine Zählung ergeben. Zu Hause sind in dem Naturschutzgebiet auch der Rote und der Braune Eichen-Zipfelfalter und die Westliche Dornschrecke sei eine Heuschrecke, die sich nur in Phönix Nord finden lässt. Auch bestimmte Insekten, die trockene Böden brauchen wie der Sandohrwurm, sind in Falkenhain heimisch.

Die Tiere brauchen bestimmte Voraussetzungen zum Leben, sonst verschwinden sie. Genau hier liegt das Problem. Nach fast 30 Jahren ungestörter Entwicklung wachsen beispielsweise auf einer einstigen Sandfläche jetzt Birken. Für die Tiere, die den trockenen Sand brauchen, bedeutet das das Aus. „Einige Arten sind schon verschwunden, einige pfeifen auf dem letzten Loch, sind hier vom Aussterben bedroht“, schildert Simon Rockstroh die Situation. Greift der Mensch nicht ein, breiten sich Bäume und Sträucher auf den wertvollen Offenlandflächen aus und die Artenvielfalt auf diesen Sonderstandorten geht beträchtlich zurück. Das will die Naturforschende Gesellschaft verhindern.

Tierische Hilfe wird gebraucht

„Das Projekt setzt an bei Störungen, die es jetzt nicht gibt“, sagt Rockstroh. Ziel ist es, offene Flächen weiterhin offen zu halten, also eine Verbuschung zu verhindern. Dafür holen sich die Naturschützer tierische Hilfe. Die robusten Exmoor-Ponys sollen in den trockenen Gebieten angesiedelt werden, Wasserbüffel den großen Schilfgürtel auflockern und Taurusrinder künftig in den Grasarealen leben. Perspektivisch könnten drei bis vier Büffel, zehn Rinder und 25 Ponys in Phönix Nord auf 150 Hektar Weidefläche leben. „Wir werden mit einer geringeren Zahl anfangen und zunächst keine Nachzucht zulassen. Erstmal werden reine Männer- oder reine Frauen-Herden angesiedelt“, erklärt Simon Rockstroh.

Ob es dann für Besucher noch sicher ist, wollten einige Exkursionsteilnehmer wissen. Da konnte Nico Kieshauer beruhigen. Erfahrungen bei ähnlichen, schon laufenden Projekten, hätten gezeigt, dass die Tiere so scheu sind, dass man selten eins zu Gesicht bekomme. Läuft alles nach Plan, dann leben die Tiere ab kommendem Frühjahr im Naturschutzgebiet.

Zuvor muss ein etwa elf Kilometer langer Elektrozaun um das Areal gebaut werden, bis Ende des Jahres soll das geschehen. Die Zauntrasse wird derzeit vorbereitet. Für Wild soll der Zaun übrigens kein Problem sein, Rehe könnten darüber springen, Wildschweine unten durch laufen.

Mit Veterinäramt und Naturschutzbehörde mussten sich Kieshauer und Rockstroh bei der Umsetzung des Projekts ebenso abstimmen wie mit Forst, Jägern und Anglern. Denn Phönix Nord wird zum Jagen und Angeln benutzt, Pilze und Beeren dürfen sammelt werden. Das soll auch in Zukunft so bleiben, betont Simon Rockstroh.

Was es nicht mehr geben soll und auch schon jetzt verboten sei, das ist Motocrossfahren, wünscht er sich.

Eine Vision haben die Naturschützer. „Die Idee ist, nicht nur eine Fläche zu beweiden, sondern mehrere Flächen durch Korridore zu verbinden“, sagt Rockstroh. Ziel ist es, in der ursprünglichen Naturlandschaft Europas anzukommen.