Tag des Grabsteins: Ein Ort voll Erinnerungen, Natur und Geschichte in Eisenberg

Eisenberg.  Zum Tag des Grabsteins am 17. Oktober unterwegs auf dem evangelischen Friedhof in Eisenberg.

Am Rand der Kreisstadt: Der Friedhof von Eisenberg ist Teil des Unesco-Kulturerbes deutsche Friedhofskultur und rückt zum Tag des Grabsteins am 17. Oktober ins Blickfeld,

Am Rand der Kreisstadt: Der Friedhof von Eisenberg ist Teil des Unesco-Kulturerbes deutsche Friedhofskultur und rückt zum Tag des Grabsteins am 17. Oktober ins Blickfeld,

Foto: Angelika Munteanu

Großen Erwartungen beugt Ute Seifarth gleich vor: „Großartige Grabsteine, die denkmalwürdig sind, haben wir nicht. Aber eine Reihe alter Grabmale, die wir pflegen und die vielleicht einmal noch Denkmäler werden“, sagt die Verwalterin des evangelisch-lutherischen Friedhofs in Eisenberg.

Dennoch ist der Friedhof in der Kreisstadt nicht nur ein Ort des Gedenkens, sondern zugleich Denkmal, erst recht als Teil der deutschen Friedhofskultur, die in diesem Jahr in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Unesco-Kulturerbes aufgenommen wurde.

„Ein Friedhof erzählt Geschichte“, weiß Ute Seifarth. Belege dafür sind alte Kreuze für Kriegsgefallene aus Eisenberg. Oder auch die Gräber aus der Zeit der Wirtschaftsblüte vor dem Ersten Weltkrieg. Dem einstigen Eisenberger Klavierlederfabrikanten Eduard Wilhelm Geyer ist tatsächlich ein großes Denkmal gewidmet, gleich am Eingang zur Friedhofsallee. Die Grabstätte des Fabrikanten, dessen Stiftungsgelder von der Stadt Eisenberg verwaltet werden, hatte Steinmetz Thomas Haase vor Jahren restauriert. Gepflegt wird sie von der Stadt.

Auch die eigene Lebensgeschichte von Ute Seifarth ist Teil des neuen Kulturerbes. Die hat sie seit ihrer Geburt bis vor kurzem im Haus des Friedhofsverwalters verbracht. Das Eingangsensemble mit dem Verwalterhaus und der Friedhofskapelle, die mit einem markanten Torbogen als Eingang verbunden sind, stehen längst unter Denkmalschutz. Die Kapelle mit ihren Bleiglasfenstern war im Jahr 1910 für 60.000 Goldmark erbaut worden.

Ein Friedhof erfüllt aus Sicht der Verwalterin viele Aufgaben. „Vor allem ist er ein Ort der Trauerbewältigung. Hier treffen sich Leidensgefährten, die Angehörige oder Freude verloren haben – und mitunter finden sie so auch wieder neue Lebensgefährten“, berichtet Ute Seifarth. Zugleich bedauert sie, dass die Tradition an Bedeutung verliere, dass Angehörige die Gräber ihrer Verstorbenen selbst pflegen. „Die Familien leben heute dezentralisiert und die Pflege großer Familiengräber können sich viele auch nicht mehr leisten“, weiß die Verwalterin.

„Wenn ältere Herrschaften eine Generation lang ein Grab gepflegt haben und das nicht mehr schaffen, dann nehmen wir diese Last ab.

Pläne für die „Hochmutsallee der Betuchten“

Doch generell verliere die Tradition Friedhof in den meisten Familie den einstigen Stellenwert. Nicht zuletzt eine Frage des Geldes und mitunter auch des Geschmacks. „Handgefertigte Grabsteine sagen etwas über den Verstorbenen aus.. Viele hier haben Baumarkt-Qualität und werden lediglich als Namensträger betrachtet.“ Holz-Grabmäler sind zwar zugelassen, aber in Eisenberg nicht zu finden. „Granitsteine sind der Renner, doch polierte Steine können keine Patina ansetzen. Dabei sind moosige Sandsteine, mit Efeu bewachsen, doch etwas Wunderschönes.“ Ein einziger Grabstein auf dem Eisenberger Friedhof trägt das Bild der Verstorbenen – so wie es auf katholischen oder auch orthodoxen Friedhöfen üblich ist. Eigentlich sei das in Thüringen nicht gestattet, da dies nicht zur Trauerbewältigung beitrage, sagt die Verwalterin.

Auch für die Natur seien Friedhöfe ein wichtiger Beitrag. „Sie sind Parkanlagen. In Großstädten mitunter das einzige Grün“, sagt Ute Seifarth. Hier treffen sich Eichhörnchen und Hasen. Die Wildschweine, die vor zwei Jahren auf Nahrungssuche Gräber verwüstet hatten, waren unerwünschte Gäste und sind dank nachgerüsteter Umzäunung nun ausgesperrt. Damit der Eisenberger Gottesacker ein Naturfriedhof bleibt, gibt es spezielle Gestaltungsrichtlinien für Gräber.

„Viele Besucher kommen aus der Nachbarschaft auch zu Spaziergängen unter den alten Bäumen hierher“, berichtet die Verwalterin. Dafür steht der Gottesacker stets offen. Und die „Hochmutsallee der Betuchten“, von denen es noch selten Nachfahren gibt, die sie um die Grabstätten kümmern, soll in der Zukunft schrittweise zu einer zentralen Grünzone mitten im Friedhof umgestaltet werden.

ZUR SACHE: Das Unesco-Kulturerbe Friedhofskultur in Deutschland

- Die Friedhofskultur in Deutschland ist immaterielles Kulturerbe.

- Auf Empfehlung der Deutschen Unesco-Kommission beschloss im März 2020 die Kultusministerkonferenz die Aufnahme der deutschen Friedhofskultur in das Bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes.

- Dieses immaterielle Erbe umfasst nicht die Friedhöfe an sich, sondern die „lebendigen Ausdrucksformen, die von menschlichem Wissen und Können getragen, von Generation zu Generation weitervermittelt und stetig neu geschaffen und verändert werden“, wie es die deutsche Unesco-Kommission formuliert.

- In Bezug auf die Friedhofskultur betrifft dies zwei große Themenfelder: Zum einen geht es darum, was wir auf dem Friedhof tun: trauern, erinnern und gedenken sowie gestalten, pflegen und bewahren. Zum anderen würdigt die Ernennung zum Erbe den vielfältigen Wert der Friedhofskultur für unsere Gesellschaft: kulturell, sozial oder historisch, aber auch in Bezug auf Klima- und Naturschutz, gesellschaftliche Integration oder nationale Identität.