Verschuldung vermeiden - Projekt in Hermsdorf

Viele Verlockungen führen dazu, dass immer mehr Jugendliche schon hoch verschuldet sind. Bei der AWO in Hermsdorf gibts ein Projekt, das solchen Fällen vorbeugen will und Beratung anbietet.

Eine Beratung im Projekt Schuldenprävention für Jugendliche in Hermsdorf. Sozialpädagoge Nicolas Kühnert (links) ist hat den 23-jährigen Klienten zur Erstberatung begleitet. Rechts Beraterin Petra Rohowsky.  Foto: Claudia Bioly

Eine Beratung im Projekt Schuldenprävention für Jugendliche in Hermsdorf. Sozialpädagoge Nicolas Kühnert (links) ist hat den 23-jährigen Klienten zur Erstberatung begleitet. Rechts Beraterin Petra Rohowsky. Foto: Claudia Bioly

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Hermsdorf. Schulden sind ein Problem, das nicht nur Länder in die Bredouille bringt oder Leute im mittleren Alter. Immer mehr Jugendliche sind schon verschuldet weil sie den Verlockungen der Konsumwelt erliegen, aber den richtigen Umgang mit Geld und Verträgen nicht gelernt haben. Bei vielen geht es los, wenn sie 18 sind, wenn sie den ersten Handyvertrag abschließen und dann unbedacht einen Haufen teures Zeug runterladen. Einige stecken sogar schon vor dem 18. Geburtstag in Schulden nämlich bei den Eltern oder bei Freunden. Andere nehmen gleich mit 18 einen Kredit auf, um so schnell wie möglich, Möbel, Klamotten, ein Auto oder einen Flachbildfernseher zu kaufen, ohne sicher zu sein, dass sie die Raten regelmäßig abbezahlen können.

Fall 1: Ein junger Mann, der innerhalb von zwei Jahren Schulden von über 13 000 Euro bei 25 Gläubigern angehäuft hat. Mit 18 bei der Pflegefamilie aus- und in eine eigene Wohnung eingezogen. Falscher Umgang, wie man so sagt. Miet- und Stromschulden laufen auf. Dazu der Konsumdruck, angesagte Klamotten und Schuhe müssen her, das neueste Handy. Drogen. Absturz. Die Schulden laufen weiter und wachsen.

Fall 2: Eine junge Frau, die auf einer Messe eigentlich nur eine kostenlose Prepaidkarte mitnehmen wollte und einen Vertrag unterschrieben hatte. Der aber enthielt, wie sie erst später feststellte, einen neuen Handyvertrag und dazu ein Zeitschriften-Abo. Vom Konto wurde plötzlich regelmäßig Geld abgebucht, mehr als sie verkraften konnte. In zwei Jahren wäre sie mit mehreren tausend Euro verschuldet gewesen, das war schon absehbar.

Petra Rohowsky kennt viele solcher Fälle. Sie berät bei der Arbeiterwohlfahrt in Hermsdorf junge Leute im Rahmen eines Projekts, das den langen Namen "Förderung und Unterstützung Jugendlicher zwischen 18 und 25 Jahren bei der Schuldenprävention und Hilfe bei Überschuldung" trägt.

Das Projekt ist ehrenamtlich, Frau Rohowsky berät außerhalb ihrer 30 Wochenstunden, die sie als Verwaltungsfachkraft für die beiden Beraterinnen der AWO-Schuldner- und Verbraucherinsolvenzberatungsstelle angestellt ist. Starten konnte das Präventionsangebot 2010 dank einer 1200-Euro-Anschubfinanzierung von der Sparkassenstiftung. Das Geld reichte acht Monate (u. a. für Flyer, Fahrtkosten, Aufwandsentschädigung, Büromaterial...). Danach spendierte der AWO-Ortsverein Eisenberg 600 Euro für weitere sechs Monate bis Dezember 2011.

