Viele Nordhäuser Juden lebten in der Nähe des Marktes

Nordhausen.  In fünf Teilen werden die zentralen Orte des jüdischen Lebens im 19. Jahrhundert vorgestellt. Den Anfang machen die jüdischen Lebensmittelpunkte.

Familienfoto aus dem Tagebuch, entstanden Weihnachten 1903 (1. Reihe: Tochter Maria, die Eltern Emma und Adolf Eisner; 2. Reihe: Söhne Walter und Otto Eisner).

Familienfoto aus dem Tagebuch, entstanden Weihnachten 1903 (1. Reihe: Tochter Maria, die Eltern Emma und Adolf Eisner; 2. Reihe: Söhne Walter und Otto Eisner).

Foto: Marie-Luis Zahradnik

Jährlich wird an die Opfer des Pogroms in der „Reichskristallnacht“ 1938 in verschiedener Form gedacht und zugleich gemahnt, dass in die Gesellschaft durch solch ein schreckliches Ereignis kein Keil mehr getrieben werden möge. Als Beitrag zum Gedenken werden in fünf Teilen zentrale Orte des jüdischen Lebens im 19. Jahrhundert in Nordhausen in unserer Zeitung vorgestellt. Zum Auftakt geht es um die jüdischen Lebensmittelpunkte in der Stadt. Weitere Folgen dieser Reihe sind dem Betlokal, der Synagoge, dem jüdischen Badehaus, der jüdischen Schule und dem jüdischen Friedhof gewidmet.

Wohl zum kostbarsten Schatz des Gedenkens und schließlich gegen das Vergessen gehört, die Erinnerungen von uns selbst oder von anderen weiterzugeben, sei es durch aktives Berichten in einem Gespräch oder durch schriftlich festgehaltene Gedächtnisszenen wie in einem Tagebuch oder in einer Autobiographie.

So war es Emma Eisner, geb. Paderstein, ein wichtiges Anliegen, die Familiengeschichte weiterzugeben. Sie war die Frau von Adolf Eisner, Fabrikant und Inhaber der elterlichen Firma „Moritz Eisner“, und begann mit der Geburt ihres zweiten Sohnes Otto am 21. Mai 1892 ein Kindertagebuch für ihn zu schreiben. Dieses führte sie bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1914. Es hat einen unschätzbaren Wert, da es Einblicke in eine jüdische Familie in Nordhausen gewährt und zugleich eine sehr persönliche und liebevolle Geste darstellt, wenn eine Mutter ihre Gedanken für ihr Kind als Erinnerungen niederschreibt und sorgfältig mit Bildern und Zeitungsartikeln ergänzt. Nach ihrer Emigration nach Holland wurde Emma Eisner 1938 verhaftet und im Vernichtungslager Sobibor im April 1943 ermordet.

Nachbarschaft spielte eine große Rolle

Mit heiterer Leichtigkeit beschrieb Emma Eisner, wie sie Otto als kleinen Jungen allein zu „Kurt“ in das Kolonialwarengeschäft, Ecke Bahnhofstraße, in die Nachbarschaft schickte, um für seinen Vater Hustenbonbons für zehn Reichspfennige zu kaufen. Nur die genannte Währung und der Begriff „Kolonialwarengeschäft“ verraten, dass diese Alltagssituation zu längst vergangen Tagen des deutschen Kaiserreiches gehören muss. Als Emma Eisner im August 1897 darüber schrieb, war die Nachbarschaft ein wichtiger Grundpfeiler für das Miteinander in der Gesellschaft.

Das von Emma Eisner festgehaltene Wort „Nachbarschaft“ lädt dazu ein, auf die Wohnlage der jüdischen Mitmenschen im 19. Jahrhundert in Nordhausen zu blicken, um zu verstehen, welche Bedeutung „Nachbarschaft“ hatte.

Die meisten jüdischen Familien wohnten in der Nähe des Marktes, dort, wo das Leben der Stadt seinen Mittelpunkt hatte. Die Juden waren also mitten im Stadtbild präsent. Es gab kein Ghetto, in dem die Juden unter sich blieben, sondern sie lebten unter Christen als Nachbarn. Dem muss eine Anpassung vorausgegangen sein, die auf die Reformen der westphälischen Zeit (1807/1808 bis 1813) zurückzuführen sind. In der Jüdengasse, die nach dem dort bis zum Jahr 1324 gewesenen Judenhaus benannt wurde, lebten um 1830 keine Juden.

Juden trafen sich auch an Orten der jüdischen Gemeinde

Natürlich hatten die jüdischen Mitmenschen auch zentrale Orte der jüdischen Gemeinde in Nordhausen. Das waren seit 1808 ein Betsaal in der Rittergasse, der 1845 mit dem Umzug in die neu gebaute architektonisch stilvolle Synagoge am Pferdemarkt aufgegeben wurde.

Das „Judenbad“ war ein religiös wichtiger Punkt. Es diente der rituellen Waschung. Laut den Einträgen in den Adressbüchern von 1824 und 1882 befand sich das jüdische Badehaus in der Hagengasse 74 (später mit der neuen Hausnummer 23) und war im Besitz der jüdischen Gemeinde. In dem Haus wohnten auch ab den 1860er-Jahren jüdische Gemeindemitglieder wie Lißmann, Hecht, Schottländer und Buchtler sowie zuletzt Havelland. Im Adressbuch von 1885 ist das Haus nicht mehr als Bad oder Gemeindehaus aufgeführt.

Die Urbanisierung der Juden folgte nicht nur durch die Annahme von bürgerlichen Lebensweisen, sondern mit ihr war bei günstigen wirtschaftlichen Bedingungen auch der Erwerb von Besitz und Eigentum verbunden.

Die skizzierten Wohnverhältnisse waren eine Folge der westphälischen Herrschaft (1807/08 bis 1813), die allein durch die gewährte Niederlassungsfreiheit eine gesellschaftliche Angleichung der städtischen Wohnverhältnisse von Christen und Juden förderte. Ebenso wurde auch der Grundstein für die Auflösung der relativ festen Wohn- und Arbeitsräume gelegt, so dass die Juden räumlich expandierten und damit auch die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt unterstützten. Bis zur Zeit des Nationalsozialismus lebten die Juden verstreut in den Straßen der Stadt und entwickelten ihre Lebens- und Arbeitsweise inmitten der christlichen Umwelt.

Die Autorin ist Historikerin aus Nordhausen. Weiterführende Forschungsergebnisse zur jüdischen Gemeinde in Nordhausen im 19. Jahrhundert nebst ausführlichen Quellenangaben finden sich in ihrer im Verlag der Friedrich-Christian-Lesser-Stiftung im Jahr 2018 erschienenen Dissertation „Vom reichsstädtischen Schutzjuden zum preußischen Staatsbürger jüdischen Glaubens. Chancen und Grenzen der Integration der Nordhäuser Juden im 19. Jahrhundert.“

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