Stumme Zeugen: Der Biologe Schleiden und sein Denkmal in Jena

Jena  Stumme Zeugen (39): Über den Biologen Matthias Jacob Schleiden und dessen Denkmal im Botanischen Garten

Jena / Botanischer Garten / Denkmal Matthias Jacob Schleiden / Biologe / Foto: Sabine Brandt

Jena / Botanischer Garten / Denkmal Matthias Jacob Schleiden / Biologe / Foto: Sabine Brandt

Foto: Sabine Brandt

An und für sich lohnt sich ein Abstecher in den Botanischen Garten der Universität immer. Dass sich hier aber auch ein stummer Zeuge finden lässt, der an einen großen Biologen erinnert, dürfte vielleicht weniger bekannt sein. Er ist nicht schwer zu finden. Wenn die Tour durch die Gewächshäuser beendet ist, läuft man einfach linker Hand ins Freie und folgt dem breiten Weg gen Norden. Kurz bevor dieser dann wiederum links den Berg hinaufführt, ist das Denkmal aus Kalkstein erreicht. „Schleiden“ ist dort zu lesen und die Jahreszahlen 1804-1881. Darüber ist die Büste des Gelehrten zu sehen. Gemeint ist der gebürtige Hamburger Matthias Jacob Schleiden. Als Sohn des Arztes Andreas Schleiden und dessen Frau Eleonore Sophie kam der spätere Naturwissenschaftler am 5. April 1804 in der Hansestadt zur Welt. Nach dem Besuch des Johanneums und des akademischen Gymnasiums in Hamburg ging der junge Mann zunächst einen anderen Weg. Ab 1824 studierte er in Heidelberg Jura, promovierte sich dort zwei Jahre später und verließ die Universität 1827 in Richtung seiner Heimat, wo er fortan als Advokat tätig war.

Schleiden hatte wohl mit Depressionen zu kämpfen, die ihm beinahe zum Verhängnis geworden wären. 1832 scheitert während einer solchen Phase ein Selbstmordversuch. Anschließend entschied sich Schleiden zu einer Kehrtwende in seinem Leben. Er begann nochmals ein Studium, dieses Mal das der Medizin und Botanik in Göttingen.

Während dieser Zeit kam er mit den Lehren von Jacob Friedrich Fries in Kontakt. 1835 folgte der Wechsel an die Universität in Berlin, da dort der Onkel des Hamburgers, Johannes Horkel, als Professor für vergleichende Physiologie tätig war. Hier wurde Schleiden vor allem durch die Arbeiten des britischen Botanikers Robert Brown beeinflusst, der 1831 den Zellkern entdeckt hatte und auf die Wichtigkeit von mikroskopischen Beobachtungen verwies.

In Schleiden wuchs die Überzeugung, dass jede Entwicklung einer Pflanze in einer Zelle beginnen würde. Nachdem sein Studienkollege Theodor Schwann mit seiner Zelltheorie für Aufmerksamkeit in der Fachwelt sorgte, wollte der junge Mann aus Hamburg selbst ebenfalls Physiologe, also Zellforscher, werden.

Doch die dunklen Tage in seinem Leben waren keineswegs verschwunden. Schleiden hatte sich bei den Hochschulen in Halle an der Saale, St. Petersburg und selbst im indischen Kalkutta beworben. Überall erhielt er eine Absage, hinzu kamen private Probleme, die zum Jahresende 1838 einen weiteren Suizidversuch zur Folge hatten. Auch dieser blieb zum Glück erfolglos.

Anschließend halfen seine Familie und Freunde am Weimarischen Hof, dass der Weg des Wissenschaftlers an die Saale nach Jena gelenkt wurde. Hier promovierte er 1839 erneut und erhielt ein Jahr später eine außerordentliche Professur. Schleiden referierte nicht nur über die Allgemeine Botanik, sondern auch über den „Gebrauch des Mikroskops“ und später über die „Anthropologie“.

1845 gründete er in Jena sein physiologisches Privatinstitut, in dem unter anderem chemische Übungen mit dem Mikroskop angeboten wurden. Einer seiner berühmtesten Schüler aus dieser Zeit war sicher Carl Zeiss, der eben ein solches Praktikum bei Schleiden absolvierte. Ihm war der begabte Zeiss aufgefallen, sodass der Institutsdirektor dem aufstrebenden Unternehmer Zeiss den Tipp gab, sich vor allem auf die wissenschaftlich begründete Herstellung von Mikroskoplinsen zu konzentrieren.

