Standort Saale-Holzland-Kreis: „Was sich Stuttgart wünscht“

Hermsdorf/Eisenberg.  Ist der Saale-Holzland-Kreis so schlecht, wie es „Focus Money“ in seinem großen Vergleich sieht? Wir haben nachgefragt und Daten gesichtet.

Hier brummt die Wirtschaft: In Hermsdorf gab es im vergangenen Jahr etwa 2200 Arbeitsplätze in der Industrie.

Hier brummt die Wirtschaft: In Hermsdorf gab es im vergangenen Jahr etwa 2200 Arbeitsplätze in der Industrie.

Foto: Foto: Tino Zippel

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Zu Beginn des Jahres traute mancher seinen Augen nicht. Besonders im Internet machte eine Focus-Money-Rangliste die Runde. In dem sogenannten Landkreis-Ranking werden alle deutschen Landkreise und Städte anhand einiger wirtschaftlicher Kriterien miteinander verglichen. Der Saale-Holzland-Kreis landete deutschlandweit auf Platz 354 von 374 – immerhin noch vor dem Altenburger Land, dem Unstrut-Hainich-Kreis und dem Saale-Orla-Kreis. Muss man sich also tatsächlich fühlen wie im Land der Roten Laterne?

Der Blick in die Focus-Liste hilft da nicht unbedingt weiter. Arbeitslosenquote, verfügbare Einkommen, Bruttoinlandsprodukte, Erwerbstätigenzahl, Bruttowertschöpfung, Innovationen und Bevölkerung werden da als Kriterien aufgeführt – und auf welchem Platz von 374 der Kreis hier jeweils steht. Hier findet sich das erste Problem: „Andere Standortfaktoren sind ebenfalls von Belang, die hier ausgeblendet werden“, sagt Andreas Freytag, Professor für Wirtschaftspolitik an der Schiller-Uni Jena. Lebenshaltungskosten etwa, Kultur-Angebote oder die Qualität der Infrastruktur. Mit diesen Mängeln sei der Index nur bedingt aussagekräftig.

Eisenberger Wohnungsmarkt eine andere Welt als der in München

Während nämlich die Spitzenreiter wie München oder Augsburg damit punkten können, dass das verfügbare Einkommen dort besonders hoch ist, sieht es bei den Mieten ganz anders aus. In München etwa kostet der Quadratmeter im Durchschnitt mehr als 21 Euro pro Monat. In Eisenberg liegt dieser Wert bei 5 bis 6 Euro. Eine 80-Quadratmeter-Wohnung kostet also in München etwa 1700 Euro, während es in Eisenberg knapp 450 Euro sind. Dieser Unterschied findet sich in der Fokus-Liste nicht wieder, selbst wenn er natürlich nur eine grobe Richtung vorgibt. Das dafür nötige Brutto-Gehalt muss entsprechend deutlich höher sein.

Ohnehin dürfe man nicht bei jeder Statistik, die einem nicht schmeichelt, gleich das Gesamtbild schlechtreden, sagt Janina Kühn. „Was sich Stuttgart wünscht, gibt es hier“, sagt sie und spielt auf die Nähe zur Natur an. Seit Sommer 2019 ist Kühn Leiterin der Geschäftsstelle des Tridelta Campus in Hermsdorf. Über den Verein vertreten die dort ansässigen Unternehmen – nicht nur aus dem Keramik-Bereich – ihre Interessen. Und in Hermsdorf geht es spürbar voran.

Von 2015 bis 2019 stieg die Zahl der Industrie-Arbeitsplätze von 2016 auf 2181, ein Zuwachs von immerhin 8,2 Prozent. Üblicherweise sind Jobs in den Firmen besser bezahlt als in der Dienstleistungsbranche. Die Zahl der Stellen insgesamt ist gleich geblieben, die Industrie hat an Gewicht gewonnen – und die Zahl der Arbeitslosen sank im genannten Zeitraum von 315 auf 205.

