Das Streben nach der perfekten Runde

Eisenberg  Interview der Woche Kartslalom-Fahrer Tom Ginko aus Eisenberg ist auf der Zielgeraden, denn es ist die letzte Saison für den 18-Jährigen – Zeit für ein Resümee

Mit dem 18. Lebensjahr ist Schluss im Kartslalom – so sind die Regeln, auch Tom Ginko muss in diesen für ihn wahrlich bitteren Apfel nun beißen. Grund genug also, noch einmal ausführlich über den Kartsport und die perfekte Runde zu sinnieren, seinen holprigen Erstkontakt mit dem Flitzer und auch darüber, warum Ayrton Senna der größte Rennfahrer aller Zeiten ist. Ach ja, und am Sonntag wird es ein Rennen in Eisenberg geben – und da hat Tom Ginko ein sehr deutliches Ziel formuliert.

Im Motorsport wird angeblich oftmals der Mythos von der perfekten Runde beschworen. Ist das etwas dran?

Den gibt es – und letztlich ist die perfekte Runde ja auch das, wonach wir streben. Insbesondere wir, die Kartslalom fahren, da wir ja keine direkten Gegner auf der Strecke haben, sondern ausschließlich auf Zeit fahren. Wenn man so will, versuchen wir permanent, die perfekte Runde zu fahren. Das ist unser täglich Brot.

Leuchtet ein. Haben Sie besagte Runde schon einmal absolvieren können?

Nein, zumal ich glaube, dass es sie als solches nicht wirklich gibt. Es ist eben, wie wir denn schon festhielten, ein Mythos. Wenn man sie fahren könnte, würde etwas mit der Sportart nicht stimmen. Ich meine, es wird immer etwas geben, woran man feilen kann, und wenn es noch so ein kleines Detail sein mag, mit dem man am Ende womöglich noch ein weiteres Zehntel schinden kann.

Sind Sie aber der Meinung, dass Sie schon einmal an der perfekten Runde gekratzt haben, ihr nahe gekommen sind?

Einmal kam ich ihr auf jeden Fall sehr nah.

Wissen Sie noch, wann das war?

Natürlich. Das war am 24. September 2016 in Braach, in Nordhessen – das weiß ich noch ganz genau, denn es war der letzte der vier Läufe der Hessen-Thüringen-Meisterschaft. Ich ging damals als Führender des Gesamtklassements an den Start. Den ersten Lauf habe ich gewonnen, den zweiten habe ich dann komplett in den Sand gesetzt, wurde Vorvorletzter oder so, ganz bitter. Und beim dritten Lauf habe ich dann den dritten Platz belegt. Ich musste beim finalen Lauf unbedingt punkten, damit ich mich für die Deutsche Meisterschaft des ADAC qualifizieren kann. Am Ende war es so ein Tag, über den ich sage, dass da letztlich nicht viel gefehlt hat zur perfekten Runde. Ich habe an ihr gekratzt, fast alles hat gepasst – und zwar zweimal. Ich hatte die schnellste Runde, gewann den Lauf und somit auch die Gesamtwertung 2016 in meiner Altersklasse für Hessen-Thüringen.

Ein gutes Gefühl?

Nicht nur ein gutes, ein verdammt gutes Gefühl.

Kommen wir einmal von den guten Emotionen zu den womöglich weniger guten, schließlich endet Ihre Kartslalom-Karriere mit dieser Saison, da man ja nur bis zum 18 Lebensjahr an den Wertungsläufen der Meisterschaft teilnehmen darf. Melancholisch oder gar traurig?

Traurig, zweifelsohne, immerhin ist das jetzt meine elfte Saison. Ich bin seit 2009 dabei. Zwar nimmt es mich aktuell noch nicht so sehr mit, da ich doch sehr auf die vor mir liegenden Aufgaben fokussiert bin, aber in den etwas ruhigeren Momenten sinniere ich schon darüber. Und der Gedanke, dass es bald vorbei ist, schmerzt natürlich, denn letztlich muss ich mir eingestehen, dass es nie wieder so sein wird. Es ist hart, und wenn ich ehrlich bin, nimmt es mich auch ganz schön mit.

