Premiere zum Bornschlämmen: die Friedrichstannecker Chronik

Eisenberg  Zum traditionellen Bornschlämmen und Maibaumsetzen ist am Pfingstsonntag erstmals eine Chronik von Friedrichstanneck erhältlich

Nicole Pahnke (links) und Anja Polten mit der neuen Chronik für Friedrichstanneck und die Tradition des Bornschlämmens.

Nicole Pahnke (links) und Anja Polten mit der neuen Chronik für Friedrichstanneck und die Tradition des Bornschlämmens.

Foto: Susann Grunert

„Sie ist da!“ – Sehr zufrieden schauen Anja Polten und Nicole Pahnke auf die Chronik, die vor ihnen liegt. „110 Seiten sind es geworden.“ Sechs Jahre haben die beiden Frauen die Geschichte des Eisenberger Ortsteils Friedrichstanneck und die Historie des Bornschlämmens im Ort recherchiert.

„Im Nachhinein ärgere ich mich, dass ich nicht früher damit begonnen habe“, meint Anja Polten. Seit 2013 hatte sie vor allem alteingesessene Tannecker nach ihrer Geschichte befragt. „Ich hatte das Glück, noch mit drei Leuten sprechen zu können, die die Tradition des Bornschlämmens nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgenommen haben.“ Die Veröffentlichung der Chronik, die am Pfingstsonntag erstmals verkauft wird, erleben sie leider nicht mehr.

„Das Bornschlämmen ist ja eigentlich eine Tradition, die aus der Not heraus geboren wurde, die einzige Wasserstelle im Dorf sauber zu halten“, erklärt Anja Polten. Ende der 1940er Jahre war diese Notwendigkeit nicht mehr gegeben. Doch nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs sehnte man sich danach, die Gemeinschaft zu leben und die Tradition zu erhalten.

Anja Polten ist über die mit ihr geteilten Erinnerungen sehr dankbar. Ohne sie hätte sie diese Chronik nicht schreiben können. „Die Resonanz auf meine Anfragen waren durchweg positiv, und jedes Gespräch öffnete eine neue Tür, einen neuen Ansatzpunkt.“ Nicht nur in Friedrichstanneck, sondern in ganz Eisenberg ist sie auf Spurensuche gegangen, hat Tage im Stadtarchiv verbracht, im Bau- und Einwohnermeldeamt recherchiert und sogar im Altenburger Staatsarchiv Akten gewälzt.

Eine mehr als 100-jährige Tradition der Pfingstgesellschaft Friedrichstanneck droht nun ausgerechnet in diesem Jahr zu brechen: Noch gibt es keine Brautpaare, die am Pfingstsonntag zum Ständchenblasen mit durch den Ort ziehen. „Das Bornschlämmen und die Brautpaare, das sind eigentlich Alleinstellungsmerkmale in Friedrichstanneck“, weiß Anja Polten. Maibäume werden schließlich im Holzland in fast jedem Ort aufgestellt. „Wir hatten eigentlich schon welche gefunden, aber die haben uns nun leider abgesagt“, bedauert Nicole Pahnke, die nun dringend nach Ersatz sucht. Wie ein Blick in die Chronik beweist, könnten durchaus auch zwei Burschen als Brautpaar durch Tanneck ziehen. „In den 1950er Jahren hat es das mehrmals gegeben“, sagt Anja Polten. Ob sich die Männer nur zum Spaß ver­kleidet haben, oder ob es damals einfach an der holden Weiblichkeit mangelte, ist nicht belegt. „Sie müssten ja kein Kleid anziehen, ein Hut tut es auch.“

Im ersten Teil der Chronik wird die Geschichte von Friedrichstanneck von der Ersterwähnung bis ins Jahr 1993 erzählt. Im gleichen Jahr wurde die Pfingstgesellschaft Friedrichstanneck gegründet, die Nicole Pahnke aufwendig studiert hat. Statistikfreunde werden sich über die genaue Zahl der Eimer freuen, die Jahr für Jahr beim Schlämmen aus dem Born geholt wurden. Über 500 waren es zum Beispiel im vergangenen Jahr. Außerdem sind alle Brautpaare der vergangenen 25 Jahre fein säuberlich notiert. „Seit 1999 gibt es zwei Paare, um alle Wege abdecken zu können.“

Denn Friedrichstanneck ist in den vergangenen Jahrzehnten stark gewachsen, „dabei ist leider das Dörfliche, das Sich-Einbringen auf der Strecke geblieben“, bedauert Anja Polten. So werde die Zahl derer, die sich auch abseits des Pfingstsonntags um die Brauchtumspflege kümmern und um alles, was dazu gehört, in der Pfingstgesellschaft immer überschaubarer.

