Masernfälle in Jena: Waldorfschule in der Kritik

Jena  Masernfälle: Stadt Jena meldet keine neuen Erkrankungen – Waldorfschule in der Kritik

Ein Kinderarzt gibt einem Mädchen eine Masernimpfung. Über die Impfpflicht wird in Deutschland gerade viel diskutiert. Foto: Patrick Seeger/dpa

Foto: Patrick Seeger/dpa

Dass die Diskussion über die zwei Masernfälle an Schärfe gewann, hat zwei Gründe: Die Stadtverwaltung agierte erstaunlich zurückhaltend, als es darum ging, die Bürger der Stadt zu informieren. Und gleichzeitig stand die Waldorfschule am Pranger. Nach einer Veröffentlichung auf der schuleigenen Homepage verurteilen Kritiker den verharmlosenden Umgang mit der ansteckenden Infektionskrankheit. Neben den bereits bekannten zwei Fällen seien keine neuen Erkrankungen gemeldet worden, teilte am Mittwoch die Stadtverwaltung Jena mit.

Am 12. Juni bestätigte die Stadtverwaltung zwei Masernfälle bei einem Erwachsenen und einem Schulkind und verschwieg weitere Details. Am vergangenen Freitag bestätigte allerdings die Waldorfschule selbst, dass ein Schüler an Masern erkrankt sei. Kritik hagelte es für den Versuch, die bundesweite Diskussion zusammenzufassen:

„Ob Masern, Ziegenpeter oder Windpocken – sie gehörten einfach zu einer gesunden Kindheit dazu, und viele Eltern erlebten im Zuge einer überstandenen Kinderkrankheit an ihren Kindern einen deutlichen Entwicklungsschub. Heute dagegen jagt ein Horrorszenario das nächste: Schweinepest, Vogelgrippe, Rinderwahnsinn, Ebola, Masern – es wird eine geradezu irrationale Hysterie geschürt. Vor Masern hat man heute so viel Angst wie früher vor Pest und Cholera. Es heißt, Masern seien keineswegs harmlos, wie man früher meinte, es könne Komplikationen geben, die sogar bis zum Tod führen könnten... Es heißt aber auch, dass schon Kinder durch Folgen von Masernimpfungen geschädigt worden wären.“

Nicht im 21. Jahrhundert angekommen

Der Autor dieser Zeilen schrieb selbst, nicht zu wissen, was richtig sei, am Pranger steht die Schule dennoch: „Also, ich frage mich bei sowas schon, ob die Waldorfschule vielleicht mal einige ihrer Positionen an die Wissenschaft des 21. Jahrhunderts anpassen könnte“, schrieb ein Nutzer auf Facebook. Von gefährlicher Esoterik und von Impfgegnern ist die Rede.

Mathias Pletz bezeichnet den Duktus als sehr problematisch. „Wie kann ich bei Ebola von irrationaler Hysterie sprechen, wenn ich weiß, dass die Ebola-Epidemie von 2013 mehr als 10.000 Tote forderte und westafrikanische Staaten in die Regierungsunfähigkeit stürzten?“, sagte der Direktor des Instituts für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Jena. Es zeuge von einer „maximal medizinischen Unkenntnis“, Masern mit Mumps zu vergleichen. Masern infizierten dem Aidserreger gleich mit den Lymphozyten die wichtigste Zelle des Immunsystems. Eine Masernerkrankung führe zu einer vorübergehenden Immunschwäche von etwa sechs bis acht Wochen. Als Folge können sich zusätzlich bakterielle Erreger einnisten, teilweise könnten die Folgen verheerend sein. „Wer das Impfen kritisiert, leistet sich einen Luxus, den Menschen in armen Ländern nicht haben. Wir hingegen können mit Antibiotika und der Intensivmedizin Leben retten. Die Masern könnten weltweit ausgerottet werden, wenn wir alle zusammenstehen und uns impfen lassen“, sagte Pletz.

Die Impfentscheidung sei Elternrecht. Sie liege in deren Freiheit. Aufgabe der Schule sei es, zu Respekt vor der Meinung und Haltung der Andersdenkenden zu erziehen, erklärte die Leitung der Waldorfschule, Marlis Sander und Peter Häuser, auf Anfrage unserer Zeitung. Der Artikel auf der Homepage der Schule gebe die derzeitige Diskussion um die Impfpflicht wider. „Dass es Befürworter und Gegner gibt, ist unstrittig. Und deshalb steht in dem Artikel auch: ,Ich weiß nicht, was richtig ist. Es gibt darüber konträre Auffassungen, die jeweils vehement vertreten werden. ... Ich finde deshalb, dass die Eltern selbst entscheiden müssen, ob und gegen welche Krankheiten sie ihre Kinder impfen lassen‘“, betonten die pädagogische Leiterin und der kaufmännische Leiter.

Die gute Nachricht: Neben den bereits bekannten Fällen seien keine weiteren Erkrankungen bekannt geworden, sagte Rathaussprecher Kristian Philler. Fast 48 Stunden nach unserer Anfrage erhielt unsere Zeitung am Mittwoch die Antworten. Dabei tobte auf Facebook schon lange die Diskussion. Der Fachdienst Gesundheit habe insgesamt etwa 500 Kontaktpersonen ermittelt: „Es war erforderlich, einigen Kontaktpersonen aufgrund fehlender Immunität und eines fehlenden oder eines unvollständigen Impfschutzes gegenüber Masern ein Besuchsverbot für Gemeinschaftseinrichtungen insbesondere Schulen, Kindertagesstätten, Klassenfahrten und öffentliche Veranstaltungen auszusprechen.“

500 Kontaktpersonen ermittelt

Eine wesentliche Frage jedoch ließ die Stadtverwaltung unbeantwortet: Wie bewertet der Fachdienst Gesundheit die Einschätzung der Waldorfschule zum Masernfall?

Dass man bei Masernerkrankungen durchaus offensiv mit dem Thema umgehen kann, bewies übrigens die Stadtverwaltung Weimar im April. Um Kontaktpersonen ausfindig zu machen, listete sie auf, wo der Indexfall im Zeitraum seiner Infektiosität war: Lichthaus Kinos zu der Filmvorstellung am 24. März um 16.45 Uhr, dem Deutschen Nationaltheaters am 26. März bei der Preisverleihung „Löwenherz“, in der Universitätsbibliothek in der Steubenstraße 6/8 am 27. März am Vormittag und der Mensa der Bauhaus-Universität am 27. März mittags. Dazu kamen Stadtapotheke, Bäckerei Rost, Nahkauf Heyer am Wielandplatz sowie in der Lisztapotheke.

Ganz allgemein betonte Philler, dass der Rückgang der Erkrankungsfälle auf die gute Impfsituation zurückzuführen sei. Daher werde die Erkrankung heute oft unterschätzt, da die Komplikationen in den vergangenen Jahrzehnten folglich kaum mehr gesehen worden seien. „Besonders Säuglinge, die an Masern erkranken, können eine Gehirnentzündung und die auch Jahre nach der Erkrankung auftretende fortschreitende Hirnentzündung entwickeln, die immer tödlich verläuft.“

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