Massengrab in Eisenberg gibt Rätsel auf

Eisenberg.  Dutzende Skelette aus der Zeit des Napoleonfeldzugs auf der Baustelle am Busplatz. Thüringer Archäologen werden die Funde weiter analysieren.

Dutzende Skelette aus der Zeit des Napoleonfeldzugs auf der Baustelle am Busplatz in Eisenberg. Tim Schüler vom Thüringer Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie sichert die Funde gemeinsam mit Grabungshelfern für weitere archäologische Untersuchungen.

Dutzende Skelette aus der Zeit des Napoleonfeldzugs auf der Baustelle am Busplatz in Eisenberg. Tim Schüler vom Thüringer Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie sichert die Funde gemeinsam mit Grabungshelfern für weitere archäologische Untersuchungen.

Foto: Angelika Munteanu

Eigentlich sollte es nur eine schnelle archäologische Rettungsgrabung werden auf der Baustelle am Eisenberger Busplatz. Bauarbeiter waren beim Ausheben des Bodens für den Sozialen Wohnungsneubau auf menschliche Knochen gestoßen. „Das sind alte Knochen“, ist sich der Archäologe Tim Schüler, der von der Bauherrin Arbeiterwohlfahrt hinzugerufen wurde, auf den ersten Blick sicher. In einem – so räumt der Experte vom Thüringer Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie später ein – habe er sich jedoch geirrt: Aus der schnellen Rettungsgrabung wurde eine aufwendige Sicherung von archäologischen Funden, die sich trotz Unterstützung von Grabungshelfern und einem Anthropologen über vier Wochen erstreckte.

37 Skelette hat das Grabungsteam in dieser Zeit am Rande der Baustelle am Busplatz sichern können. Bisher geben sie den Archäologen Rätsel auf. „Es waren 37 Bestattungen in zwei Gruben“, erläutert Tim Schüler. Höchstwahrscheinlich aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts, aus der Zeit der napoleonischen Kriege. Zumindest legt die Chronik der Stadt Eisenberg aus dem Jahr 1843 die Vermutung nahe. Sie verweist darauf, dass das einstige Schützenhaus am heutigen Schützenplatz, wo heute ein Supermarkt steht, sowohl im Jahr 1806, als Napoleon gegen Preußen zu Felde zog, wie auch im Jahr 1813, als die geschlagene Grande Armée aus Russland zurückfloh, als Lazarett genutzt wurde. Die Stadtchronik berichtet auch davon, dass im Kriegslazarett von 1813 täglich viele durch ein ansteckendes Fieber hinweggerafft worden seien und die Verstorbenen in einer Grube über dem Schießgraben beerdigt wurden und Kalk über sie geschüttet worden sei.

Einen Zusammenhang zu Napoleons Feldzügen, die auch über den Militärstützpunkt Eisenberg geführt hatten, könnten die Skelettfunde am heutigen Busplatz durchaus haben, vermutet der Archäologe. Einige Nebenfunde wie Scherben von Tonpfeifenköpfen, die bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts im Gebrauch waren, sprechen dafür, dass die Verstorbenen zu jener Zeit beerdigt wurden. Auf eine genauere Einordnung will er sich zunächst nicht festlegen: „Ich bin mir auch nicht sicher, ob uns die weiteren Untersuchungen der Funde wirklich sagen werden, in welchem Jahr – 1806 oder 1813 – die Toten beerdigt wurden, wer sie waren und woher sie kamen.“

Knöpfe, Bleikugeln, Fingerhüte und ein Rosenkranz

Doch die Überreste der Toten geben noch weitere Rätsel auf. In einer kleineren Grube waren neben einem einzelnen Fuß sechs Skelette gefunden worden. „Ordentlich beigesetzt, auf dem Rücken liegend, und – so eng wie die Arme am Körper lagen – wohl sogar mit einem Leintuch bei der Bestattung umwickelt“, vermutet Tim Schüler.

In der zweiten Grube lagen die Skelette und einzelne Knochen in mehreren Schichten übereinander. „Mal zwei, mal vier, dann eine Schicht Erde, dann die nächste Schicht von Skeletten“, schildert Schüler den Fundort. Von etwaigen Kleidungsstücken oder Grabtüchern ist nach zwei Jahrhunderten nichts mehr zu finden. „Viel können sie nicht angehabt haben“, vermutet der Archäologe, „sonst wären eventuell noch Uniformteile zu finden gewesen.“

Neben den Knochen wurden einige verwitterte kleine Münzen gefunden, die ohne genauere Untersuchung keine Rückschlüsse auf ihre Herkunft geben. Auch nicht der Anhänger eines Rosenkranzes, buntmetallene Fingerhüte und Knöpfe aus Metall und Horn, zwar mit Verzierungen, aber ohne Inschriften. Zwei Bleikugeln verraten gleichfalls nicht, aus wessen Gewehr sie abgeschossen wurden. Ebenso wenig sagen Hieb- und Stichverletzungen an Schädel, Hand und Brust, wer der Angreifer war und wer das Opfer.

Opfer einer Seuche oder eines Scharmützels

Das Lazarett im Jahr 1813 spreche zwar dafür, dass die Menschen an einer Seuche gestorben waren, meint der Archäologe. Bekanntlich sorgten nicht nur die Truppen des russischen Zaren Alexander, sondern auch das durch Läuse verursachte Fleckfieber für den Untergang der napoleonischen Armee. Die Verletzungen an den Knochen hingegen würden wiederum für ein Scharmützel vor den Toren von Eisenberg sprechen.

Über die Lebensumstände der Toten von vor 200 Jahren sollen die weiteren archäologischen und anthropologischen Untersuchungen im Landesamt Aufschluss geben. Offenbar waren die Toten jung, zwischen 16 und 25 Jahren. Verformungen an den Gliedmaßen deuten bereits auf den ersten Blick der Fachleute auf Mangelernährung hin. Mit etwa einem halben Jahr rechnet Tim Schüler, bis genauere Ergebnisse vorliegen. Späterhin könnte er sich auch eine kleine Sonderausstellung mit Grabungsfunden im Eisenberger Stadtmuseum vorstellen.