Wo der Elsässer Flammkuchen dem „Dornburger Bettelmönch“ und der Roulade Konkurrenz macht

Angelika Schimmel
| Lesedauer: 7 Minuten
Jutta und Frank Tischendorf werden nach dem Wochenende Kochjacke und Kellnerschürze an den berühmten Nagel hängen. Nach mehr als 40 Jahren Knochenjob in der Gastronomie verabschieden sich die beiden in den verdienten Ruhestand.

Jutta und Frank Tischendorf werden nach dem Wochenende Kochjacke und Kellnerschürze an den berühmten Nagel hängen. Nach mehr als 40 Jahren Knochenjob in der Gastronomie verabschieden sich die beiden in den verdienten Ruhestand.

Foto: Angelika Schimmel

Dornburg.  Nach mehr als 40 Jahren im Dienst der Gäste legen Jutta und Frank Tischendorf Kochlöffel und Kellnertablett aus der Hand – die Ratskeller-Wirtsleute in Dornburg sagen adieu.

Wenn sich die Türen des Ratskellers in Dornburg mittags für hungrige und durstige Gäste öffnen, haben Jutta und Frank Tischendorf schon eine halbe Schicht hinter sich. Um der Kundschaft stets frisch zubereitete Rouladen mit Klößen, „Dornburger Bettelmönche“ oder an heißen Sommertagen auch eine kalte Gurkensuppe kredenzen zu können, steht die Köchin schon ab 8 Uhr am Herd, während der „Chef“ einkauft oder den Biergarten im Hof empfangsbereit macht.

Denn wenn die angemeldeten Busreisegruppen vor der Tür stehen, muss alles schnell gehen. Und auch die Besucher, die nach einem Spaziergang durch die Dornburger Schlossgärten spontan die große Treppe am altehrwürdigen Rathaus erklimmen, sollen nicht hungrig umkehren müssen. Sind am Nachmittag auch die letzten Kaffeegäste gegangen, ist der Arbeitstag für die Wirtsleute noch nicht vorbei. Küche und Gaststube wollen geputzt, Gläser poliert und ein frisches Fass Bier für den nächsten Tag herbeigeschafft werden. Und nicht selten wird in der kleinen Ratskeller-Küche dann auch noch ein Buffet für Tagungsgäste im Alten Schloss oder ein Sektempfang für frisch getraute Ehepaare und ihre Gäste im Rokokoschloss vorbereitet.

Knochenjob fordert Tribut

Solche Arbeitsspitzen sind für die Tischendorfs „normal“, genau wie die Arbeit an Wochenenden oder Feiertagen. Denn die beiden sind Gastronomen aus Leidenschaft, und das seit mehr als 40 Jahren. Deshalb ist ihnen die Entscheidung, ihr Berufsleben zu beenden und sich von ihren Gästen zu verabschieden, „nicht ganz leichtgefallen“, wie Frank Tischendorf zugibt. Doch der jahrzehntelange Knochenjob in Küche und Gaststube fordert Tribut. Da sei das Erreichen des Rentenalters genau der richtige Zeitpunkt, die Verantwortung abzugeben, sagt er. Dass sich auch noch ein neuer Pächter für die Gaststätte gefunden habe, mache den Abschied leichter.

Immerhin fast 14 Jahre haben Jutta und Frank Tischendorf die traditionsreiche Gaststätte im alten Dornburger Rathaus betrieben. Deutlich länger, nämlich fast ihr ganzes Berufsleben, haben die beiden gemeinsam gearbeitet. „Ich habe Köchin im Schwarzen Bären in Jena gelernt, Frank war dort Kellner, so haben wir uns kennengelernt“, erzählt die schlanke, blonde Frau. Gemeinsam hatte das Paar 1982 die Gaststätte „Blaues Schild“ in Dorndorf-Steudnitz vom Konsum gepachtet und bis kurz vor der Wende geführt. Naitschau im Greizer Land und die urige Gaststätte „Grand Canyon“ in Winzerla waren weitere Stationen. „Doch nach der Wende wurde es immer schwerer in der Gastronomie, mit den vielen Imbissbuden konnten wir preislich nicht mithalten“, erklärt Tischendorf.

