Stumme Zeugen: Tafel in Closewitz erinnert an letzten Kriegstoten

Closewitz/Lützeroda  Stumme Zeugen (27): Tafel in Closewitz erinnert an einen der letzten Toten des 1. Weltkriegs

Jena / Closewitz / Denkmal Serie / Immanuel Voigt /

Jena / Closewitz / Denkmal Serie / Immanuel Voigt /

Foto: Immanuel Voigt

In diesen Tagen wird vielerorts an das Ende des Ersten Weltkrieges erinnert, das am 11. November vor genau 100 Jahre besiegelt wurde. Das Erinnern ist gerade in politisch unruhigen Zeiten wichtig, zeigt es doch, wie Millionen von Menschen umsonst auf den Schlachtfeldern Europas verbluteten.

Auch in den letzten Kriegstagen litten nicht nur die Menschen in der Heimat, es wurde nach wie vor im Feld gestorben. Deutsche Truppen waren an der Westfront wenige Tage vor dem Kriegsende noch immer in Rückzugsgefechte mit Franzosen, Briten und Amerikanern verwickelt. So manche Familie in der Heimat traf damals das harte Los, das so viele Familien aus allen kriegführenden Nationen erleiden mussten: Der Vater, Sohn oder Bruder war gefallen. An eines dieser tragischen Schicksale erinnert auch ein Denkmal ganz in der Nähe von Jena, mit dem sich heute unsere Serie befasst.

Wer die Saalestadt in Richtung Norden verlässt und noch vor Zwätzen in westlicher Richtung in das Rautal einbiegt, gelangt immer bergauffahrend und die Schlachtfelder von 1806 im wahrsten Sinn des Wortes links liegenlassend alsbald nach Closewitz. Biegt man nun nach links in Richtung Lützeroda ab, findet sich keine Minute später auf der rechten Seite etwas versteckt die alte Dorfkirche des Ortes. Davor steht ein Denkmal für die Männer des Dorfes, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind. Soweit ist das nichts Ungewöhnliches, solche Erinnerungssteine finden sich in fast jedem Dorf und jeder Stadt in Deutschland. Der Blutzoll von zwei Millionen Männern hinterließ überall seine Wunden. Hat man allerdings einmal die Chance und kann einen Blick in die Kirche werfen, so fällt einem unweigerlich die große Gedächtnistafel aus Marmor auf, die über einem Relief an der Wand sitzt. Bekrönt von Eichenlaub und dem Eisernen Kreuz ist auf ihr zu lesen: „Zum Gedächtnis an / Felix Seidler / Obltn. d. R. u. stellvertr. Führer des Inf. Reg. 134 / Inhaber des E.Kr. II u. I u.a. O. / gefallen d. 7. Nov. 1918 b. Berchem / den heldenhaften Führer seiner Leute, den über alles geliebten Sohn u. Gatten / Die Liebe höret nimmer auf“.

Wer war der Oberleutnant der Reserve Felix Seidler? Familie Seidler stammte ursprünglich nicht aus Closewitz. Der Vater von Felix, Oskar Seidler, kam im Frühjahr 1875 von Tiefengruben bei Bad Berka in den kleinen Ort, nachdem die Dorfschule fertiggestellt wurde. Er war der erste Lehrer des Ortes, der bis zu seiner Pensionierung 1919 als Lehrer im Dorf blieb und anschließend auch seine Altersruhe zusammen mit seiner Frau Ottilie hier verlebte, mit der er 1929 die Goldene Hochzeit feierte. Felix Seidler war der einzige Sohn, er wurde am 24. September 1883 in Closewitz geboren. Ob er noch Schwestern hatte, bleibt unklar.

Nach seiner Schulzeit begann er eine Ausbildung zum Bankkaufmann. Zwischenzeitlich leistete er wie alle jungen Männer im Kaiserreich seinen Militärdienst. 1911 folgte die Beförderung zum Leutnant der Reserve.

Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges rückte Felix Seidler mit dem Königlich-Sächsischen 10. Infanterie-Regiment Nr. 134, das im vogtländischen Plauen beheimatet war, als Offizier ins Feld. Wie die Gedenktafel nahelegt, war er nun auch verheiratet.

Seidler folgte dem Regiment an alle Fronten und kämpfte über vier Jahre Seite an Seite mit seinen Kameraden. Mitte November 1916 zum Oberleutnant der Reserve befördert und hoch dekoriert, kam schließlich der verhängnisvolle 7. November 1918. Das Infanterie-Regiment Nr. 134 befand sich im flandrischen Teil Belgiens auf dem Rückzug, nahe dem kleinen Ort Barchem, etwa 25 Kilometer östlich von Kortrijk. Immer wieder wurden die deutschen Truppen in Gefechte mit den Franzosen verwickelt. Gegen 16 Uhr verließ Felix Seidler, er führte damals das I. Bataillon des Regiments, seinen Gefechtsstand, als plötzlich eine Granate unmittelbar neben ihm einschlug. Als einziger seines Stabes fiel er an diesem Tag. Die Tragik dieser Situation zeigt sich vor allem darin, dass Seidler die Order hatte sein Bataillon gegen 18 Uhr von der Front abzuziehen. Danach kam es nicht mehr ins Gefecht.

Der Closewitzer hatte den Frieden also um zwei Stunden verpasst und starb mit 35 Jahren den „Heldentod fürs Vaterland“ als letzter Toter seines Regiments. Die Männer bargen seine Leiche. Am 12. November erreichte das Regiment den kleinen Ort Hoeillard bei Brüssel. Hier begrub man Felix Seidler auf dem örtlichen Friedhof.

Wie emotional die Zeremonie gewesen sein muss, schildert einer seiner Kameraden. Nachdem der schlichte Holzsarg in das Grab gesenkt wurde, schreibt er: „Um ihn standen die Männer, die lange gefahrdurchwogte Jahre hinter sich hatten, die hart geworden waren im Dienste für ihr altes Vaterland, und weinten; jedem rannen die Tränen aus den Augen, die wohl jahrelang keine Träne vergossen hatten!“ Felix Seidler war bei seinen Untergebenen ein beliebter Vorgesetzter.

Heute ruht der Closewitzer auf dem deutschen Soldatenfriedhof im belgischen Vladslo. Das Gefallenendenkmal vor der Closewitzer Kirche führt ihn als letzten Sohn des Dorfes, der sein Leben im Krieg ließ. Sein Schicksal steht stellvertretend für Millionen Tote des Ersten Weltkrieges, die uns daran erinnern, was Krieg bedeutet und wie wertvoll der Friede ist, den wir seit über 70 Jahren in Deutschland genießen dürfen.

Der Autor bedankt sich bei Rüdiger Grunow und Stefan Langheinrich für die Hilfe und die wertvollen Informationen.

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