Suchtberaterin aus dem SHK warnt vor Cannabis-Legalisierung

Eisenberg/Jena  Debatte um mögliche Legalisierung von Cannabis-Produkten: Suchtberaterin warnt vor Mehrfachabhängigkeiten

Nicht nur wie hier auf einer Hanfparade wollen viele gerade junge Leute eine Legalisierung von Cannabis. In der Eisenberger Suchtberatung weiß man um Wirkung und Gefahren der Substanz, die nicht immer isoliert konsumiert wird, sondern oft im Zusammenhang mit anderen.

Nicht nur wie hier auf einer Hanfparade wollen viele gerade junge Leute eine Legalisierung von Cannabis. In der Eisenberger Suchtberatung weiß man um Wirkung und Gefahren der Substanz, die nicht immer isoliert konsumiert wird, sondern oft im Zusammenhang mit anderen.

Foto: Kay Nietfeld/dpa

Am zweiten Septembersonntag erwischte die Polizei in Weimar einen 22-jährigen Autofahrer: Verdächtigt wurde der Mann, unter dem Einfluss von Drogen zu stehen – und ein Test schlug an. Der Mann hatte Cannabis konsumiert. Fahrverbot und eine Anzeige sind die Folge. Ein paar Tage später muss ebenfalls im Raum Weimar jemand mit einer Anzeige rechnen, weil er Marihuana-Pflanzen selbst angebaut hat. In etlichen US-Bundesstaaten, in den Niederlanden und seit neuestem auch in Luxemburg ist das anders – dort hat man die Substanz im Lauf der Jahre immer weiter legalisiert, teils vollständig, teils unter medizinischer Aufsicht.

Geht es zum Beispiel nach den Jugendorganisationen der FDP, der SPD, der Linken und den Grünen, soll sich das ändern. So schreiben zum Beispiel die Jungen Liberalen in ihren Argumenten zur vergangenen Bundestagswahl: „Das Verbot von Cannabis im Vergleich zu Alkohol und Tabak hat rein historische und kulturelle Gründe, entbehrt allerdings jeglicher wissenschaftlicher Grundlage.“

Hunderte Anzeigen in Jena und dem SHK

Die Grünen fordern, Drogenkonsumenten nicht zu kriminalisieren. Der riesige Schwarzmarkt zeige das Scheitern repressiver Politik. Stattdessen will man das Selbstbestimmungsrecht der Bürger betonen und so Zweige der organisierten Kriminalität austrocknen – hunderte Anzeigen verbucht die Polizei allein rund um Jena (siehe Tabelle) im Zusammenhang mit Cannabis.

Ganz anders die AfD. Der sächsische Landtagsabgeordnete André Barth mahnt: „Vom ersten Joint bis zum Konsum von Crystal oder Heroin ist es oft nur ein kleiner Schritt.“ Und unterstellt der politischen Konkurrenz, Wähler gefügig machen zu wollen: „Möglicherweise geht es den Grünen auch genau darum. Einer zugedröhnten Nation kann man leichter grüne Moral-Politik verkaufen.“ In der CDU lehnt man die Legalisierung ebenfalls ab, wenn auch einzelne Abgeordnete fordern, man solle doch zumindest räumlich begrenzt versuchen, die Auswirkungen zu verstehen.

Angesprochen auf die Diskussion, atmet Franka Zobel tief durch. Auf der politischen Ebene will sich die Leiterin der Psychosozialen Beratungsstelle in Eisenberg nicht einmischen. Die Leiterin der Psychosozialen Beratungsstelle des Vereins Wendepunkt kennt sich aus mit Suchtberatung: Mehr als 500 Fälle aus der Region haben sie und ihr Team im vergangenen Jahr beraten – ob sie nun aus freien Stücken den Weg gesucht haben oder etwa von der Jugendgerichtshilfe verdonnert wurden. Ausgerechnet Cannabis zu legalisieren, hält sie für willkürlich. Medizinischer Gebrauch sei etwas anderes, der geschehe unter medizinischer Aufsicht. „Aber der medizinische Nutzen ist aktuell nicht durch Langzeitstudien belegt.“ Natürlich werde nicht jeder Konsument zum Problemfall.

Doch leiste der Missbrauch von Cannabis-Produkten mit dem Wirkstoff THC psychischen Erkrankungen erfahrungsgemäß Vorschub. Soll heißen: Wer eine Veranlagung für solche Erkrankungen hat, bei dem werden sie durch Cannabis-Missbrauch leichter ausgelöst. „Gerade im Mischkonsum ist es ein Verstärker für die Wirkung anderer Suchtmittel.“ Von den 405 bisher in diesem Jahr behandelten Fällen seien 285 auch von THC betroffen. „Es geht selten um nur eine Abhängigkeit“, so Zobel. Meistens seien es Mehrfachabhängigkeiten – wobei Zigaretten oder Kaffee als Suchtmittel kaum noch wahrgenommen würden.

Meth zum Aufputschen, Cannabis soll entspannen

„Es ist durchaus gängig, dass Crystal Meth oder Ecstasy zum Aufputschen genommen werden und Cannabis zum Runterkommen.“ Dieses Phänomen nehme seit Jahren zu – gerade im Osten sei man von Meth viel stärker betroffen. Das liegt auch an der räumlichen Nähe zu Tschechien, wo ein Großteil der Produktion herkommt. „Jeder Mensch hat sensible Phasen in seinem Leben.“ Dann sei man besonders empfindlich. Und dann könnte Cannabis genau wie Alkohol und andere Suchtmittel bei Missbrauch viel Schaden stiften.

Die Zahl der Toten und Schwerkranken durch Alkohol erreicht Cannabis nicht – körperliche Schäden führt Franka Zobel größtenteils darauf zurück, dass die Substanz meist mit Tabak gemischt geraucht wird. Vor Unfällen bewahrt das die Konsumenten allerdings nicht, wenn die sich nach dem Rauchen ans Steuer setzen (siehe Tabelle unter dem Artikel).

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