Jena schrumpft ein bisschen

Jena.  Erstmals seit 1999 muss die Stadt im Jahresvergleich leicht sinkende Einwohnerzahlen verzeichnen. Bisher liegt der Verlust im Promillebereich.

Ganz so dramatisch, wie dieser Sonnenuntergang vom Hausberg aus betrachtet, ist die Situation eher nicht. Die Einwohnerzahl Jenas schrumpfte seit Ende 2018 im Promillebereich.

Ganz so dramatisch, wie dieser Sonnenuntergang vom Hausberg aus betrachtet, ist die Situation eher nicht. Die Einwohnerzahl Jenas schrumpfte seit Ende 2018 im Promillebereich.

Foto: Beier

Erstmals seit 1999 schrumpft die Jenaer Einwohnerzahl. Der Trend hatte sich bereits zum Jahresende 2019 angekündigt und verfestigte sich im ersten Halbjahr 2020. Aktuell liegt die Einwohnerzahl laut Melderegister bei 108.358 Menschen (Stand 29. Juni). Das sind 75 weniger als zur Jahresmitte 2019. Das lässt sich nicht nur mit der Corona-Pandemie begründen, denn einen ähnlichen Rückgang gibt es beim Vergleich der Stichtage am 31. Dezember 2018 und 2019. Der Quartalsbericht wurde kürzlich veröffentlicht.

Die Einwohnerzahl hat Einfluss auf alle Bereiche der Stadtplanung. Es hängt über die Schlüsselzuweisungen viel Geld für die Stadtkasse davon ab. Und es geht um ganz praktische Fragen wie die Intensität bei der Suche nach Bauland.

Im Kleingartenbeirat wurde die Bevölkerungsentwicklung diese Woche angerissen. Stefan Beyer, der Vertreter der FDP in dem Gremium, wies auf die rückläufige Tendenz hin und sprach davon, dass damit um so mehr die Zusage gelte, Kleingartenflächen nur bei Ersatzangeboten in Bauland umzuwandeln. Beyer sagte auch, dass sich politische Gremien beim Kitabedarfsplan erstmals mit sinkenden Geburtszahlen befasst hätten. Und er warnte vor Neid, wenn der eine oder andere im SHK baue oder dort eine Wohnung nehme.

„Jena steht im Vergleich mit anderen Städten noch sehr gut da“

Tobias Jacobs von Büro Timourou, das für die Stadt Jena die Bevölkerungsprognose 2019 erstellt hat, sagte, dass Quartalszahlen zunächst noch keinen Trend darstellten. Ein leichtes Hoch und Runter sei da normal. Prognosen seien längerfristig angelegt. Jena stehe im Vergleich mit anderen Thüringer Städten immer noch sehr gut da.

Friedrich-Wilhelm Gebhardt, der Winzerlaer Ortsteilbürgermeister ist auch Vertreter der SPD im Kleingartenbeirat, legte mit Optimismus nach. Er erlebe springende Zahlen seit 2004. Aber wenn die Wirtschaft expandiere, gingen die Einwohnerzahl wieder nach oben. Der Unterausschuss, der sich mit den Planungen für die Kindergärten befasse, solle nicht so viel darauf geben und bei der städtischen Wachstumslinie bleiben. Mit dem Konzept „Szenario Jena 2030“ habe der Stadtrat Wachstum beschlossen.

Jörg Hühn, der stellvertretende Geschäftsführer der Ernst-Abbe-Stiftung und designiertes Mitglied im Kleingartenbeirat, sieht einen Zusammenhang zwischen Angebot und Nachfrage. Wenn es in Jena nur sehr wenig freien Wohnraum gebe, stoße ein Bevölkerungswachstum eben einfach an praktische Grenzen.

Lobeda verliert Einwohner, Jena-Nord gewinnt Bevölkerung dazu

Der Bevölkerungsentwickung ist in den Planungsräumen seit Ende 2018 unterschiedlich. Knapp ein Prozent Wachstum gab es im Nordraum Jenas. Jena-West/Zentrum, Winzerla und Jena-Ost sind stabil in ihrer Bevölkerungszahl. Und in Jena-Lobeda, dem mit 24.100 Einwohnern größten Planungsraum, sank die Einwohnerzahl um ein Prozent. Das deckt sich mit der Voraussage, die in der Bevölkerungsprognose für den „Worst Case“ getroffenen wird. Im „schlechtesten Fall“ würden demnach Lobeda und Winzerla die stärksten negativen Effekte erleben. Denn im Fall einer rückläufigen Einwohnerzahl nehme die Konkurrenz der Planungsräume untereinander zu.

Auf den Statistik-Seiten der Stadtverwaltung gibt es ganz neu einen sehr gut aufbereiteten Vergleich zwischen Soll- und Ist-Werten der Bevölkerungsprognose. Im Jahr 1 der achtjährigen Zahlenreihe schwenkt Jena in der Realität auf den „Worst Case“ ein. Aus Sicht derjenigen, die Wachstumsstress in Jena vermeiden wollen, muss das nicht einmal schlecht sein.

Weitere Informationen gibt es hier: https://statistik.jena.de/de/bevoelkerungsprognose

Zur Sache

Den historischen Einwohner-Höchststand hat Jena im Dezember 2018 erreicht. Damals gab es 109.000 Einwohner, was etwa 1000 Personen mehr waren als im Jahre 1989, als der höchste Wert zu DDR-Zeiten erreicht wurde. Nach der politischen Wende schrumpfte die Stadt bis auf 100.000 Bürger, um seit der Jahrtausendwende kontinuierlich anzuwachsen.