Ob das Projekt im kommenden Jahr weitergeführt werden kann, hängt davon ab, ob neue Sponsoren gefunden werden. "Das Projekt würde sonst zum Jahresende auslaufen", erklärt Angelika Müller vom Fachbereich Soziale Dienste des AWO-Kreisverbands. "Aber die Frequentierung ist so hoch, dass das nicht passieren darf. Viele Jugendliche würden sonst wieder ohne Hilfe dastehen."

Es müssen keine vierstelligen Summen sein, "selbst 50 Euro helfen uns schon, wenn viele etwas geben", wendet sich Angelika Müller an mögliche Sponsoren. Firmen, Institutionen oder Privatleute: Wer vor Weihnachten noch etwas Gutes tun will hier wäre noch ein möglicher, regionaler Adressat.

In den beiden beschriebenen Fällen konnte geholfen werden. Der junge Mann lebt wieder in einer eigenen kleinen Wohnung. Seit er bei Frau Rohowsky in Beratung ist, kamen keine neuen Gläubiger dazu. Die wichtigsten bedient er mit kleinen Raten. Für die junge Frau verhandelte die Beratungsfachkraft mit den Gläubigern und erreichte, dass die unwirksamen Verträge storniert wurden.

41 Jugendliche wurden von Oktober 2010 bis Mai 2011 beraten (14 junge Männer und 27 junge Frauen), in Phase 2 kamen 21 dazu. Zunächst hatte Petra Rohowsky das Projekt in persönlichen Gesprächen in insgesamt 42 Bildungs- und anderen Einrichtungen des Kreises vorgestellt. Flyer wurden verteilt, die Sache sprach sich rum. Wer zur Beratung kommt, kann alle seine Rechnungen, Mahnungen und wichtigen Unterlagen mitbringen. Diese werden dann gemeinsam sortiert (manches auch erst mal geöffnet), so dass sich der Jugendliche einen Überblick verschaffen kann, welche Schulden er überhaupt hat und welche Fristen die Gläubiger setzen. "Mit vielen Jugendlichen wurde gemeinsam ein Haushaltsplan erstellt, damit sie erkennen, welche regelmäßigen Ausgaben sie haben, welche Einnahmen dem gegenüber stehen und was sie sich also leisten können", berichtet Petra Rohowsky. Dann kann man erste Schritte gehen, um die Schulden Schritt für Schritt abzubauen. Die eigentliche Schuldenregulierung aber ist nicht Aufgabe dieses Projekts, das wäre Sache der Schuldnerberatungsstelle.

Bei Petra Rohowsky bekommt man relativ schnell einen Termin. Es könnten noch mehr Jugendliche sein, denn die Dunkelziffer von Verschuldung oder drohender Überschuldung ist hoch, weiß Petra Rohowsky. Nur: Wer gibt das gern zu? Wer traut sich, zur Beratung zu gehen und sich dann ernsthaft seinen Schulden zu stellen, mit allen Konsequenzen?

Einige ließen sich zwar einen Termin geben, hielten ihn aber nicht ein. Einige haben einfach "keinen Bock", sich mit ihren Schulden zu befassen. Andere glauben, dass sich alles irgendwie von allein regeln wird. "Viele Jugendliche aber sind schon so hoch verschuldet, die haben gar keine Motivation, arbeiten zu gehen", so Petra Rohowskys Erfahrung. "Die sagen: Dann arbeite ich doch eh nur für die Gläubiger." Umso wichtiger sei es, frühzeitig Hilfsangebote zu nutzen , bevor es zu spät ist.

Jung und schon hoch verschuldet

  • Die Ursachen der Verschuldung bei Jugendlichen reichen von zu hohen Lebenshaltungskosten, über Geldbußen (z.B. für Schwarzfahren), Handyverträge, Miet- und Stromschulden, Versicherungs- und Versandhandelsschulden bis hin zu Autofinanzierungen.
  • Einige haben auch bereits eigene Kinder im Haushalt oder müssen Kindesunterhalt zahlen.
  • Die Höhe der Schulden bei den Jugendlichen, die sich im AWO-Projekt beraten ließen, reicht von 490 bis 32 000 Euro, die Zahl der Gläubiger von zwei bis über 45.
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