Deshalb sind beide um 2000 herum als selbstständige Köche „auf Wanderschaft“ gegangen. Sie haben sich bei Messeveranstaltern in Stuttgart, Leipzig und anderswo verdingt, haben während der Fußball-Weltmeisterschaft in verschiedenen großen Stadien Mannschaften und Fußballfans kulinarisch versorgt und Mitarbeiter eines großen Automobilkonzerns in Baden-Württemberg von der Klasse der Thüringer Küche überzeugt. Auch in Österreich und in der Schweiz haben Jutta und Frank Tischendorf den Kochlöffel geschwungen und am Grill gestanden. „Doch es zog uns wieder in die alte Heimat zurück, so dass wir uns 2008 hier in der Region einige Gaststätten angeschaut haben, die neue Wirtsleute suchten“, erzählt er.

Der „Schieferhof“ in Dorndorf wäre es fast geworden, doch dann hörten sie vom Ratskeller in Dornburg. Im Dezember jenes Jahres übernahmen sie die Gaststätte und errangen sich seither mit guter Thüringer Küche, manchem kulinarischen Mitbringsel von der Wanderschaft, wie dem Elsässer Flammkuchen, und gutem Service das Vertrauen der Einheimischen und von Touristen.

Gäste hielten die Treue

Dabei reichte das Angebot weit über reine kulinarische Offerten hinaus, es wurden Weinabende mit Buchlesungen organisiert, Tischendorf lud zu Whiskey-Verkostungen und auch Konzerten im Biergarten ein. Und, darauf sind Tischendorfs sicher zu Recht stolz, die Gäste hielten dem „Ratskeller“ auch in widrigen Zeiten die Treue. Davon gab es bis zuletzt reichlich. „Insgesamt viermal war der Dornburger Berg gesperrt, und das nicht nur ein paar Wochen lang, sondern Monate, und einmal sogar mehr als ein Jahr. Unsere Gäste mussten lange Umwege in Kauf nehmen, um hier herauf zu kommen“, erinnert sich Tischendorf. Dann wurde der Dornburger Markt umgestaltet und saniert, auch das dauerte ein Jahr lang. „Wir hatten nicht mal mehr eine Treppe, die Gäste mussten über Bohlen in den Hof zur Hintertür balancieren“, erzählt der Wirt.

Und schließlich sorgte Corona dafür, dass die Gaststube fast zwei Jahre geschlossen bleiben musste. „Damals haben wir erstmals nachgedacht, das Geschäft aufzugeben“, räumt Jutta Tischendorf ein. Doch mit Energie und Ideen für den Außerhaus-Verkauf von Ratskeller-Spezialitäten ging es weiter. Die Stammgäste holten sich ihren Sonntagsbraten eben an der Küchentür ab, und mit der Idee stilvoller „Wohnmobil-Dinner“ lockte das Paar Kundschaft selbst aus der Ferne nach Dornburg. Die tafelte dann auf dem Dornburger Marktplatz in ihrem rollenden Wohnzimmer und ließ sich Aperitif, Gänsekeule, Hirschbraten und Panna Cotta schmecken, die Jutta und Frank Tischendorf ihnen kredenzten.

Ausverkauf am Sonntag

In den nächsten Wochen jedoch könnte es sein, dass die Tischendorfs mit ihrem rollenden Mini-Heim selbst auf Tour gehen und sich in anderen Regionen des Landes kulinarisch verwöhnen lassen. „Wir haben noch keine festen Pläne für unseren Ruhestand, wir werden das erstmal sacken lassen“, räumen beide ein. Auf jeden Fall wollen sie mehr Zeit für sich, die beiden Enkel und die ein oder andere Wohnmobil-Tour haben.

Doch zuvor organisieren sie am kommenden Wochenende ein Abschiedsfest für die Dornburger und andere Gäste. Am Sonnabend, 6. August, gibt es ab 9 Uhr einen Haus-Flohmarkt, nachmittags wird – solange der Vorrat reicht - Kaffee und Kuchen aufgetischt, und am Abend spielt die Band „Live Projekt“ aus Halle auf, während Freibier aus dem Zapfhahn fließt. „Und am Sonntag ist Ausverkauf aus Kühlschrank und Keller.“ Dann sagen Tischendorfs „Auf Wiedersehen“ und übergeben den Schlüssel an ihren Nachfolger, der ihrem Wissen nach vier Wochen später den traditionsreichen Ratskeller wieder öffnen will. Die Geschichte des schon im 17. Jahrhundert bekannten Gasthofes in Dornburg wird also weiter geschrieben.