Lehrer in Jena haben große Angst vor Ansteckung

Jena.  Wie die Schulleitung um den Erhalt des Präsenzunterrichts ringt. Vier Jenaer Beispiele.

Zu den Lernutensilien der Schüler gehört längst auch ein Mund-Nase-Schutz.

Zu den Lernutensilien der Schüler gehört längst auch ein Mund-Nase-Schutz.

Foto: Uli Deck / dpa

Die Jenaer Lehrerschaft hadert mit der einen oder anderen Pandemie-Verordnung – und lebt mit der Angst um die eigene Gesundheit. In seinem Kollegium sei es auf Unverständnis gestoßen, dass nach den Herbstferien nicht Blockunterricht verfügt worden ist, sagte Frieder Scharf, amtierender Leiter des Winzerlaer Ernst-Abbe-Gymnasiums. Eine entsprechende 14-tägige Teilung der Klassen hätte sein Team bevorzugt. „Die Angst vor Ansteckung ist bei uns sehr, sehr groß. Ich finde, die Sensibilisierung für die Nöte der Lehrer fehlt ein bisschen.“ Die Öffentlichkeit möge sich bewusst machen, was es heiße, wenn sich in einem Raum 30 Personen aufhalten. Insofern sei auch dies sehr ärgerlich: „Um die Bereitstellung von FFP-2-Masken muss man bitten und betteln. Erst ein ärztliches Attest macht hier den Weg frei.“ Und so ist Frieder Scharf „wirklich stolz“ auf seine Kollegen, dass sie ihre Arbeit unter diesen Bedingungen und „bei einem ganz geringen Krankenstand“ erledigen.

„Wir sind im Hellgrün“

Die offiziell in Thüringen verfügte „Phase Grün“ – also normaler Regelunterricht – sei doch „Augenauswischerei des Ministeriums“, sagte Kerstin Braschel, die Leiterin der Heinrich-Heine-Grundschule in Wenigenjena. Inoffiziell greife „Phase Gelb“ mit Kontaktbeschränkungen doch längst um sich. „Wir sagen scherzhaft: Wir sind im Hellgrün.“ Auf die Corona-Bedrohung ist die Heinrich-Heine-Schule nach Kerstin Braschels Beschreibung aber gut eingestellt mit ihrem jahrgangsübergreifenden System der vier „Lernhäuser“: auf bestimmte Etagen und Räume jeweils konkret zugeteilte vier Klassen mit vier Lehrern und vier Erziehern, die in Unterricht und Pause somit unter sich sind. „Wenn wir das nicht machen würden, hätten wir die Schule schon längst schließen müssen.“ Gleichwohl befänden sich zwei Kinder in Quarantäne, berichtete Kerstin Braschel. „Wir schweben alle in höchst emotionaler Anspannung.“

Dass sein Haus aktuell unter „Phase Gelb“ geführt wird, berichtete Frank Weingart, Leiter des Staatlichen Berufsbildenden Schulzentrums Göschwitz: Ein Schüler gelte als aktiver Corona-Infizierter. Im Kollegium bleibe man sich aber einig, „dass für Schüler und Lehrer der Präsenzunterricht immer noch die beste Form ist“, sagte Weingart. „Alles andere geht zu Lasten der Ausbildung.“ Knifflig wird es nach Frank Weingarts Beschreibung gerade in der dualen Berufsausbildung, wenn die Pandemie-Quoten zum Distanzunterricht zwingen. Man stelle sich einen Handwerksbetrieb vor, wo der Azubi dann seinen Tag verbringt. „Was passiert dann mit den Lern-Inhalten? Dafür braucht er Zeit. Und nicht jeder Betrieb zieht da so mit. Da wird dann gefragt, warum er zu Hause sitzen soll. All das ist also nicht klar geregelt“, sagte Frank Weingart.

Das Maskentragen ist in der Berufsschule kein Muss, sondern ein Kann. „Wir haben auch sehr, sehr vorsichtige Kollegen.“ Und natürlich sei die Raumlüftung samt Protokollierung Pflicht. Nachdem vor Wochen in der Schule zwei Infizierte festgestellt wurden, habe das Gesundheitsamt zuerst nach den Lüftungsprotokollen gefragt.

Kaum noch Vertretungsreserve

Ganz folgerichtig: Das Schulleitungszimmer sei derzeit so etwas wie eine „Chaos-Zentrale“, sagte Sylke Dziambor, die Leiterin der Lobdeburg-Gemeinschaftsschule. Sie sei nur froh, dass sich dank zweier junger Männer als Stellvertreter das Schulleitungssystem in der Waage halten lasse. Nachdem zuletzt eine Klasse und fünf Kollegen in Quarantäne versetzt worden waren, gebe es kaum noch eine Vertretungsreserve, berichtete Sylke Dziambor. „Direkt von Infektionen sind wir zum Glück noch nicht betroffen.“ Deutlich empfinde sie, dass die Pandemie „mit uns allen nichts Gutes“ macht. Die Freude am schönen Lehrer-Beruf „ist gerade etwas gedämpft“. Nach dem Gespräch mit der Zeitung rief Sylke Dziambor noch einmal in der Redaktion an: Soeben sei eine Kollegin positiv getestet worden, die keinerlei Symptome zeigte. Sie habe die Möglichkeit genutzt gehabt, sich einmal pro Woche testen zu lassen. Folge: drei weitere Klassen in Quarantäne.