Vor 150 Jahren wurde der bedeutende Designer Henry van de Velde geboren.

In Thüringen hinterließ der Belgier zahlreiche Spuren - in Gera das Haus Schulenburg, in Jena das Abbe-Denkmal.

Mit dem Abbe-Tempel steht in Jena einer der wenigen Denkmalbauten Henry van de Veldes. Foto: Tino Zippel

Mit dem Abbe-Tempel steht in Jena einer der wenigen Denkmalbauten Henry van de Veldes. Foto: Tino Zippel

Foto: zgt

Anfang 1913 startet Karl Ernst Osthaus eine Kollekte. Der Bankiersohn aus Hagen hat die Folkwang-Schule gegründet und das Folkwang-Museum erbaut. Dessen Innenausbau hat Henry van de Velde besorgt, der am 3. April 50 Jahre alt wird.

Osthaus schreibt an Bodenhausen, einen der frühestes van de Velde-Verehrer. Der Industrielle und Mäzen hat sich vom berühmten Designer diverse Wohnungen und Villenräume einrichten lassen. Osthaus schreibt an Harry Graf Kessler, Millionär, Sammler, Schriftsteller und Kontrahent des deutschen Kaisers in ästhetischen Fragen, dessen illegitimer Halbbruder Kessler gewesen sein soll. Osthaus schreibt an den Maler Curt Herrmann, treuer Freund und Unterstützer trotz des Desasters der gemeinsamen "Henry van de Velde G.m.b.H.", an deren Ende die Einlage von 130"000 Mark verloren ist. Osthaus schreibt an Herbert Esche in Chemnitz. Der Bau einer Villa für den Chemnitzer Unternehmer war der erste große Auftrag van de Veldes in Mitteldeutschland. Osthaus schreibt viele Briefe. Es kommen 15"000 Mark zusammen. Eine stattliche Summe. Ein Facharbeiter verdient damals im Jahr etwa 1500 Mark.

Die Freunde überlegen, ob sie dem Jubilar eine Maillol-Büste schenken, ihm das Geld als Zuschuss für den Anbau an seinem Haus "Hohe Pappeln" überreichen. Curt Herrmann, der wohl das beste Gespür für die stets prekären Verhältnisse der van de Veldes hat, schlägt vor, dem Künstler das Kapital zur freien Verfügung zu geben.

Bevor die Freunde van de Velde am 3. April im Nietzsche Archiv gratulieren, gibt es in Weimar eine Geburtstagsfeier für den Direktor der Kunstgewerbeschule. In seiner Rede bittet van de Velde Lehrer und Schüler um Nachsicht für seine häufige Abwesenheit und für seine häufig "besorgte" Stimmung. Er versichert, stets das Beste gegeben zu haben für ein zukünftiges Reich einer fleckenlosen Schönheit.

Die Rede ist schon ein Abgesang auf seine Zeit in Weimar. Als ahne er, dass der Großherzog im Herbst von ihm verlangen wird, seinen Nachfolger zu benennen. Van de Velde wird Walter Gropius vorschlagen.

Van de Veldes Dienstherr in Weimar ist ein Mann voller Widersprüche. Jähzornig züchtigt er, wenn er gekränkt ist, eigenhändig seine Untertanen. Den Hoffotografen Held, dem die Nachwelt die vielen Fotodokumente aus den Weimarer Jahren des Künstlers verdankt, schlägt er mit der Reitpeitsche blutig. Als Wilhelm Ernst 1901 Großherzog von Sachsen-Weimar und Eisenach wird, ist er 25 und zählt zu den wohlhabendsten Fürsten Deutschlands. Die Idee seines Nachbarn hat es ihm angetan. Großherzog Ernst Ludwig von Hessen hatte 1899 in Darmstadt die Künstlerkolonie Ma­thildenhöhe gegründet und erwartete aus der Verbindung von Kunst und Handwerk eine wirtschaftliche Belebung für sein Land.

Aber eigentlich ist es die umtriebige Elisabeth Förster-Nietzsche, die die Idee lanciert, Kessler und van de Velde für Weimar zu gewinnen. Letzterer ist ein Star der neuen Design-Szene, doch der Meister der geschwungenen Linie ist gerade in Berlin wirtschaftlich gescheitert. Die Nietzsche-Schwester führt Thüringens Reichtum an Porzellanfabriken, Spielzeugmachern, Glasbläsereien und Töpfereien an, für die der Künstler tätig werden könnte. Auch Kessler setzt sich ein, "Weimar könnte wieder an der Spitze marschieren." Indes der Plan, die kleine, vom Wirtschaftsboom der Gründerjahre weitgehend unberührte Stadt an der Ilm erneut zum nationalen Kulturzentrum zu machen, stößt bei vielen auf Skepsis, selbst bei Walther Rathenow, den van de Velde für seinen Freund hält. "Ersatz-Goethe", lästert der später ermordete Politiker der Weimarer Republik. Überhaupt teilt van de Veldes Konzept die Geister. Er will, beginnend beim Garten über die Architektur des Hauses, die Einrichtung, die Tapeten, die an die Wände zu hängenden Gemälde bis zum Geschirr und den Frauengewändern, alles einem einzigen Stil unterwerfen. Selbst seine glühenden Bewunderer klagen manchmal über die rigiden, keine Änderung zulassenden Vorgaben.

