Hinter die heile Fassade blicken

| Lesedauer: 4 Minuten
Manche Kinder werden durch die Krankheit eines Elternteils selbst depressiv.

Manche Kinder werden durch die Krankheit eines Elternteils selbst depressiv.

Foto: master1305/stock adobe

Stadtroda.  Manche Kinder werden durch die Krankheit eines Elternteils selbst depressiv

Zehn bis dreißig Prozent der psychisch kranken Mütter haben minderjährige Kinder. Drei Millionen Kinder unter 18 Jahren haben einen psychisch kranken Elternteil. Und psychische Erkrankungen der Eltern gehen an den Kindern nicht spurlos vorbei, sagt Michael Kroll, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Asklepios-Fachklinikum Stadtroda. Die Crux: Viele psychisch erkrankte Eltern haben Angst, dass ihnen die Kinder weggenommen werden könnten und begeben sich nicht in Behandlung.

Diese Ängste seien jedoch vielfach unbegründet, da gerade seitens des Jugendamtes ein hohes Interesse daran bestehe, Kinder in den Familien zu belassen, vor allem dann, wenn die Eltern gut kooperieren, heißt es in einer Mitteilung des Fachklinikums. Als Kinder- und Jugendpsychiater ist Kroll oft damit konfrontiert, „was manche Kinder über lange Zeit aushalten müssen“. Sie erhielten wenig Förderung oder emotionale Resonanz, seien viel auf sich gestellt und würden nicht selten stark in die Symptomatik oder das Wahnsystem der Eltern einbezogen.

Finanzierung durch Kassen gleicht den Aufwand nicht aus

Die Frage „Wie viele Kinder haben Sie und wie alt sind die Kinder?“ sollte Standard sein, wenn Menschen mit Depressionen, Psychosen oder anderen psychischen Erkrankungen behandelt würden, findet Kroll, der nicht nur Kinderpsychiater ist, sondern zusätzlich als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie auch „Erwachsenenpsychiater“. Er wünscht sich bundesweit mehr und unkomplizierter abrufbare familientherapeutische medizinische Angebote, etwa Mutter-Kind-Einrichtungen. Das Problem: Die Finanzierung solcher Aufgaben durch die Krankenkassen gleicht den großen damit verbundenen Aufwand aktuell nicht aus. „Wenn Erwachsene psychisch krank sind, muss auch nach den Kindern geschaut werden“, sagt Kroll und verweist darauf, dass etwa fünfzig Prozent der Kinder psychisch Kranker irgendwann selbst psychisch erkranken.

Innerhalb der Familien würde das Thema oft tabuisiert. Gerade in Familien, in denen mindestens ein Elternteil von einer Suchterkrankung betroffen ist. Die tabuisierte Suchterkrankung stehe buchstäblich wie ein Elch im Wohnzimmer, der streng riecht und jede Menge Platz beansprucht. Jener Elch, der für die Suchterkrankung steht, sei ein unangenehmer Dauergast, der der Familie den Raum nimmt. Gerade Kinder aus Familien mit Suchtproblemen zu erkennen, sei schwierig. Sie versuchten nach außen hin wie eine Art „Geheimnisträger“ meist die heile Welt aufrecht zu erhalten und verhielten sich – teilweise auffällig – unauffällig. Vielfach übernehmen die Kinder Verantwortung an der Stelle der Eltern, sodass es gleichsam zu einer Rollenumkehr komme. Manche dieser Kinder wirkten sehr gereift, heißt es.

Multifamilientherapie hat sich in Stadtroda bewährt

Typisch seien auch Schuldgefühle oder unspezifische Symptome. Am Asklepios-Fachklinikum Stadtroda hat sich die Multifamilientherapie bewährt, vor allem dann, wenn der Eindruck entsteht, dass Eltern junger Patienten selbst psychische Probleme haben. „Eltern in Therapie zu bringen, ist enorm wichtig“, sagt Mediziner Kroll.

Das sollte nicht zuletzt auch für Mütter gelten, bei denen sich nach der Geburt eine Wochenbettdepression einstelle. Hier sei es zunächst wichtig, dass die Mutter aus dem familiären Umfeld Akzeptanz bekomme und der Vater viele Aufgaben übernehme. Leidet die Mutter unter einer Angststörung, kann es passieren, dass auch die Kinder trennungsängstlich sind. „Angst überträgt sich von allen Störungen am schnellsten. Manche gehen beispielsweise nicht in die Schule, weil sie sich um ihre Eltern Sorgen machen“, sagt Kroll.

Bei Depressionen, die gekennzeichnet sind durch Antriebsminderung, Rückzug und eine anhaltend gedrückte Stimmung stehen die Eltern als Interaktionspartner oft nicht zur Verfügung. Können Eltern diese wichtige Präsenz nicht ermöglichen, geben sich die Kinder oft die Schuld daran. Manche von ihnen werden selbst depressiv.

„Unsere Arbeit besteht auch immer darin, zu entängstigen und Brücken zu bauen. Es lohnt sich immer, Hilfen in Anspruch zu nehmen. Auch schwierige Erfahrungen sollten nicht davon abhalten, sich unterstützen zu lassen“, sagt Michael Kroll.