Rodas Geschichte begann im Marktquartier

Stadtroda.  Grabung auf Marktquartier-Areal liefert Archäologen wichtige Erkenntnisse zur Historie der Stadt Stadtroda

Grabung von Anfang März bis Anfang Juli 2020 auf der Fläche des Marktquartiers in Stadtroda Grabungsleiter Andreas Hummel (links) und Dr. Tim Schüler, Abteilungsleiter für Archäologische Fachaufgaben im Thüringer Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie (TLDA), zeigen die alten mittelalterlichen Fundamentreste, die sich unter Abfallschichten verbargen.

Grabung von Anfang März bis Anfang Juli 2020 auf der Fläche des Marktquartiers in Stadtroda Grabungsleiter Andreas Hummel (links) und Dr. Tim Schüler, Abteilungsleiter für Archäologische Fachaufgaben im Thüringer Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie (TLDA), zeigen die alten mittelalterlichen Fundamentreste, die sich unter Abfallschichten verbargen.

Foto: Ute Flamich

Soviel vorweg: Historische Münzschätze und spektakuläre Funde haben die Archäologen des Thüringer Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie (TLDA) bei ihren Grabungen auf der Marktquartier-Fläche in Stadtroda nicht aufgetan. „Das war auch nicht zu erwarten“, betont Tim Schüler, der Abteilungsleiter für Archäologische Fachaufgaben im TLDA.

Dennoch schätzt Schüler die bisherigen Ergebnisse der archäologischen Untersuchung als „extrem wichtig“ ein. „Die Funde, Befunde, Zeichnungen, Fotos und Vermessungen sind eine wertvolle Bereicherung der Stadtrodaer Stadtgeschichte. Sie untersetzen eine Hypothese, die bisher immer nur herumgeisterte. Nämlich die, wonach auf der Marktquartier-Fläche einer der Siedlungskerne von Stadtroda zu vermuten ist.“

Alltagsgegenstände aus dem späten Mittelalter

Vor allem spätmittelalterliche Alltagsgegenstände geben nach der Grabung Zeugnis vergangener Zeiten: In erster Linie seien es Keramikscherben des 14. und 15. Jahrhunderts, die aus dem Boden geholt werden konnten. „Ferner Speiseabfälle wie Tierknochen, zum Beispiel von Rind, Schwein, Schaf und Ziege, aber auch Ofenkachelreste und Glasscherben. Es gab zudem wenige Metallfunde wie einen Knopf und eine Gürtelschnalle“, sagt Grabungsleiter Andreas Hummel.

Bevor der DRK-Kreisverband Jena-Eisenberg-Stadtroda sein etwa 11,2 Millionen Euro teures Bauvorhaben umsetzt und ein Wohn- und Pflegequartier auf der Marktquartier-Fläche hochzieht, hatten Anfang März dieses Jahres Mitarbeiter des TLDA mit ersten Bodenuntersuchungen begonnen.

Dort, wo sich mittlerweile die Baugrube befindet, hatten die Archäologen zunächst in einem Bereich gegraben, der durch eine Bebauung in späteren Jahrhunderten nicht gestört gewesen sei. Bei ersten Probeschnitten habe sich schnell gezeigt, dass sich auf gewachsenem Boden tatsächlich eine Schicht befindet, die „sehr viel Material“ aus dem 14. Jahrhundert enthält. „Das heißt, dass das Quartier derzeitigen Schätzungen zufolge um die Jahre 1300 herum sehr intensiv genutzt worden sein muss. Es wurde viel Abfall erzeugt, der in den Boden kam.“ Tim Schüler und Andreas Hummel gehen davon aus, dass es sich bei dem Bereich um Hinterhöfe oder Gärten der Häuser gehandelt haben muss, die einst entlang der Roda und am Markt gestanden haben.

Später, im 16. oder 17. Jahrhundert, seien dann auch Keller angelegt worden. Zwei dieser Keller konnten die Archäologen bei ihrer Grabung nachweisen. „Dabei handelte es sich um einfache Tonnengewölbe, die aus großen, akkurat behauenen Sandsteinquadern bestanden. Die Keller sind zum Teil sehr lange und noch bis in die Neuzeit hinein genutzt worden“, sagt Schüler. Neben den Kellern seien auch Gruben gefunden worden. „Allerdings weniger, als wir in diesem Bereich erwartet hatten.“ Zudem habe es bei der Grabung auch nur wenige Spuren von Brandschäden gegeben – obwohl Roda im Jahr 1638 von einem großen Stadtbrand betroffen war, bei dem unter anderem mehr als 100 Häuser niederbrannten, ebenso wie das Schloss, die Stadtkirche, das Rathaus und die Schulgebäude.

Nach Abschluss ihrer Untersuchungen in dem Bereich, in welchem derzeit die Grundlagen für das Wohn- und Pflegequartier gelegt werden, untersuchten die Archäologen noch ein zweites Areal und zwar am Hang unterhalb der Salvatorkirche. „Dort war uns gar nichts weiter bekannt. Die Fläche schien uns nur interessant, weil der Hang terrassiert ist, oben die Kirche steht und sich das ehemalige Burggelände anschließt“, sagt Tim Schüler. „Wir wussten nur, dass es einen Luftschacht von einem Keller gibt.“ Der Luftschacht sei noch bis zur letzten Stunde mit Müll bestückt worden, bevor er vom Bagger beim Beräumen eingedrückt wurde.

Fast zum Schluss habe sich dann der spannendste Befund aufgetan, sagt Tim Schüler. „Wir haben einen etwa sieben mal fünf Meter großen Keller aus dem 14. oder 15. Jahrhundert freigelegt.“ Der Keller sei komplett intakt gewesen, nur der Zugang war vollständig verfüllt. Sehr hochwertig sei der Keller einst gebaut worden. „Er hat sechs Lichtnischen, drei auf beiden Seiten. Dort konnten Kerzen oder Lampen abgestellt werden.“ Die Archäologen vermuten, dass der Keller zu einem reichen Haus am Markt gehört haben könnte. Ein Gebäude habe nicht über dem Keller gestanden.

Funde sollen in stadtgeschichtlicher Ausstellung gezeigt werden

Ein zweiter Keller ist ebenfalls noch freigelegt worden. Der sei allerdings jüngeren Datums als der andere, zudem schmaler und länger. Ein Haus aber habe auch auf diesem Keller nicht gestanden, der aus präzise gehauenen Sandsteinquadern gebaut worden war.

Schließlich seien die Archäologen in mehr als zwei Metern Tiefe und unter mittelalterlichen Abfallschichten noch auf Fundamentreste gestoßen. Die könnten ersten Annahmen der Wissenschaftler zufolge aus der Zeit vor dem 14. Jahrhundert stammen. „Auf jeden Fall ist es ein interessanter mittelalterlicher Befund aus dem Herzen Stadtrodas“, sagt Andreas Hummel. Die Bearbeitung des Fundmaterials der nun abgeschlossenen Grabung läuft noch. Es könne sein, dass sich nach dem Waschen und bei der Sichtung der Funde noch ältere Keramik offenbart. Eventuell im kommenden Jahr sollen die Funde der Grabung in einer kleinen Ausstellung präsentiert werden. „Natürlich im Kontext der Stadtrodaer Stadtgeschichte“, sagt Schüler.