1902 beginnen die Weimarer Jahre des Künstlers. Der Großherzog beruft ihn als neuen Berater für Industrie und Kunstgewerbe. Van de Velde, gerade zum dritten Mal Vater geworden, zieht nach Weimar, baut für seine bald siebenköpfige Familie das Haus "Hohe Pappeln", wird Direktor der Kunstgewerbeschule, baut in ganz Deutschland Häuser, Villen, plant und baut Theater, gestaltet Inneneinrichtungen, entwirft ein Stadion für Nietzsche, das nicht realisiert wird, und schließlich für Jena das Abbe-Denkmal, das realisiert wird.

Die Bekannten und Freunde des Künstler füllen ein eigenen "Wer ist wer" der Mächtigen, Klugen und Reichen der Zeit. Auch der Geraer Textilfabrikant Paul Schulenburg gehört dazu, dessen von van de Velde errichtete Villa das Ärztepaar Kielstein so vorbildlich saniert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat. Anna Luise gehört dazu, letzte Fürstin von Schwarzburg-Rudolstadt, die nach dem Zweiten Weltkrieg als einzige hohe Adlige in der DDR bleibt und vom Arbeiter- und Bauernstaat eine Rente fordert, die ihr verweigert wird. Dazu gehört der in Jena sprichwörtliche Psychiater Binswanger, dessen Rat der immer wieder nervenleidende Künstler sucht.

Der Vielbeschäftigte ist mit Beginn des Ersten Weltkriegs auf einen Schlag zu Untätigkeit verurteilt. In Weimar werden er und die Seinen als feindliche Ausländer schikaniert. Weimar endet für die van de Veldes mit dem finanziellen Totalverlust. Doch auch die 40 Lebensjahre, die noch vor dem genialen Künstler liegen, sind von wirtschaftlichen und familiären Katastrophen überschattet.

In den 20er Jahren kann van de Velde in seiner Heimat als Professor und Institutsdirektor Fuß fassen. 1943 stirbt Louise, seine von seinen Designideen begeisterte Ehefrau, Beraterin und Organisatorin, die stets mit Grandezza die von ihm entworfenen Kleider und den Spott ihrer Geschlechtsgenossinnen trug und ertrug. Nach dem Zweiten Weltkrieg wegen seiner Arbeit unter der deutschen Besatzung angefeindet, zieht er sich in die Schweiz zurück. Dort beginnt der 84-Jährige die Geschichte seines Lebens aufzuschreiben. Zehn Jahre arbeitet er an seinen Erinnerungen.

Obwohl er so viele Häuser für sich und andere baute, lebt er seit 1948 in einem "Bungalow". Ein Ferienhaus, das ihm eine Bekannte seines Freundes und Kollegen Alfred Roth überlässt. Ein Aufruf, den Roth 1951 in einer Zeitschrift abdrucken lässt, um für den greisen van de Velde und dessen Tochter Nele eine neue Bleibe zu finden, hat keinen Erfolg. Ein halbes Jahr noch kann der alte Mann in dem Haus leben, das Roth für ihn baut. Van de Velde stirbt 1957 im Krankenhaus an Grippe. Da sind drei seiner Töchter schon tot, gestorben an Krebs, Tabletten- und Alkoholmissbrauch, verhungert in einem japanischen Konzentrationslager auf Java. Nele, die Malerin, das alte Mädchen, neurotisch, zeitlebens nicht in der Lage, eine Existenz aufzubauen, bleibt einsam im von Roth erbauten Haus zurück. Als einzigem der fünf Kinder ist dem Sohn Thyl ein halbwegs langes Leben beschieden, der den gewaltigen Nachlass seines Vater verwaltet.

Literaturempfehlungen

  • Thomas Föhl: "Henry van de Velde. Architekt und Designer des Jugendstils". Weimarer Verlagsgesellschaft. 425"S., 34 Euro
  • Ursula Muscheler: "Möbel, Kunst und feine Nerven. Henry van de Velde und der Kultus der Schönheit 1895-1914". Behrenberg. 200 S., 25"Euro

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