Burnout unter Geistlichen: Drei Orlatal-Pfarrer berichten

Pößneck/Neustadt.  Seelsorger, Manager, Finanzexperte: Drei Pfarrer aus dem Orlatal berichten über ihren Job, der sie von Zeit zu Zeit ans Limit bringt.

Pfarrer David Wagner zeigt die Neustädter Stadtkirche und erzählt über Arbeitsbelastungen in seinem Beruf. 

Pfarrer David Wagner zeigt die Neustädter Stadtkirche und erzählt über Arbeitsbelastungen in seinem Beruf. 

Foto: Foto: Marcus Cislak

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„Ich bin in der glücklichen Lage, dreiviertel meiner Dienstzeit als Religionspädagoge in Schulen zu verbringen“, sagt Pfarrer David Wagner. Aus seinem beruflichen Umfeld kenne er allerdings Kollegen, die mit sehr starken Arbeitsbelastungen zu kämpfen hätten. Gab es früher in jedem Dorf einen Geistlichen, sind viele mitunter für 20 und mehr Kirchgemeinden verantwortlich. „Sie verbringen daher sehr viel Zeit im Auto“, weiß er. Kürzlich stellte eine Studie, die von Greifswalder Wissenschaftlern erstellt worden ist, fest, dass fast jeder achte Pfarrer im Gebiet der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) vom Burnout-Syndrom betroffen sei.

Wagner findet, dass selbst Berufsanfänger mit einer Fülle an täglichen Terminen konfrontiert sind. Das stelle zunächst einmal kein Problem dar, doch der eigentliche Job, den er als Kreativberuf bezeichnet, bleibe oft auf der Strecke.

Job ist viel mehr als Bibelstudium, Predigt und Seelsorge

„Die drei Säulen unserer Arbeit sollten sein: Das Bibelstudium an sich und zweitens, darauf aufbauend, die Predigt, also die pädagogisch-rhetorische Arbeit, und drittens die Seelsorge. Es wäre wunderbar, wenn es nur das wäre“, meint Wagner. Doch es sei viel mehr: Der Pfarrer müsse Führungskompetenz beweisen und Verantwortung für Entscheidungen übernehmen, die Organisation von Veranstaltungen managen, sich im Kirchen- und Baurecht auskennen, die Finanzen im Blick behalten und mit den unterschiedlichen menschlichen Charakteren, auf die man tagtäglich trifft, agieren. „Man stößt bei der Breite an Tätigkeiten schnell an seine Grenzen“, so der Neustädter.

Das kann auch der Pößnecker Pfarrer Jörg Reichmann bestätigen. Er gab dann auch im Juli 2018 das Amt des stellvertretenden Superintendenten des Kirchenkreises Schleiz auf, welches mehr als 140 Kirchgemeinden umfasst. Aus gesundheitlichen Gründen, wie es damals hieß. „Es ist mir zu viel geworden, deshalb gab ich das Amt ab“, sagt Reichmann knapp.

Es sei nicht so sehr die Sieben-Tage-Woche, in denen an manchen Tagen schon mal 12 bis 14 Stunden gearbeitet wird, sondern die Vielfalt an den gestellten Aufgaben. Über mangelnde Arbeit könne er sich jedenfalls nicht beklagen.

Wenn man den Beruf ergreife, sollte einem schon bewusst sein, dass das Arbeitsaufkommen hoch werde, findet er.

Dankbar zeigen sich der Pößnecker und Neustädter Pfarrer gegenüber den Verwaltungsmitarbeitern in den Pfarrämtern und den ehrenamtlich Tätigen vor Ort. „Auch wenn es nicht so einfach ist, die Gemeindemitglieder für eine kontinuierlich zu Arbeit zu gewinnen“, so Jörg Reichmann.

Überlastung im Beruf ist individuell empfunden

„Es ist eine Sache der persönlichen Empfindung“, sagt der Zweite Stellvertretende Superintendent des Schleizer Kirchenkreises, Jürgen Wolf, zum Thema Überlastung. Es ist eine Mischung aus äußeren und inneren Einflüssen. Je mehr Druck man sich selbst auferlegt und auch von außen kommt, zum Beispiel durch hohe Arbeitsbelastung, desto höher sei die Gefahr der Überforderung. „Ich bin kilometerweit davon entfernt“, sagt er. Im Kirchenkreis Schleiz bemerke er unter Kollegen wenig Tendenzen dazu.

Ob das Arbeitsaufkommen der Pfarrer künftig weniger werde, sei fraglich. „In der EKM sind 150 Pfarrstellen unbesetzt“, weiß er. Es fehle schlicht an ausgebildetem Personal.

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