Gemeinden erhalten Jod für den Fall eines Atomunfalls

Eisenberg/Bürgel.  Pillen sollen im Ernstfall Jüngere gegen radioaktives Jod schützen. Im Saale-Holzland laufen die Vorbereitungen zur Verteilung

Kaliumjodid zur Einnahme bei nuklearen Zwischenfällen.

Kaliumjodid zur Einnahme bei nuklearen Zwischenfällen.

Foto: Oliver Berg / dpa

Im Saale-Holzland-Kreis laufen die Vorbereitungen zur Verteilung von Jodtabletten für den Fall eines Unfalls in einem Kernkraftwerk. In der näheren Umgebung gibt es zwar keine Atomkraftwerke – der dem Landkreis nächstgelegene noch in Betrieb befindliche Reaktor ist das Kernkraftwerk Grohnde in Niedersachsen in rund 200 Kilometern Entfernung – doch Änderungen im Strahlenschutzgesetz des Bundes machen eine veränderte Vorsorge nötig.

Aus dem Landratsamt des Saale-Holzland-Kreises heißt es dazu am Freitag: Bereits nach der Katastrophe im japanischen Fukushima sei das entsprechende Regelwerk zum Strahlenschutz in der Bundesgesetzgebung überarbeitet worden. „Nach den neuen Rahmenempfehlungen des Bundes aus dem Jahr 2014 sind nunmehr Vorsorgemaßnahmen im gesamten Bundesgebiet zu planen. Dies schließt die Verteilung von Jodtabletten ein.“ Derartige Vorkehrungen für Minderjährige waren zuvor nur für Kommunen Pflicht, die näher an Reaktoranlagen liegen. Die Einnahme von Jodtabletten soll im unwahrscheinlichen Fall eines Unfalls davor schützen, dass sich radioaktives Jod im Körper ansammelt. Rechtzeitig geschluckt, sättigt das in den Tabletten enthaltene Kaliumjodid die Schilddrüse mit nicht-radioaktivem Jod.

Tabletten für Minderjährige und Schwangere

Die Untere Katastrophenschutzbehörde im Landratsamt stehe in dieser Sache in Kontakt mit den Gemeinden im Landkreis. Die Abstimmungsphase laufe. Vor Ort angekommen sind diese Neuigkeiten zum Beispiel bereits in Bürgel, wo Bürgermeister Johann Waschnewski (CDU) in dieser Woche den Stadtrat über die Pläne zur Bevorratung von Jodtabletten in der Gemeinde informierte. „Die Stadtverwaltung weiß Bescheid und ist dabei ein Konzept zur Verteilung im Bedarfsfall zu erarbeiten“, sagte Waschnewski. Dazu werde man auch mit den Ortsteilbürgermeistern in Austausch treten. In der Stadtratssitzung hatte er erläutert, man werde der Empfehlung entsprechend Jodtabletten für Minderjährige und Schwangere im Rathaus vorhalten, die im Ernstfall innerhalb von fünf Stunden verteilt werden müssten. Für die dazu nötigen Abläufe werde ein Plan erarbeitet. Die Anzahl schwangerer Frauen sei bei der Mengenberechnung der Tabletten nur zu schätzen, hielt er fest.

Laut Thüringer Landesamt für Statistik gab es im Saale-Holzland-Kreis zum Stichtag 31. Dezember 2019 knapp 12800 Minderjährige. Legt man in einer groben Annäherung die Zahl der Geburten in der Region zugrunde – 550 waren das im Jahr 2019 – um auf die Zahl Schwangerer pro Jahr rückzuschließen, ergibt sich eine Gesamtzahl von etwa 13350 Personen, für die solche Jodtabletten im gesamten Landkreis vorgehalten werden müssten. Das ist aber lediglich der Versuch einer möglichen Zählung ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Ausreichender Vorrat

Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit betreibt die Internetseite www.jodblockade.de. Dort heißt es: „Es werden in Deutschland genügend Jodtabletten bereitgehalten, um die betroffene Bevölkerung – besonders Kinder und Jugendliche – gut zu versorgen.“ Zudem steht auf der Seite: „Möchten Sie selbst Jodtabletten bevorraten, können Sie diese auch rezeptfrei in der Apotheke kaufen.“

Die Inhaberin der Stadt-Apotheke in Eisenberg, Susann Mücke, schränkt ein: Jodpräparat sei nicht gleich Jodpräparat. Sie zückt ein Schreiben hervor, dass der Apothekerverband in Folge der Reaktorkatastrophe von Fukushima versandt hatte. Darin wurde auch auf die Internetseite des Umweltministeriums hingewiesen. Das Schreiben betonte aber auch, dass handelsübliche Kaliumjodid-Präparate, etwa zur Behandlung von Schilddrüsen-Erkrankungen, wegen der deutlich geringeren Dosierung zur Jodblockade nicht geeignet sind. Damals war angesichts von Ängsten in der Bevölkerung vor Verstrahlung durch den Verband darauf hingewiesen worden, das Fachpersonal in den Apotheken möge die Kunden durch Beratung und Fakten beruhigen. Im Falle eines Zwischenfalls in einer Reaktoranlage seien zudem stets die Handlungsanweisungen von offizieller Seite abzuwarten.