Das Vermächtnis des falschen Flics – Romantic Comedy französischer Machart

Weimar/Erfurt/Gera  Der Film „Lieber Antoine als gar keinen Ärger“ wandert zwischen den Genres – und unterhält prächtig.

Adèle Haenel als Kommissarin Yvonne in dem bemerkenswerten Streifen „Lieber Antoine als gar keinen Ärger“, der am Donnerstag in die Kinos kommt.

Adèle Haenel als Kommissarin Yvonne in dem bemerkenswerten Streifen „Lieber Antoine als gar keinen Ärger“, der am Donnerstag in die Kinos kommt.

Foto: Neue Visionen Filmverleih/dpa

Der Vorspann zeigt knallhartes Action-Kino: Ein SEK hebt eine Gangster-Wohnung aus; es fliegen die Fäuste und reichlich viel Blei. Trotzdem sind die bizarren Prügeleien irgendwie grotesk übersteigert und enden mit dem Sprung des Kommissars aus dem Fenster – samt glimpflicher Landung im Verdeck eines goldrichtig geparkten Cabrios. Dabei hatte doch alles an der Ankündigung von „Lieber Antoine als gar keinen Ärger“ nach einer Romantic Comedy französischer Machart geklungen. – Genau das ist der neue, vorzüglich besetzte Streifen von Pierre Salvadori letztendlich auch. Nur zeigt er schon zu Beginn seine besonderen Stärken. Diese Woche startet der Streifen in den Thüringer Kinos.

Yvonne (Adèle Haenel) versieht ihren Dienst bei der Kripo in einer französischen Kleinstadt an der Riviera. Sie selbst ist im Dezernat nur ein kleines Licht; dessen – vermeintlicher – Held war ihr verstorbener Mann, der Chef der Truppe, Santi (Vincent Elbaz). Seinem Gedenken errichtet die Kommune sogar ein Denkmal in James-Bond-Pose auf dem Marktplatz. Durch einen Zufall findet Yvonne aber heraus, dass Santi ein Doppelleben geführt hat. Damals, beim vorgetäuschten Raubüberfall im Juwelierladen, sorgte er gar dafür, dass der einzige Unschuldige, der kleine Angestellte Antoine, zu acht Jahren Zuchthaus verknackt wird. Soweit die Vorgeschichte, die in Rückblenden erzählt wird.

Schnitt. Antoine (Pio Marmaï) kommt aus der Haft frei und pisst als erstes vor den Knast. Überhaupt benimmt er sich ziemlich merkwürdig: weil er nach acht Jahren die Welt in Freiheit nicht mehr wiedererkennt, weil er ohnehin ein ziemlich seltsamer Vogel ist – und ein tollpatschiger obendrein. Yvonne entwickelt den gutmenschlichen Drang, ihre schützenden Hände über Antoine zu halten, als er nun seinerseits eine Ganoven-Kariere anstrebt – quasi zur Wiedergutmachung des erlittenen Schicksals. Und alsbald entspinnen sich zärtliche Bande zwischen den Zweien. Zum Personaltableau zählen natürlich auch Yvonnes lieber Kollege Louis (Damien Bonnard), der sich um die Witwe als Tröster bemüht, und Agnès (Audrey Tautou), die poetisch begabte Ehefrau Antoines, die dessen Liebesbetrug scheinbar nicht bemerkt.

So verbindet Regisseur Salvadori virtuos Elemente der gewöhnlichen Schnulze mit solchen des herkömmlichen Action-Kinos – um beide ironisch zu brechen. Mit bemerkenswerter Rasanz werden wir Zuschauer Zeugen abenteuerlich absurder Situationen: hier das Verhör des zünftig in Leder und Lack gekleideten Tatverdächtigen nach einer Razzia im Sadomaso-Bordell, dort der leidenschaftliche Kuss der großen Liebenden in einer Geisterbahn. Salvadoris Film wartet auf mit köstlichen Slapstick-Szenen, vielen kleinen, zündenden Gags und einem wunderbar schrägen Plot, der auf einem dialektischen Rollentausch zwischen Guten und Bösen, Gangstern und Flics basiert. Er ist mit viel Tempo geschnitten, schön fotografiert und die Kamera permanent in Bewegung.

Spiel mit Täuschung und Selbsttäuschung

Die Kunst der Verstellung, der Täuschung und Selbst-Täuschung in erdenklichsten Spielarten – das ist es wohl vor allem was die Kriminalistik und die Liebe verbindet. Jegliche Handgreiflichkeiten mögen nur als Folge dessen entstehen. Salvadori kostet solche provozierbaren Missverständnisse aus und beschert uns wirklich niveauvolles Unterhaltungs-Kino. Dazu gibt es noch eine zweite Ebene der Irrungen, Wirrungen: Denn Yvonne erzählt Heldentaten ihres Mannes dem halbwüchsigen Sohn Theo als Gute-Nacht-Geschichten. So haben wir Zuschauer nicht zuletzt damit zu tun, zwischen ihrer Fantasie und der (filmischen) Realität zu unterscheiden.

Philosophisch führt das den, der darüber nachdenken möchte, ins Reich einer subtilen Dialektik. Etwa wenn Antoine nach einem seiner verqueren Raubzüge seiner Agnès sein einziges Tatmotiv gesteht: „Ich will nicht mehr unschuldig sein.“ Oder wenn wir Yvonnes existenzialistische Nonchalance bemerken: Sie erträgt zwar die herzhaft komisch pervertierten Verhältnisse, kämpft aber – die Polizistin als zweifache Gangsterbraut – mit all ihrer Hilflosigkeit energisch dagegen an. Das ist letztlich das Vermächtnis ihres Gatten Santi, des falschen Flics.

Das Ganze gipfelt in einem Showdown beim Juwelier, und erwartungsgemäß nimmt die Geschichte ein überraschendes Ende. – Im klassischen Pärchen-Zwist an der Kinokasse – Herz-Schmerz oder Action – ist „Lieber Antoine als gar keinen Ärger“ der ideale Kompromiss. Chapeau.

Ab Donnerstag im Kinoclub am Hirschlachufer in Erfurt, im Lichthaus Weimar, im Schillerhof Jena und im Metropol Gera

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