Mit dem Protest-Trecker aus dem Südharz nach Berlin

Südharz.  Südharzer Landwirte beteiligen sich an Sternfahrt in die Bundeshauptstadt. Agrarpaket hätte mit Betroffenen diskutiert werden sollen.

Vor der Abfahrt wurde das Transparent am Traktor von Benjamin Engelke, Jens Bauersfeld und Erik Förster (im Bild von links) ausprobiert. Darauf steht: „Erst wenn der letzte Landwirt, Handwerker und Arbeiter zugrunde reguliert wurde, wird man feststellen, dass Freitagsschwänzer, Klimaaktivisten, Influencer, Youtuber und Politiker nichts Lebensnotwendiges herstellen“

Vor der Abfahrt wurde das Transparent am Traktor von Benjamin Engelke, Jens Bauersfeld und Erik Förster (im Bild von links) ausprobiert. Darauf steht: „Erst wenn der letzte Landwirt, Handwerker und Arbeiter zugrunde reguliert wurde, wird man feststellen, dass Freitagsschwänzer, Klimaaktivisten, Influencer, Youtuber und Politiker nichts Lebensnotwendiges herstellen“

Foto: Marco Kneise

Strengere Düngeverordnungen, Tiefstpreise bei Fleisch, Wurst und Milch. Für Jens Bauersfeld reicht’s. Blickt der Windehäuser Landwirt aus agrarpolitischer Sicht nach Berlin, schüttelt er mit dem Kopf. Das Agrarpaket, welches derzeit in der Bundeshauptstadt für alle Landwirte geschnürt werde, sei aus seinem Blickwinkel mit erheblichen Einschränkungen und deutlichen Mehrkosten bei sinkenden Erträgen verbunden. Darum drehen sich die Gespräche in den vergangenen Tagen bei der Agrarproduktion Zorgeland überwiegend um die Spreemetropole. Denn diese ist, ebenso wie für tausende andere Landwirte, am Dienstag das Ziel einer Sternfahrt, bei der die Teilnehmer mit Traktoren aus ganz Deutschland anreisen.

Vor dem Brandenburger Tor wolle sich Jens Bauersfeld zusammen mit seinen Windehäuser Kollegen Erik Förster und Benjamin Engelke und einem Traktor Luft machen und seiner Stimmung Gehör verschaffen. Nicht nur um ein Zeichen gegen die derzeitige Agrarpolitik zu setzen, sondern auch um die Akzeptanz der Landwirtschaft in der Gesellschaft geradezurücken. „In den vergangenen Monaten hat sich die Klimadiskussion immer mehr hochgebauscht. Schlussendlich hat man den Landwirt als Schuldigen in der Gesellschaft ausgemacht, weil der sich als Einzelner bei all den Verordnungen und Zwängen nicht wehren kann“, entrüstet sich Bauersfeld und merkt an, dass die geplante Dünge- und Pflanzenschutzverordnung seinesgleichen in der Welt suche. Daher hätte sich der Windehäuser vor dem Schnüren des Agrarpakets gewünscht, dass man mit den Betroffenen im Vorfeld redet. Reden darüber, ob es überhaupt praktikabel sei, was bei einer Umsetzung mit der deutschen Landwirtschaft passiere und wie man im Vergleich mit anderen Produzenten in Osteuropa oder Brasilien dastehe.

Der Südharz wird bei den Protesten in Berlin stark vertreten sein, wie Susann Goldhammer, Geschäftsführerin im Kreisbauernverband, weiß. Der zufolge beteiligen sich an der Sternfahrt 15 Traktoren mit je zwei Landwirten der Region. Zusätzlich, sagt sie, fahre ein Bus mit 48 Nordthüringer Bauern in die Bundeshauptstadt. Während in Windehausen noch Vorbereitungen für die Fahrt nach Berlin getroffen werden, ist Frank Wagner schon unterwegs. Gegen 5 Uhr ist der Mörbacher Landwirt gestartet, um vom ostthüringischen Triptis aus gemeinsam mit vielen anderen Bauern aus dem Freistaat und aus Bayern zu starten. „Was wir erleben, ist der Wahnsinn“, beschreibt er am Telefon seine Eindrücke von der rund 15 Kilometer langen Traktorenschlange auf der A 9. Er selbst hat gerade das Hermsdorfer Kreuz passiert, als wir ihn telefonisch erreichen. „Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 25 Stundenkilometern“, schiebt er amüsiert hinterher. Den Organisatoren der Sternfahrt spricht er derweil seinen Dank aus, angesichts der vielen von Polizisten gesperrten Autobahnauffahrten. Doch viel mehr beeindrucken den Mörbacher die Brücken und Lkw auf der A 9. Letztere hupen, um ihre Solidarität mit den Landwirten zu bekunden. „Und auf allen Brücken, unter denen wir fahren, stehen außerdem viele Schaulustige, die uns aufmunternd zuwinken“, sagt Wagner, der mit 1500 anderen Landwirten auf einen Spargelhof bei Beelitz zusteuert. Hier wollen die Bauern übernachten, bevor es zum großen Protest am Brandenburger Tor geht.

„Lasst uns reden: Landwirte bitten zum Dialog“ – unter diesem Motto lädt die TA gemeinsam mit dem Kreisbauernverband am Donnerstag, 28. November, ab 17 Uhr zu einer Podiumsdiskussion ein. Wie kommt es mancherorts zu erhöhten Nitrat-Werten im Boden? Und warum jammern Bauern laut Volksmund eigentlich ständig, wo sie doch auf satte Förderungen durch die Direktzahlungen der EU vertrauen dürfen? Fragen wie diesen will TA-Redaktionsleiter Peter Cott im Sundhäuser Scheunenhof gemeinsam mit dem Publikum auf den Grund gehen. Im Podium sitzen Betina Pitzer vom Bauernverband, Andreas Gerbothe vom Obersachswerfer Milchviehbetrieb und Marcus Bertuch von der Agrar GmbH Mauderode-Herreden.

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