Carl Zeiss befolgte den Hinweis, was ihn später mit Ernst Abbe zusammenbrachte, der die weiteren Grundlagen für den Erfolg des Zeiss’schen Unternehmens legte. Doch zurück zu Matthias Jacob Schleiden. Dieser erhielt 1849 eine ordentliche Professur an der Medizinischen Fakultät der Universität Jena. Ein Jahr später bot sich ihm dazu die Chance, seine Forschungen im neugegründeten „Lehrstuhl für Naturgeschichte“ voranzutreiben. Zudem schien es ihm auch an der Saale gefallen zu haben, denn Schleiden lehnte Rufe nach Bern, Gießen, Erlangen oder Berlin ab.

Mit seinem Werk „Grundzüge der wissenschaftlichen Botanik“, welches in dieser Zeit entstanden war, schuf der Biologe ein Standardwerk für die damalige Wissenschaftswelt. In den Folgejahren übernahm Schleiden auch noch Lehrveranstaltungen im Pharmazeutischen Institut.

Erst 1863 kam es zum Bruch mit der Uni. Ein Jahr zuvor hatte Schleiden während eines Kuraufenthalts in der Sächsischen Schweiz in Dresden öffentliche Vorträge gehalten. An sich war das nichts Neues, denn der Wissenschaftler tat dies auch in Jena. Seine Vorträge an der Elbe brachten aber den Jenenser Regierungsbevollmächtigten auf den Plan, der Schleiden rügte, woraufhin dieser sein Entlassungsgesuch schrieb und sich nach Dresden zurückzog, um ein anthropologisches Handbuch zu schreiben.

Dazu kam es aber nicht, denn Schleiden ging für ein Semester an die Universität Dorpat in Livland, kam dann aber wieder nach Dresden zurück. Hier arbeitete er als Privatgelehrter an kulturhistorischen und anthropologischen Studien. Später zog es ihn nach Frankfurt am Main, Darmstadt und Wiesbaden. In den 1870er Jahren sprach er sich zudem für die Gleichberechtigung der jüdischen Mitbürger aus. Am 23. Juni 1881 starb Matthias Jacob Schleiden in Frankfurt am Main.

In Jena hatte man ihn nicht vergessen und so kam es, dass auf Initiative eines Komitees, das sich im Herbst 1903 aus Wissenschaftlern der Universität Jena gegründet hatte, der Plan für ein Denkmal reifte. Es wurde ein Rundbrief an Schüler und Freunde Schleidens sowie namhafte Institute geschickt, der zu Spenden für das Vorhaben aufrief. Ziel war es, nach dem 100. Geburtstag Schleidens das steinerne Monument der Öffentlichkeit zu präsentieren. Die unbekannte Summe war jedenfalls schnell zusammengekommen. Unter anderem spendeten der Großherzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar-Eisenach, ein Mitglied des Senats aus Hamburg, das preußische Kultusministerium und natürlich zahlreiche Privatpersonen.

Anschließend wurde der damals in Breslau lehrende Bildhauer Professor Ignatius Taschner mit der Ausarbeitung des Denkmals betraut. Pünktlich konnte alles fertiggestellt werden.

Die Weihe des Steins war für Samstag den 18. Juni 1904 geplant, also ziemlich genau vor 115 Jahren. Der Tag begann zunächst in der Kollegienkirche, da unter anderem auch noch die akademische Preisverleihung in diesem Zusammenhang stattfand. Neben der Studentenschaft waren auch zahlreiche Hochschullehrer anwesend, dazu geladene Ehrengäste und Angehörige Schleidens. Der damalige Professor für Botanik, Ernst Stahl, hielt die Festrede. Anschließend wollte die Festgesellschaft eigentlich vom Collegium aus direkt in den Botanischen Garten zur Denkmalsweihe laufen, was allerdings durch starken Regen verhindert wurde. Also entschied man sich, das Ganze auf 16 Uhr zu verschieben. Leider war dann aber das Resultat nicht wirklich günstiger. Das Wetter hatte sich zwar gebessert, dafür fehlte das Publikum. Das „Jenaer Volksblatt“ berichtet in seiner Ausgabe vom 21. Juni 1904, dass „kaum ein Dutzend Personen“ bei der Weihe zugegen gewesen seien. Dafür waren diese wenigen Personen aber extra nach Jena gekommen. Vertreter der Königlich Preußischen und der Königlich Bayerischen Akademie der Wissenschaften legten Kränze nieder, dazu Vertreter der Universität Jena. Seinen Ausklang fand der Tag mit einem Fest im großen Saal des Volkshauses. Übrigens erhielt die „Schleidenstraße“ just in jenen Junitagen des Jahres 1904 ebenfalls ihren Namen.

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