Stumme Zeugen Jenas: Wie Bismarck gehuldigt wurde

Jena  Stumme Zeugen (23) – viele sind dem Reichskanzler gewidmet

die Bismarckeiche Foto:

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Foto: zgt

Wenn man mit aufmerksamen Augen Jena und seine Umgebung durchstreift, finden sich etliche kleine und große stumme Zeugen, die einem Mann gewidmet sind: Otto von Bismarck. In der Saalestadt schien man dem einstigen Reichskanzler eine besondere Liebe entgegengebracht zu haben. Wie anders wären sonst die vielen Denkmale in unserer Stadt zu verstehen? Da es zu viele für einen Beitrag sind, wird zu späterem Zeitpunkt nochmals auf den „eisernen Kanzler“ in einem weiteren Teil der Serie eingegangen. Neben dem Bismarck-Brunnen am Markt, einem weiteren Brunnen im Großen Innenhof des Uni-Hauptgebäudes und der Plakette am „Schwarzen Bären“ sind für den heutigen 23. Teil unserer Serie vor allem zwei weitere Denkmale interessant.

Am ersten sind viele mit Sicherheit schon irgendwann einmal vorbeigelaufen oder gefahren. Dass es sich hierbei überhaupt um ein Denkmal handelt, kann man nur allzu leicht übersehen. Verständlich, denn es geht dabei um einen ganz normalen Baum – immerhin eine Eiche, um die sich fast sprichwörtlich alles dreht. In vergangenen Jahrhunderten war es „der“ Baum der Germanen und später der Deutschen, der nicht nur wegen seines harten Holzes sondern auch wegen des erst spät fallenden Laubes als Symbol für Unsterblichkeit und Standhaftigkeit galt.

Zu finden ist das Denkmal recht einfach. Man folgt einfach der Knebelstraße am einstigen Neutor vorbei, bis in den Kreisel hinein. Hier ist gleich die erste Ausfahrt das Ziel. Gegenüber des Zebrastreifens, auf der linken Seite, befindet sich der mehr als 100 Jahre alte Baum, der auch Bismarckeiche heißt. Alternativ wäre der Weg auch von der Ernst-Haeckel-Straße möglich. Der Baum steht dann rechts vor dem Kreisverkehr.

Äußerlich unterscheidet er sich natürlich nicht von seinen Artgenossen, auch verweist kein Schild auf den berühmten Namensgeber. Wie kam es also zu dieser patriotischen Pflanzung? Otto von Bismarck wurde 1815 am 1. April in Schönhausen geboren. Zu seinem 70. Geburtstag 1885 war er nicht nur der „Reichseiner“, sondern auch ein weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannter Politiker. Entsprechend überschwänglich wurde das runde Jubiläum überall im Deutschen Reich begangen. In Berlin etwa gab es eine große Festveranstaltung und auch in den kleineren Städten wie Jena wollte man dem „eisernen Kanzler“ gratulieren und seiner gedenken. Die „Jenaische Zeitung“ vom 3. April 1885 berichtet recht ausführlich über das Ereignis. Schon am Morgen des 1. Aprils seien die ganze Stadt und alle Berghäuser in der Umgebung mit Flaggenschmuck verziert worden.

Mit einem Frühschoppen und Musik begann das Fest, gegen 17 Uhr wurde dann eine Bismarck-Eiche am heutigen Ort gepflanzt, natürlich unter zahlreichen Teilnehmern wie Studenten, Bürgern, Militär, Beamten und Angehörigen der Universität. Gegen 20 Uhr folgte der Höhepunkt: im Engelsaal hatten sich gut 600 Personen eingefunden, um die Feier bei Hochrufen auf den Kaiser, Bismarck und das deutsche Heer gebührend ausklingen zu lassen. Dies war übrigens nicht die einzige Eiche, die an diesem Tag im Namen des Reichskanzlers in Jena gesetzt wurde. Auch die hiesige Schützengesellschaft und die Fuchsturmgesellschaft tätigten eigene Pflanzungen. Seit mehr als 130 Jahren steht nun die zentral gelegene Eiche noch immer an ihrem Platz und trotzte bis heute allen Widrigkeiten die das Wetter zu bieten hat.

Das zweite Denkmal findet sich am Tatzend und ist ebenfalls recht einfach zu erreichen. Man folgt einfach dem Forstweg. Kurz bevor dieser in den Wald eintaucht stehen linker Hand zwei Steine. Ein größerer in einer Anlage, ein kleinerer in direkter Nachbarschaft. Heute zeigen diese stummen Zeugen wieder, warum sie dort stehen, nämlich als Erinnerung an den 30. Juli 1892. Damals besuchte der Ex-Reichskanzler Otto von Bismarck die Saalestadt und besah sich von der auch heute noch schönen Anhöhe nicht nur die Landschaft, sondern vor allem die eigens für ihn entzündeten Freudenfeuer auf den Jenaer Bergen. Zum Andenken an diesen Moment wurde wenige Monate nach dem Besuch zumindest der kleinere der Steine gesetzt. Wann die benachbarte Anlage hinzu kam, ist unklar. Die „Jenaische Zeitung“ schreibt in ihrer Ausgabe vom 22. September 1892, dass ein sechs Tonnen schwerer und etwa 80 Zentimeter hoher Granitblock aus dem Fichtelgebirge von der Firma Gebrüder Frank in Kirchenlamitz, nördlich von Wunsiedel, gestiftet wurde. Auf seiner Vorderansicht befand sich eine geschliffene Granitplatte mit der Aufschrift „Fürst Bismarck / 30.7.92.“. Bei dem größeren Stein mit der gleichen Inschrift handelt es sich nach der Expertenmeinung des Ammerbacher Steinmetzes Eberhard Kalus um einen Quarzfindling, der aus der Gegend von Bobeck an seinen jetzigen Platz gebracht wurde.

Bis Ende der 1960er Jahre sollen die Originalplatten an beiden Denkmalen noch vorhanden gewesen sein, danach vielen sie wohl wie etliche andere dem Zeitgeist der DDR zum Opfer.

120 Jahre nach dem Besuch Bismarcks entschloss sich die Berggesellschaft Forsthaus den verwaisten Steinen ihre Identität zurückzugeben. Damals wurde die Steinmetzfirma Kalus mit der Nachfertigung der Tafeln beauftragt, die seitdem den Wanderern und Besuchern wieder erklären, für wen die beiden Steine aufgestellt wurden und an wen sie erinnern sollen.

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