Beim verfügbaren Einkommen hängt der Kreis die Stadt ab

Zugleich ist das verfügbare Einkommen pro Einwohner seit der letzten großen Krise 2008 stark gestiegen. Lag es damals bei 16.210 Euro (Einkommen nach Steuern und Sozialleistungen) – 2017 war es auf 19.933 gestiegen (plus 23 Prozent). In Jena lag dieser Wert – auch wegen höherer Arbeitslosenzahlen und mehr Studenten – nur bei 18.650 Euro. Der durchschnittliche Bruttolohn im Kreis ist im gleichen Zeitraum von 20.879 auf 27.740 Euro gestiegen (plus 33 Prozent).

Wichtiges Problem für die Standorte in Hermsdorf und im Rest des Kreises ist die geringe Bekanntheit der Unternehmen. Die meisten Firmen sind Zulieferer und treten für Konsumenten kaum sichtbar in Erscheinung. „Dabei beeinflussen sie in vielerlei Hinsicht das Leben der Menschen, weil sich ihre Technik an ganz vielen Stellen wiederfindet“, sagt Kühn. Hidden Champions heißt das auf Neudeutsch – gemeint sind Firmen mit Weltruf in ihrer jeweiligen Branche. „Und die Unternehmen treiben sich hier gegenseitig an.“

Um qualifizierte Arbeitskräfte zu gewinnen, schaut man immer öfter auch ins Ausland. Nötig sei dann aber auch ein Willkommensservice für Fachkräfte, damit nötige Behördengänge nicht gleich die ersten Urlaubstage kosteten.

Die zahlreichen Daten der Bundesagentur für Arbeit sowie des Landesamtes für Statistik bieten allerlei Interessantes zum Kreis und seinen wichtigsten Städten und Gemeinden. Einige Auszüge wollen wir hier zeigen:

Die Zahl sozialversicherungspflichtiger Arbeitsplätze ist zuletzt vielerorts im Kreis gestiegen – von 2015 bis 2019 in Eisenberg zum Beispiel von 4273 auf 4394, in Stadtroda von 2270 auf 2501. In Hermsdorf sank die Zahl von 4546 auf 4519. Zugleich gab es bei den besser bezahlten Industriearbeitsplätzen einen Zuwachs von 2016 auf 2181.

In den Zahlen verbergen sich auch Kuriositäten: Von den zuletzt 4394 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sind 1724 Männer und 2670 Frauen. Das dürfte seinen Grund darin haben, dass der größte Arbeitgeber der Stadt das Krankenhaus besonders viele Frauen beschäftigt. Ähnlich ist es in Bad Klosterlausnitz: Von 1408 SV-Beschäftigten (2019) waren 945 Frauen und 463 Männer.

Umgekehrt ist es zum Beispiel in Hermsdorf. Von den 4519 SV-Beschäftigten (2019) sind 1641 Männer und 1878 Frauen. Ähnlich in Silbitz: Dank der Gießerei sind von 657 Beschäftigten 540 Männer und nur 117 Frauen.

Die Zahl der Arbeitslosen ist flächendeckend rückläufig. Von 2015 bis 2019 sank sie in Eisenberg von 594 auf 372, in Silbitz von 13 auf 9, in Bürgel von 79 auf 51, in Bad Klosterlausnitz von 59 auf 48, in Dornburg-Camburg von 206 auf 133, in Kahla von 382 auf 241, in Stadtroda von 259 auf 159 und in Hermsdorf von 315 auf 205.

Auf niedrigem Niveau gestiegen ist die Zahl der Ausländer, die sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind. In Eisenberg stieg ihre Zahl 2015 bis 2019 von 64 auf 106, in Bad Klosterlausnitz von 19 auf 33, in Kahla von 40 auf 146, in Stadtroda von 27 auf 101, in Hermsdorf von 64 auf 106. In den anderen Gemeinden war der Anteil entweder rückläufig oder gleichbleibend.

Die Zahl der Menschen mit Nebenjob ist zuletzt im Kreis gestiegen. Von Juni 108 bis Juni 2019 stiegt die Zahl dieser Menschen von 1101 auf 1214. Insgesamt hatten Mitte 2019 etwa 3650 Menschen eine geringfügige Beschäftigung.

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