Wie viele Läufe können Sie denn maximal noch absolvieren?

Im Idealfall sieben, wenn ich mich für die Deutsche Meisterschaft in Lübeck über die Thüringenmeisterschaft qualifizieren kann.

Wie wird es dann in puncto Motorsport für Sie weitergehen?

Ich werde auf jeden Fall weiterhin als Trainer beim MSC Jena arbeiten.

Okay, aber am Ende sind Sie dennoch zur Passivität verdammt?

Na ja, ich könnte in der Klasse 6 mitfahren, doch die Läufe werden nicht gewertet – und da fehlt mir dann leider der Anreiz. Das gibt mir nichts. Mir fehlt da schlichtweg das übergeordnete Ziel.

Ihr Lebensmittelpunkt wird sich künftig von Eisenberg nach Leipzig verschieben. Können Sie dazu etwa sagen?

Ich habe in diesem Sommer mein Abitur gemacht und werde demnächst in Leipzig eine Ausbildung zum Automobilfachverkäufer aufnehmen.

Ist Ihre Berufswahl auch ihrer sportlichen Passion geschuldet?

In gewisser Weise schon, aber nicht nur. Ich interessiere mich für Autos, natürlich, sonst wäre das ja auch alles recht sinnfrei, aber es ist eben nicht nur das allein. Ich möchte künftig mit Menschen zusammenarbeiten, Einfach mit möglichen Kunden den Kontakt aufnehmen und sie beraten, zumal ich recht kommunikativ bin. Dahingehend passt das eine zum anderen. Am liebsten würde ich jedoch mit Kindern zusammenarbeiten, so wie ich es jetzt schon beim MSC Jena mache.

Kinder, das ist ein gutes Stichwort. Sie waren sicherlich auch noch recht jung, als Sie zum ersten Mal in einem Kart saßen. Können Sie sich noch daran erinnern?

Das war 2008. Meine Cousins waren zu Besuch, und wir wollten einen Freizeitpark in Leipzig besuchen, doch dann hat es an jenem Tag heftig geregnet, sodass wir uns entschlossen, der Kartbahn in Jena einen Besuch abzustatten. Es hat mir Spaß gemacht, auch wenn ich nicht sonderlich erfolgreich am Steuer agierte.

Was ist denn passiert?

(lacht) Na ja, ich habe beim ersten Mal fahren gleich das Kart kaputtgemacht.

Ui, das klingt ja so ein bisschen nach Gilles Villeneuve, den Enzo Ferrari einst „Der kleine Prinz der Zerstörung“ nannte. Wie kam es denn zu diesem Crash-Debüt?

Ich war definitiv übermotiviert, kannte diese Form des Fahrens ja nur vom Auto-Scooter vom Jahrmarkt.

Das hat Sie aber nicht abgeschreckt?

Ich musste den Crash erst einmal verarbeiten – und das war gar nicht so einfach für mich. Nichtsdestotrotz hat es mir Spaß gemacht, ich wollte weitermachen. Uns wurde natürlich sehr schnell bewusst, dass die Disziplin Kart-Rundstrecke viel zu kostenintensiv ist. Da ist reichlich Geld vonnöten und man weiß nicht, ob sich das irgendwann einmal auszahlt. Deswegen hat sich mein Vater nach Alternativen umgeschaut – und so kam ich zum MC Holzland „Hermsdorfer Kreuz“, wo ich erstmals Kartslalom gefahren bin. Es lief gut, sodass ich das Training aufnahm.

Was fasziniert Sie an diesem Sport?

Das hatten wir ja eigentlich schon am Anfang: das Streben nach Perfektion. Meines Erachtens geht es dabei gar nicht so sehr um die Gegner, sondern vielmehr um einen selber. Ich will einfach immer schneller werden, optimierter durch die Kurven kommen, hier ein Zehntel herausholen und an anderer Stelle auch noch eines. Das macht es für mich aus – zum einen. Zum anderen ist es aber auch das Zusammenarbeiten mit anderen, sich gegenseitig helfen und verbessern – wie beim 1. MSC Jena.

Das klingt etwas paradox. Sie fahren doch alleine auf der Strecke?