Erfreut sind die Tannecker aber, dass im Gasthof wieder neues Leben eingezogen ist. Zur Einweihungsfeier des neuen Wirts am 12. Juni wird die Pfingstgesellschaft auf alle Fälle vertreten sein. „Vielleicht können wir ja in Zukunft wieder einen Pfingsttanz im Gasthaus durchführen“, überlegt Nicole Pahnke. Für Treffen wäre der dortige Vereinsraum auch ideal.

Traurig blickt man indes auf das eigentliche Eingangstor in den Ort, das bröckelnde Schloss von Friedrichstanneck, über dessen wechselhafte Geschichte sehr viel in der Chronik zu lesen ist. „Der jetzige Zustand ist einfach jämmerlich und für eine Kreisstadt hochgradig peinlich“, ärgert sich Anja Polten.

100 Stück umfasst die erste Auflage der Friedrichstannecker Chronik, die nach Pfingsten auch im „Bücher-Eck“ am Steinweg erhältlich sein wird. „Alle Erlöse fließen in die Vereinskasse“, betonen die Autorinnen, die froh sind, dass die anstrengende Chronikarbeit nun erst einmal vorbei ist. Einige Lücken in der Überlieferung würde Anja Polten aber gerne noch schließen: „Das Fischerhäuschen oder die Ernst-Quelle sind Orte, die mit Tanneck als Wohn- und Sommerfrische-Ort verbunden sind, über die es aber kaum Aufzeichnungen gibt.“ Wer Material dazu oder allgemein zur Geschichte von Friedrichstanneck hat, wendet sich einfach an die Pfingstgesellschaft.

Am Sonntag wird der Geschichte des Vereins übrigens noch ein neues Kapitel hinzugefügt, denn erstmals wird es auch ein Kinder-Bornschlämmen geben. „Das ist auch ein Weg, um die nächste Generation an die Tradition heranzuführen“, erklärt Nicole Pahnke. Wer mitmachen möchte, sollte bereits ­sicher laufen können und Gummistiefel und Matschhose nicht vergessen. Die kleinen Eimer mit dem Signet der Pfingstgesellschaft stehen schon bereit.

Pfingstsonntag in Friedrichstanneck

- ab 7.30 Uhr: Traditionelles Ständchenblasen mit Umzug der Brautpaare und Pfingstburschen durch Friedrichstanneck

- ab 9 Uhr: Beginn des Bornschlämmens

- ab 10 Uhr: Maibaumsetzen mit Versteigerung der Pfingstbank

- gegen 10 Uhr (zur Schlämmepause der Großen): Kinderbornschlämmen

- musikalische Umrahmung durch das Blas-, Tanz- und Unterhaltungsorchester der Keramischen Werke Hermsdorf

Darum geht‘s: Bornschlämmen

- Ein Brauch, der zwischen 1500 und 1545 entstand

- Der Born, der Brunnen, war ­früher die einzige Wasserstelle in Friedrichstanneck . Immer im Frühjahr, nach der Schneeschmelze, musste dieser von Schlamm, Algen und Steinen gereinigt werden.

- 1793 wurde die Quelle gefasst, 1883 ein Brunnenschacht aufgemauert, der weitere vier Jahre später überwölbt und mit einer Tür versehen wurde.

- bis heute treffen sich die Tannecker am Pfingstsonntag, um den Born von Hand auszuschöpfen, Wände und ­Boden mit Salz zu rei­nigen und ihn dann mit jungen, ­grünen Birken zu schmücken.

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