Es ist auch etwas widersprüchlich, doch so ganz ohne Teamgeist geht halt auch bei uns nicht.

Und was war womöglich Ihr schönster Moment in all den Jahren?

Das war auch der 24. September 2016. Das war so ein Tag, an dem ich das Gefühl hatte, etwas erreicht zu haben, etwas, worauf sukzessiv hingearbeitet habe. Davor habe ich bei den Endläufen von Hessen-Thüringen immer irgendwo im Mittelfeld herumgedümpelt, doch dann kam dieses Saison, die richtig gut für mich lief und die ihren Höhepunkt an diesem Tag erreicht hatte. Da hat einfach alles gepasst.

Verfolgen Sie eigentlich den großen Motorsport wie etwa die Formel 1?

Zum Anfang der Saison habe ich die Formel 1 nicht sonderlich verfolgt. Sie war mir zur langweilig. Das hatte für mich nichts mehr mit Rennsport zu tun, aber jetzt ist es ja wieder spannend geworden. Ich schaue aber auch DTM.

Warum hat die Formel 1 für Sie nichts mehr mit Rennsport zu tun?

Weil fast ausschließlich die Stärke des Autos über Sieg oder Niederlage entscheidet. Der Fahrer samt seinen Fähigkeiten spielt meines Erachtens kaum noch eine nennenswerte Rolle, was ic persönlich sehr schade finde.

Ich nenne jetzt mal ein paar Namen: Ayrton Senna, Michael Schumacher, Sebastian Vettel oder Lewis Hamilton. Wer ist Ihres Erachtens nach der größte Rennfahrer?

Senna, definitiv!

Warum gerade Senna?

Ich habe ihn ja zu Lebzeiten nicht fahren sehen können, doch allein was ich den Reportagen über ihn entnommen konnte, und ich habe viel über ihn gesehen und auch gelesen, kratzte er immer an der Perfektion. Dabei schien er jedoch fast nur auf sich fixiert zu sein, weniger auf die Konkurrenz. Es ging ihm in erster Linie um sein Fahren, um seine perfekte Runde. Er schien alles aus ihm selbst herauszukommen. Er schien kein Gegenüber zu benötigen, um sich zu motivieren.

Als Alain Prost seine Karriere beendet hatte, schien er ihn schon ein wenig zu vermissen, immerhin grüßte er ihn während einer Testrunde für das Fernsehen auf der Strecke von Interlagos 1994.

Sicherlich, auch er hatte seine Fehde. Solche Duelle zeichnen ja oftmals die Größten eines Sports aus, doch was ich meine, ist, dass er auch sehr nachdenklich war, in gewisser Weise unnahbar und auch sehr charismatisch – und das macht ihn eben auch sehr faszinierend.

Können Sie sich mit ihm identifizieren?

Ja, ganz anders als beispielsweise mit Lewis Hamilton. Seine Erfolge sind meiner Meinung nach nur dem Umstand geschuldet, dass sein Auto so gut ist. Was das reine Fahrvermögen angeht, sehe ich jedoch Michael Schumacher noch vor Ayrton Senna, doch mit ihm konnte ich mich nie identifizieren. Das war mir irgendwo alles eine Idee zu nüchtern, zu kalt, zu sehr auf den reinen Erfolg fixiert. Da habe ich etwas in seiner Persönlichkeit vermisst.

Keiner also, der über die perfekte Runde sinnierte, sondern konsequent Titel anvisierte.

So kann man das wohl auch ausdrücken.

Am Sonntag im Gewerbegebiet Petersberg bei Eisenberg wird ein Lauf für die ADAC-Meisterschaft und auch für die Thüringenmeisterschaft ausgetragen. Was ist Ihr Ziel?

Ein Sieg, ganz klar. Wenn dem nicht so wäre, müsste ich gar nicht erst am Sonntag bei dem Lauf antreten.

ADAC Meisterschaft Hessen-Thüringen im Kartslalom sowie Thüringenmeisterschaft im Kartslalom, Eisenberg, Gewerbegebiet Petersberg, Sonntag, 18. August, 9 bis circa 17 Uhr

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